VerkehrSchifffahrt

Die deutsche Seewarte in Hamburg

Der Stein der Weisen • 1891

Aus der Mangelhaftigkeit der gegenwärtig üblichen Wetterprognose, welche freilich durch die praktische Erfahrung der einzelnen Meteorologen zum Teile kompensiert wird, ergibt sich das Bedürfnis, die Vorausbestimmung der mutmaßlichen Witterung auch noch auf andere Beobachtungen zu stützen, als sie die offiziellen Wetterberichte bieten. Denn in diesem Falle, d. h. wenn der Wetterprognose nicht auch praktische Erfahrung zur Seite steht, besitzt sie einen sehr problematischen Wert. Für gewisse Berufszweige ist die Vorauskenntnis der mutmaßlichen Witterung von ganz besonderer Bedeutung. Wir meinen den Seemann und den Landwirt.

Die deutsche Seewarte in HamburgDie deutsche Seewarte in Hamburg.

Die maritime oder nautische Meteorologie hat daher vor allem die Aufgabe, für die Segelschiffe die besten und kürzesten ›Segelrouten‹ aufzustellen und für das Steuern des Schiffes im Falle eines Wirbelsturmes entsprechende ›Sturmregeln‹ zu erteilen. Wir wissen, dass die ersteren auf einer genaueren Kenntnis der Meeresströmungen und der vorherrschenden Winde beruhen und dass die ersten wesentlich verbesserten Segelrouten von dem amerikanischen Kapitän Maury aufgestellt wurden. Das Material für die stete Vervollkommnung der maritimen Meteorologie wird in erster Linie von den Führern der Schiffe gesammelt.

In dieser Hinsicht hat sich namentlich in Deutschland der vortreffliche Leiter der deutschen Seewarte in Hamburg, G. Neumayer, verdient gemacht. Jedem Schiffskapitän, der sich zur Mitarbeit an der Förderung bereiterklärt, wird von der Seewarte ein Formularbuch ausgehändigt. In dieses trägt nun der Kapitän zu drei bestimmten Tagesstunden die geografische Position seines Schiffes, Windrichtung, Windstärke, die Ablesungen am Barometer, Thermometer und Psychrometer, Wolkenbildung und Himmelsansicht, Beobachtungen über Seegang und eventuelle Meeresströmungen, endlich Temperatur und Dichte des Meerwassers ein. Die Journale werden, sobald das Schiff den Hafen erreicht hat, an die Seewarte eingesendet und dort geprüft. So sammelt sich ein äußerst wertvolles, stets wachsendes Beobachtungsmaterial an. Kann ein gewöhnlicher, wenn auch sehr heftiger Sturm einem tüchtigen Schiffe auf offener See nicht viel anhaben, so ändert sich dagegen die Situation wesentlich in der Nähe der Küste.

In solchem Falle ist es für den Befehlshaber eines Schiffes von großem Wert, rechtzeitig auf einen herannahenden Sturm aufmerksam gemacht zu werden.

Dieses Bedürfnis des Seefahrers hat das heute allgemein durchgeführte Sturmwarnungswesen ins Leben gerufen, welches die Hauptaufgabe der litoralen oder Küstenmeteorologie bildet.

• Auf epilog.de am 16. März 2021 veröffentlicht