VerkehrSchifffahrt

Der schwimmende Riesenkran ›Reliance‹

Der Stein der Weisen • 1891

Die ›Chapman Kran- und Schiffstrümmerhebungs-Gesellschaft‹ in New York hat unlängst mit Erfolg zwei Operationen durchgeführt, welche die Aufmerksamkeit des Publikums in hohem Grade in Anspruch genommen haben. Als vor einiger Zeit nämlich der berühmte Inman-Dampfer ›City of New York‹ nach Beendigung einer Ozeanfahrt den Hudsonstrom hinauf segelte, traf einer seiner Zwillingspropeller das Schleppschiff ›Vicking‹ derart, dass er diesem ein Loch in die Seite rammte, in Folge dessen das Boot augenblicklich sank. Die Chapman-Gesellschaft sandte sofort ihren Kran ›Reliance‹ an Ort und Stelle und ließ durch einen Taucher Ketten um den Rumpf des gesunkenen Schiffes legen, deren so gebildete Schlingen an dem mächtigen Rahmen des Krans befestigt wurden, so dass das Schleppschiff langsam an die Oberfläche des Wassers gehoben und in Reparatur genommen werden konnte.

Schon nach einigen Tagen sank abermals ein Schleppboot, der ›James A. Garfield‹, in Folge einer stattgefundenen Kollision mit einem anderen Dampfer.

Auch dieses Schleppschiff wurde in nur wenigen Tagen durch die ›Reliance‹ an die Oberfläche gehoben, wobei sich der seltsame Umstand herausstellte, dass, obgleich das Boot sofort sank, dessen Rumpf doch vollkommen intakt war.

Der nämlichen Gesellschaft fiel auch die Aufgabe zu, den Elefanten ›Jumbo‹ nach seiner Fahrt über den Ozean samt seinem Käfig aus dem Dampfer zu heben, deren sie sich ebenfalls mit Leichtigkeit entledigte. Sodann war die Unterbringung eines 50 Tonnen schweren Granitblocks in einem Kanalboot, welcher die Basis eines John Wentworth in Chicago zu errichtenden Denkmals bilden sollte, eine der jüngsten Ausführungen der ›Reliance‹. Nachdem das Boot bereits abgefahren war, stellte es sich heraus, dass dasselbe an verschiedenen Stellen des Kanals nicht vorbei konnte, daher es zurückkehrte, und der große Block mittelst des Krans umgestürzt und diesmal schräg in das Boot gelegt wurde, so dass der Verschiffung jetzt kein Hindernis mehr im Wege stand.

Der schwimmende Riesenkran Reliance

Der fragliche Riesenkran wurde von Herrn W. E. Chapman gebaut und ist durch das demselben bewilligte Patent geschützt. Vom Verdeck eines Flachbootes, das mit wasserdichten Abteilungen nebst Pumpvorrichtungen versehen ist, um von Wasserballast Gebrauch zu machen, erhebt sich ein Rahmen in der Gestalt eines großen Buchstaben A. Ein schräg liegender Baum ist unterhalb des Rahmens mittelst eines Zapfens ans Verdeck befestigt und wird durch an seiner Spitze befindliches und nach dem Rahmen zurücklaufendes Tauwerk in Bewegung gesetzt. Dieser Baum sowohl als die beiden Stücke des Rahmens sind aus Fassdauben aufgebaut, welche in regelmäßigen Zwischenräumen bereift sind. Wie aus der Abbildung weiter ersichtlich, laufen von dem Kopf des Rahmens rückwärts eine Anzahl mit Drehschnallen versehener Taue zum Verdeck hinab, wo sie auf beiden Bordseiten befestigt sind. Auf dem Verdeck befindet sich der nötige Dampfapparat für die Bewegung des Krans und das Auspumpen der Abteilungen.

Die beigegebene Abbildung führt die Hebung einer gesunkenen Lokomotive vor, die von einer Werft am Hudsonriver und am Ende der 22. Weststraße in New York in den Strom fuhr und durch die ›Reliance‹ samt allem Zubehör in einem Zuge an die Oberfläche gehoben wurde, ohne dass die Maschinerie beschädigt worden wäre. Es wurde ein Taucher hinabgesandt, welcher einen schweren Bolzen quer über die innere Seite der Feueröffnung steckte, um daran die Kette zu befestigen, so dass die Hebung vonstattengehen konnte, wie auf dem Bild zu sehen ist. Diese Lokomotive war eine Schulmaschine der Erie-Bahn und niemand befand sich darauf, als sie in den Fluss fuhr. Aber jemand am Ufer muss jedenfalls irgend ein schweres Stück in den Schutzraum derselben geworfen haben, welches den Ventilgriff oder Reversierhebel berührte und hinreichend bewegte, um die Maschine in Bewegung zu setzen, so dass sie die Böschung hinabfuhr und ins Wasser stürzte; denn anders ist die Ursache dieses sonderbaren Ereignisses nicht zu erklären.

• Spectator

• Auf epilog.de am 11. März 2021 veröffentlicht