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Automobile Feuerspritzen

Allgemeine Automobil-Zeitung • 14.1.1900

Jumbo, Automobile FeuerspritzeAbb. 1. ›Jumbo‹ auf der Fahrt zu einem Brandplatz.

In Anbetracht dessen, dass der Verkehr in den großen Städten durch die Verwendung des Automobils allmählich revolutioniert wird, tritt auch die Frage der Reform des Löschwesens in den Vordergrund. In dieser Richtung wurden schon unterschiedliche Schritte unternommen, so in Paris, in New York, Boston, Hartford, Pittsburg und Buffalo. In den genannten Städten sind automobile Feuerspritzen schon seit einiger Zeit in Verwendung und das Studium der Experimente ist bereits vorüber.

Die amerikanische Stadt Hartford in Connecticut ist im stolzen Besitz der größten und kräftigsten automobilen Feuerspritze der Welt; sie heißt ›Jumbo‹. Unsere Abb. 1 zeigt nach The Automobil Magazine Jumbo auf dem Weg zu einem Brand. Diese automobile Feuerspritze ist 3 m hoch, 5,2 m lang, wiegt 8,5 t und kann in der Minute 5000 Liter Wasser in einen Feuerherd schleudern.

Dampffeuerspritze BostonAbb. 2. Automobile Dampffeuerspritze der Bostoner Feuerwehr.

Die automobilen Spritzen der Bostoner Feuerwehr (Abb. 2) sind 3 m hoch, 5 m lang, 2,2 m breit und wiegen, vollständig für den Dienst ausgerüstet, rund 8 t. Die Art und Weise der Handhabung dieser selbstbeweglichen Feuerspritzen ist sehr einfach. Der Chefingenieur steht rückwärts beim Feuerungskessel der Maschine und bedient die verschiedenen Hebel und Räder, welche die Bewegung des Automobils starten, stoppen oder regulieren. Der Hilfsingenieur sitzt auf dem Kutschbock und lenkt. Die Maschine kann in einer gewöhnlichen Straße mit Sicherheit gewendet werden. Auch diese Feuerspritze kann nach Belieben nach vor- oder rückwärts gefahren werden. Jede Maschine führt einen Reserve-Wasserbehälter mit sich, der nach Ankunft der Spritze aus dem Brandplatz ihren Kessel mit Wasser versorgt, bis der Anschluss an einen Hydranten erfolgt ist. Das Automobil entwickelt auf guter ebener Straße eine Maximalgeschwindigkeit von 20 km/h und kann jede Steigung bewältigen, die ein Team von Pferden mit einer schweren Ladung zu bezwingen vermag.

Die Pariser Feuerwehr hat es der Tatkraft des Captain Cordier, technischer Ingenieur des Sapeurs-Pompiers-Regiment, zu verdanken, dass sie in puncto Ausstattung mit automobilen Spritzen und selbstbeweglichen Geräte- und Mannschaftswagen am weitesten vorgeschritten ist.

Die erste automobile Feuerspritze, die in Paris bei einem Brand ihre Feuertaufe empfing, war entworfen von Porteu, konstruiert von Cambier in Lille.

Das Rahmengestell der Maschine besteht aus U-förmigen Stangeneisen und trägt den Motor und die Pumpe. Der Benzin-Motor ist rückwärts montiert und besteht aus vier Explosionszylindern C (Abb. 3 u. 4), die paarweise und symmetrisch zur Längsachse des Wagens angebracht sind. Das Vehikel hat 22 PS, die Zündung ist elektrisch, die Vergasung geschieht durch einen Longuemare-Apparat.

BenzinfeuerspritzeAbb. 3. Porteus Automobil-Benzinfeuerspritze.

Die vier Kolbenstangen sind paarweise auf zwei Kurbeln vereint und übertragen die Bewegung auf die Welle A, welche an ihren Enden die Schwungräder VV trägt. Die Welle gibt mittels einer Triebrädergarnitur die Bewegung an ein transversales Vorgelege A’ ab, das wir, da es nach Belieben die Fortbewegung, wie das Pumpwerk besorgt, den ›Bewegungsverteiler‹ nennen möchten. Durch die Riemenscheiben M N O wird die Bewegung dem Fahrzeug vermittelt. Die Riemenscheiben haben einen verschiedenen Durchmesser und ermöglichen so die beiden Geschwindigkeiten von stündlich 8 km/h und ca. 15 km/h. Sie treiben eine Reihe von fixen, b d, und leeren Riemenscheiben b’ d’, welche aus der die Kettenräder p p tragenden Welle verkeilt sind.

Die Übersetzung von einer Riemenscheibe auf die andere wird durch sich kreuzende Riemen besorgt. Die Verschiebung dieser Transmissionsriemen von der bewegten auf die leere Scheibe geschieht durch ein Gestänge h h, welches durch einen an der Wagenfront befindlichen und mit dem Steuerrad V’ auf derselben Achse montierten Hebel L reguliert wird.

BenzinfeuerspritzeAbb. 4. Porteus Automobil-Benzinfeuerspritze.

Die Transmissionsscheiben N und e gehören für den Reversiermechanismus; sie sind durch einen Riemen verbunden, auf den ein Riemenspanner einwirkt, der durch ein unter dem Vordersitz angebrachtes Handrad V’’ dirigiert wird. Alle Riemen sind durch ein Eisenblechgehäuse vor dem Pumpenwasser geschützt.

Die Pumpen werden durch die Welle A’, die mittels eines auf der Achse verkeilten Getriebes die Bewegung auf das Triebrad M überträgt, betrieben.

Das Einrücken der Trommeln, sowie das Ausrücken der Pumpe geschieht momentan und automatisch. Die Löscharbeit kann also, sobald die Maschine auf dem Brandplatz anlangt, sofort beginnen, ohne dass man den Motorgang irgendwie zu modifizieren braucht.

Die nach Thirions System konstruierte Pumpe kann in einer Minute ca. 12 000 Liter Wasser emporschleudern. Die Kraftübertragung geschieht hier durch ein Getriebe, wodurch die bei der Verwendung von Riemen resultierenden Nachteile (Beschädigung des Leders unter der Einwirkung des aus der Pumpe kommenden Wassers) vermieden sind.

Die Steuerung der Maschine erfolgt durch das Handrad V’, das auf die Zapfen der Vorderräder RR’, und zwar mittels der Zugstangen t und der Hebel r einwirkt. Das Fahrzeug ist schließlich noch mit einer Bremse K versehen, welche durch ein zu Füßen des Lenkers befindliches Pedal B angezogen wird.

Pariser BenzinfeuerspritzeAbb. 5. Pariser Benzinfeuerspritze.

Da die Feuerspritze zum Transport einer Anzahl Löschmänner bestimmt ist, befinden sich am Vordergestell des Wagens zwei Sitze s und s’, auf denen je drei Mann bequem Platz finden, und hinten eine Plattform J, auf der ebenfalls mehrere Personen stehen können.

Die Abb. 5 zeigt die Benzin-Feuerspritze der Pariser Feuerwehr auf der Fahrt zu einem Brandplatz.

Nach den Plänen des Colonel Krebs wurde für die Pariser Feuerwehr auch ein Mannschafswagen (Benzin-Automobil) konstruiert, der sich bisher sehr gut bewährt hat. Auch ein elektrischer Feuerwehrwagen ist in Benutzung. Dieser Wagen (Abb. 6) wiegt 1800 kg, mit Material und sechs Mann 2550 kg. Das Material besteht aus drei Schläuchen, einer Leiter, Ausrüstung für Kellerfeuer und Rettungsapparate. Das Elektromobil kann ohne Neuladung 60 km mit einer Schnelligkeit von 15 km/h leisten, mit einem Verbrauch von 40 – 45 A. Auf guter Straße fährt der Wagen 22 km, mit 55 A Verbrauch. Der Motor hat 4000 V, die Akkumulatorenbatterie wiegt 520 kg und hat eine Kapazität von 180 A. Der Wagen hat 3,25 m Länge und 1,95 m Breite. Der Lenker aus dem Kutschbocke hat zu seiner Rechten das Rad für die Schnelligkeiten (vier Drehungen nach vorwärts, zwei Drehungen nach rückwärts) und vor sich das Lenkrad.

Elektrischer FeuerwehrwagenAbb. 6. Pariser elektrisch betriebener Feuerwehrwagen.
Amerikanische DampffeuerspritzeAbb. 7. Amerikanische automobile Dampffeuerspritze der Manchester Lokomotive Works.
Englische DampffeuerspritzeAbb. 8. Englische automobile Dampffeuerspritze der Firma Merryweather and Sons, Greenwich.

Die Abb. 7 zeigt eine aus den Lokomotivwerken zu Manchester, New-Hampshire, USA, hervorgegangene, selbstbewegliche Feuerspritze und in Abb. 8 ist eine Type englischen Ursprungs, für Indien bestimmt, dargestellt. Es ist dies eine von der Firma Merryweather and Sons, Greenwich, konstruierte automobile Feuerspritze. Bevor die Maschine in Gebrauch kam, wurden mit ihr in London Versuche im Bergauffahren unternommen. Die Dampfspritze konnte ziemlich starke Steigungen mit einer Geschwindigkeit von 16 km/h nehmen. Bei weniger steilen Stellen betrug die Schnelligkeit 30 – 32 km/h. Das Gesamtgewicht des vollständig bemannten und mit allem Zubehör ausgestatteten Dampfwagens beträgt etwas weniger als 3000 kg. Der Dampfkessel ist nach den üblichen Modellen gebaut, in sechs Minuten ist das kalte Wasser in Dampf verwandelt. Sowie der Brandplatz erreicht ist, können die Pumpen unverzüglich in Aktion treten.

• Auf epilog.de am 5. Dezember 2021 veröffentlicht