Forschung & Technik

Die Sternwarte zu Delhi

Das Pfennig-Magazin • 14.11.1840

Zu den merkwürdigsten Sternwarten in der Welt gehört ohne Zweifel die bei Delhi, der ehemaligen Residenz des Großmoguls, befindliche, welche um das Jahr 1710 unter der Regierung von Mohammed Schah von Rajah Jeysing erbaut wurde. Sie ist etwa 1¼ englische Meile von der Stadt entfernt, von Steinmassen verfallener Paläste umgeben, welche von der ehemaligen Pracht der Stadt Zeugnis ablegen, und besteht aus mehreren abgesonderten Gebäuden. Das Erste derselben ist eine große Äquatoriale Sonnenuhr, welche, abgesehen davon, dass die Ecken des Gnomons und der Rand des Kreises, auf welchem die Grade bezeichnet waren, an mehreren Stellen zerbrochen sind, ziemlich gut erhalten ist; sie ist aus Stein konstruiert, und zwar die Gradbogen und die Kanten des Gnomons oder Weisers aus weißem Marmor. Der Gnomon ist über 118 Fuß lang; jede Seite desselben misst 104Fuß; seine senkrechte Höhe ist zu 57 Fuß berechnet. Eine andere Äquatorial-Sonnenuhr von minder kolossalen Dimensionen und verschiedener Konstruktion steht in geringer Entfernung und ist vollständig erhalten. Der in der Mitte stehende Gnomon enthält eine bis zum Gipfel führende Treppe; an jeder Seite des Gnomons befinden sich konzentrische Halbkreise in gewisser Neigung gegen den Horizont. Auf jeder Seite dieses Teils steht ein anderer Gnomon von gleicher Größe mit dem vorhin erwähnten. Die nördliche Mauer des Gebäudes verbindet die drei Gnomons an ihrem obersten Ende; diese Mauer enthält einen graduierten Halbkreis, um die Höhen von Gegenständen zu nehmen, die sich im Osten oder Westen befinden. Im Westen des Gebäudes ist auf einer Mauer ein doppelter Quadrant verzeichnet. Südlich von der großen Sonnenuhr stehen zwei Gebäude, die einander vollkommen gleichen und zu einem Zwecke bestimmt sind: zur Beobachtung der Höhe und des Azimuts der Himmelskörper. Sie sind kreisförmig und oben offen mit einem Pfeiler in der Mitte, von welchem in einer Höhe von etwa drei Fuß 30 steinerne Radien ausgehen, die sich bis zu der kreisförmigen Mauer erstrecken und vom Pfeiler abwärts immer breiter werden. An den Zwischenräumen zwischen den Radien sind in der Mauer Öffnungen und Stufen angebracht; am Rand derselben sind die Grade der Sonnenhöhe angegeben, die wieder in Minuten geteilt sind. Die Peripherie dieses Gebäudes beträgt 172½ Fuß, die des Pfeilers 17 Fuß; jeder der Radien ist 24½ Zoll lang. Zwischen diesen zwei Gebäuden und der großen Äquatorialsonnenuhr steht ein Bau in Gestalt einer konkaven Halbkugelfläche, um die innere Fläche der halben Himmelskugel vorzustellen, durch sechs massive Durchmesser von 27½ Fuß Länge und ebenso viele Öffnungen eingeteilt, welche Meridiane bezeichnen.

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Über den Ursprung dieser seltsamen Sternwarte gibt ein gleichzeitiger orientalischer Schriftsteller folgende Nachricht: »Rajah Sewai-Jehsing war seit dem ersten Dämmern der Vernunft in seiner Seele, und während seines Fortschreitens zu geistiger Reife ganz dem Studium der Mathematik ergeben und seine Neigung trieb ihn zu der Auflösung ihrer schwersten Aufgaben, wodurch er eine gründliche Kenntnis ihrer Lehrsätze und Regeln erlangte. Er fand, dass die aus den üblichen Tafeln abgeleitete Berechnung der Orte der Sterne dieselben ganz anders gab als die Beobachtung, und dass namentlich das Erscheinen der Neumonde mit den Tafeln nicht übereinstimmte. Da nun von jenen wichtige, die Religion und die Verwaltung des Reichs betreffende Angelegenheiten abhingen, und in der Zeit des Auf- und Untergangs der Planeten und der Sonnen- und Mondfinsternisse ebenfalls viele bedeutende Abweichungen ähnlicher Art zu bemerken waren, so stellte er die Sache dem Mohammed-Schah vor. Dieser Monarch erteilte ihm folgenden Bescheid: ›Da du, in die Geheimnisse der Wissenschaft eingeweiht, von dieser Sache eine vollkommene Kenntnis hast, so versammel die Astronomen und Mathematiker des mohammedanischen Glaubens, sowie die Brahminen, die Pandits und die Astronomen von Europa, verschaffe dir alle Werkzeuge und Erfordernisse einer Sternwarte und bestimme den fraglichen Punkt dergestalt, dass die Abweichung der berechneten und der beobachteten Zeiten dieser Erscheinungen beseitigt wird.‹ Jeysing unterzog sich dieser schwierigen Aufgabe und verfertigte anfangs mehre astronomische Instrumente von Messing. Da sie aber seinen Ansprüchen auf Genauigkeit wegen der Kleinheit ihrer Dimensionen, der mangelnden Teilung in Minuten, der Erschütterung und Abnutzung ihrer Achsen, der Verrückung ihrer Mittelpunkte und der Schwankung ihrer Ebenen nicht entsprachen, so errichtete er mit genauer Rücksicht auf die mathematischen Regeln, die Lage des Meridians, die Polhöhe usw. die noch vorhandenen großen Gebäude von Stein, die eine vollkommene Festigkeit gewährten. Er fand die neuen Instrumente zweckmäßig; um aber die Genauigkeit der mit ihnen angestellten Beobachtungen zu prüfen, ließ er andere ähnlicher Art in Sewai-Jeypooe, Matra, Benares und Dugein aufstellen, durch welche er seine ersten Berechnungen bestätigt fand. Nach einiger Zeit war Jeysing imstande, dem Kaiser neue astronomische Tafeln zu überreichen, die noch jetzt den in den Kalendern von Delhi enthaltenen astronomischen Berechnungen zum Grunde gelegt werden.«

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