Bau & Architektur

Das Parlament in London

Die Gartenlaube • 1854

Nach mehrmaliger, immer durch den Stand der russisch-türkischen Streitfrage veranlasster Vertagung des englischen Parlaments, hat die Königin Viktoria dasselbe endlich für den 31. Januar 1854 einberufen. Der Zusammentritt eines englischen Parlaments ist stets ein Ereignis, ein doppelt wichtiges ist er heute, wo in beiden Lägern, die Europa spalten, bereits glühende Kugeln gegossen werden, wo eine Stimme hüben oder drüben im Parlament über Krieg oder Frieden in der Welt entscheiden kann!

So führt uns die Zeitgeschichte von der Donau an die Themse, immer sind es aber dieselben Hoffnungen, Wünsche, Sympathien und Interessen, denen wir begegnen, und im englischen Parlament, von dessen Sitzungspalast wir heute eine Abbildung bringen, wird das alles so laut besprochen werden, dass es von dem Tajo bis zur Newa vernehmlich und verständlich sein wird.

Das Parlamentsgebäude erhebt sich im westlichen Teil Londons, welcher den Namen Westminster führt und an Pracht, Eleganz und geschmackvoller Anlage alle übrigen Teile der Riesenstadt weit übertrifft. Neben der altehrwürdigen Abtei und Halle von Westminster gehört das Parlamentsgebäude zu den hervorragendsten Zierden dieses Stadtteils; an die Themse gelehnt, neben der großen und prachtvollen Westminsterbrücke steht es, als würdige Behausung der Volksrepräsentation in würdiger Umgebung, großartig da. Ausgeführt nach dem Brand von 1834, welcher die Sitzungsräume des Unterhauses in Westminsterhall vernichtete, wurde bei dem Neubau durchgängig der eigentlich englisch-gothische Stil festgehalten, so dass auch die zahllosen Verzierungen, Wappenschilder, Spitzsäulen, Statuetten, Knäufe, Fensterbögen und Portale, kurz alles im genauesten und sorgfältigsten Einklang steht.

Es gibt in den Augen der Engländer keinen größeren Ehrentitel als das M.P., das vor einem Namen steht, und womit die Eigenschaft als Mitglied des Unterhauses, Member of Parliament, angedeutet wird. Auch umschließt das Parlament die gesamten Illustrationen des Landes, die glanzvollsten Namen aus allen Ständen der Gesellschaft. Sie alle drängen sich zur Politik, zur Führung der inneren und äußern Staatsgeschäfte, und kein Volk der Erde hat zu keiner Zeit eine so ununterbrochene Folge großer Staatsmänner und Redner aufzuweisen gehabt wie das englische. Und jeder Lorbeer muss im Parlament erkämpft werden.

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Die Anfänge der englischen Verfassung, mit ihnen das Parlament, fallen in die früheste Zeit zurück; das Unterhaus (das Haus der Gemeinen) entstand jedoch erst im 13. Jahrhundert, als die Städte mächtig zu werden begannen, und die Bürger sich neben den Rittern und Lords geltend machten. Bei den häufig ausbrechenden Zwisten zwischen den Königen und deren mächtigen adeligen Vasallen, verfehlte das Unterhaus nicht, je nachdem es zur Bewilligung von Geld und Mannschaften in Anspruch genommen wurde, seine Rechte beträchtlich zu erweitern. Blutige Verfassungskämpfe blieben dabei nicht aus, selbst Königsblut wurde vergossen, ehe die Zeit der ruhigen Reformen kam, durch welche sich jetzt England, vor allen Staaten Europas auszeichnet. Die letzte dieser Reformen fällt ins Jahr 1831, und wird hauptsächlich dem Lord John Russel, der auch jetzt wieder Minister ist, verdankt. Sie wurde nicht ohne schweren und langjährigen Kampf gegen die aristokratischen Elemente des Parlaments errungen, und ein ähnlicher Kampf steht wiederum für unsere Tage bevor, wo abermals durch Erweiterung des Wahlrechts eine Parlamentsreform betrieben wird.

Das englische Parlament zerfällt in das Ober- und Unterhaus und wird alljährlich vom Staatsoberhaupte einberufen. Das Oberhaus besteht aus etwas mehr als 400 Mitgliedern, geistlichen und weltlichen Peers; die geistlichen Peers sitzen kraft ihres Amtes darin; von den weltlichen sind die Engländer erbliche Peers, die Schotten und Irländer dagegen durch ihre Standesgenossen gewählte. Das Unterhaus besteht aus rund 660 Abgeordneten. Bei der Achtung für alterworbene Rechte ist in der Zusammensetzung des Unterhauses das Missverhältnis eingetreten, dass manche kleine im Laufe der Zeit herabgesunkene Ortschaften stärker vertreten sind, als die mächtig aufgeblühten Städte des Landes. Auch gegen diesen Übelstand sind die Reformbestrebungen gerichtet. Gegenwärtig ist das Unterhaus aus den Ritterschaftsdeputierten der Grafschaften, den Abgeordneten der Städte und denen der Flecken zusammengesetzt, zu deren durch direkte Wahl erfolgte Erwählung im Ganzen ungefähr eine Million Wähler mitwirken. Das Wahlrecht in den Grafschaften besitzen alle Freibesitzer, welche 10 Pfund Sterling reine Rente haben, ebenso alle Pächter auf 20 Jahre bei 50 Pfund Sterling reiner Rente. In den Städten ist Wähler, wer Haus-, Fenster- oder die gesetzliche Armensteuer zahlt, oder aus einem Hause die Rente von 10 Pfund Sterling bezieht.

Wie die ganze englische Verfassung, so ist auch das Parlament etwas durch die Zeit Gewordenes, daher nicht frei von sonderbaren Formen und Förmlichkeiten. Bei einem Besuche im Oberhause gewahrt man dies alsbald. Da sitzt der Lord Groß-Kanzler im schwarzen Talar und großer Perücke auf dem Wollsack, wahrscheinlich um die Wichtigkeit dieses Naturprodukts für die Nation anzudeuten; vor ihm liegt das große goldene Zepter, ihm gegenüber sitzt der Sprecher ebenfalls mit mächtiger Perücke. Die geistlichen Peers erscheinen in ihren Chorhemden, die weltlichen in gewöhnlicher Kleidung, dabei der nachlässige, ungenierte englische Zuschnitt, die Bequemlichkeit, das Phlegma, welche so weit gehen, nicht einmal das Haupt während der Sitzung zu entblößen. Der größte Teil der Peers ist von respektablem Alter, sie können für sich durch Bevollmächtigte abstimmen lassen, sie können auch bei Anwesenheit von nur drei Mitgliedern gültige Beschlüsse fassen.

Das Unterhaus zeigt ein weit lebhafteres Bild, wozu die größere Mannigfaltigkeit der politischen Fraktionen wesentlich beiträgt! Der Wollsack für die Minister, die Perücken sind auch hier vorhanden, daneben aber mehr Laune, mehr Lebhaftigkeit, mehr Feuer, stürmische Verhandlungen und Abstimmungen. Das Unterhaus hat das Recht, seinen Sprecher (Präsidenten) selbst zu wählen, ihm auch muss jede Geldbewilligung, ehe sie an das Oberhaus gelangt, vorgelegt werden; die Minister dürfen nur das Wort ergreifen, wenn sie zugleich Mitglieder des Unterhauses sind, so dass also ein Minister-Peer daselbst nie sprechen kann. Zum Abstimmen ist die Anwesenheit von mindestens 20 Mitgliedern erforderlich.

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Die Sitzungen beider Häuser beginnen in der Regel erst gegen 5 Uhr nachmittags, wie denn überhaupt das Leben in London eigentlich erst in den Nachmittagsstunden beginnt. Der späte Beginn dieser Sitzungen, die sich oft bis zur Mitternachtsstunde, je nach der Wichtigkeit des Gegenstandes bis zum grauenden Morgen verlängern, trägt zu deren eigentümlichen Gepräge nicht wenig bei. Dem Herkommen, nicht aber der Verfassung nach, sind sie öffentlich, durch den Druck veröffentlicht werden die Verhandlungen erst seit 1771. Bis dahin war die Veröffentlichung bei schweren, selbst barbarischen Strafen untersagt, und wer da denkt, das englische Volk habe seine Freiheiten ohne langes und schweres Kämpfen und Ringen erobert, ist in starkem Irrtum befangen.

Jetzt ist die Öffentlichkeit ein so gesichertes Gut, dass man sagen kann, das ganze englische Volk wohne stündlich den Verhandlungen seines Parlaments bei. Wenn die großen politischen Fraktionen, die Tories (konservative), die Whigs (gemäßigte Reformer), und die Radikalen, auch Chartisten genannt, (entschiedene Reformer), die so gut organisiert sind, dass jede immer unter einem in ihrem Namen handelnden und die Angriffe eröffnenden Führer steht. Wenn diese großen Fraktionen im Parlament aneinandergeraten oder den Kampf mit den Räten der Krone beginnen, so sorgen die Stenografen, Reporters, Redakteure und Drucker, kurz alle Räder, die bei einer Zeitung ineinandergreifen, dafür, dass ehe die Reden im Parlament kaum noch beendigt sind, sie außerhalb fast schon gelesen werden. Der verhängnisvolle Dampf spielt auch hier seine Hauptrolle. Dann überrascht uns vielleicht binnen kurzem eine telegrafische Depesche: »Das Ministerium Aberdeen-Russel ist im Unterhause in der Minorität geblieben!«

Ein solcher Fall bedingt in England den unabweislichen Rücktritt eines Ministeriums und müsste zur Stunde als die Erklärung der englischen Nation betrachtet werden: Die russisch-türkische Frage wird durch Kanonenschüsse gelöst!

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