Handel & IndustrieLebensmittelproduktion

Die Untersuchung eines Milchwagens in Berlin

Das Buch für Alle • 1879

Die Verfälschung und Verschlechterung der Lebensmittel hat in der Gegenwart förmlich epidemisch um sich gegriffen, und erstreckt sich nicht bloß auf die großen Städte, sondern wird schon auf dem platten Land in erschreckendem Maßstab ausgeübt. Wir erinnern nur an eines der unentbehrlichsten Lebensmittel, an die Milch. Wer jemals auf dem Land, in wiesen­reichen Niederungen, im Gebirge usw. unverfälschte frische Milch getrunken hat, und mit diesem angenehmen, milden, nahrhaften und labenden Getränk dasjenige vergleicht, was ihm im gemeinen Verkehr großer Städte unter diesem Namen vorgesetzt wird, der vermag kaum seinen Augen und Geschmacks-Organen zu trauen. - R E K L A M E - Der Bau des Ludwigs-Kanal zwischen Main und Donau 1836 bis 1846 Es ist erwiesene Tatsache, dass beinahe ohne Unterschied alle Milch, welche auf dem gewöhnlichen Weg durch Händler und Händlerinnen zur Stadt gebracht wird, schon einen Wasserzusatz von 10 – 25 % hat, und dass diese verdünnte Milch dann meist durch die Zwischenhändler in der Stadt noch eine weitere Verdünnung erleidet. Dass sie dadurch an Nährgehalt und Haltbarkeit einbüßt, ist selbstredend, und wenn solche Milch von Kühen kommt, welche zumeist mit Schlempe und anderen Abgangsstoffen anstatt mit frischem Gras, gutem Heu und Wurzelwerk, wie Rüben usw. gefüttert wurden, so ist der Nährwert solcher Milch ein sehr fragwürdiger. Die Verwässerung der Milch erkennt man aber leicht am Geschmack und am spezifischen Gewicht, und es ist daher nur billig, wenn die Polizei, wie dies in Berlin und in den meisten größeren preußischen Städten geschieht, hierauf ein wachsames Auge hat und einem solchen Milchtäufer nicht nur dieses Milchwasser auslaufen lässt, sondern ihm auch noch eine tüchtige Geldbuße auferlegt. Ein solcher Strafakt der Polizei, wie ihn unser nach dem Leben gezeichnetes Bild darstellt, bereitet daher auch dem zuschauenden Publikum, von dem schadenfrohen Schusterjungen bis zu der entrüsteten Hausfrau, eine große Genugtuung.

Aber die Milchverdünnung ist noch eine der unschuldigeren Fälschungen. Weit ernster und strafbarer sind die Verfälschungen der Milch mittelst Einrührens oder Auflösens von spanischem Weiß, von Mehl, von gebrannter Magnesia etc., um die Verdünnung der Milch durch Wasser zu verschleiern und dem Geläpper mehr spezifisches Gewicht und scheinbare Substanz zu geben, oder gar das Vermengen derselben mit künstlich geriebenem Hammelhirn und ähnlichem Zeug, welches die Milch namentlich für Kinder ungemein schädlich macht, und die an den Fälschern unnach­sichtlich hart geahndet werden sollte, ebenso wie die nicht minder häufige Verfälschung von Butter, Quark­käse, Schmalz usw., welche meist in ähnlicher Weise und Absicht vorgenommen werden.

• Auf epilog.de am 10. August 2025 veröffentlicht

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