DaseinsvorsorgeWasserwirtschaft

Londons unterirdische Reinigungsadern

Ein Wink für Deutschlands Großstädte

Die Gartenlaube • 1865

Voraussichtliche Lesezeit rund 8 Minuten.

Wieder sind Rache­geister für Unrein­lichkeit, schlechte Luft, Kost und Wirtschaft auf dem ersten Wege der Cholera unterwegs. In Deutschland scheint man sich nicht viel daraus zu machen, während in dem entlegeneren England, wo Sinn, Bildung und Anstalten für öffentliche Gesundheitspflege – ganz besonders seit der Cholera – ungemein entwickelt sind, Staats- und Gesundheitsbehörden, Gesandte, Konsuln und spezielle sachverständige Missionäre sich vereinigen, um das Wesen dieser Rache­geister kennenzulernen und den Feind möglichst gerüstet zu empfangen.

Die Längenangaben und andere Maße des Originaltextes wurden in das metrische System umgerechnet.

Sie sind gerüstet, wie kein Volk in der Welt, namentlich in London. Gerüstet mit einem 130 Kilometer langen System massiver, weiter Auffange-Kloaken (inter­cepting sewers), welche den Inhalt der 2000 Kilometer langen älteren Kloaken unter den verschiedenen Stadtteilen entlang in sich aufnehmen, um ihn ganz unten in den Meeresbereich der Themse abzuleiten, von wo die Spülicht- und Exkrementen­masse nicht mehr in das Londoner Bereich zurück­geflutet werden kann, außerdem in den unge­heueren, stets stark bewegten Wassermassen so verdünnt wird, dass schädliche Ausdünstung nicht mehr möglich ist. Dies mit einem Kostenaufwand von etwa fünfundzwanzig Millionen Talern [rd. 900 Mill. € in 2024] unternommene Riesenwerk ist jetzt in der Hauptsache vollendet und in diesem Frühjahr vom Prinzen von Wales feierlich eingeweiht worden; es ist die großartigste Tat unterirdischer Ingenieurkunst.

Suchen wir uns von diesem Londoner Kloaken­system nun eine Vorstellung zu machen, so weit dies ohne Bild und Ortskenntnis dem Leser möglich sein mag. Die neuen großen Auffange- und Ableitungskanäle bestehen aus drei gigantischen Haupttunneln, die sich vom äußersten Westen unter der Stadt hin nach dem äußersten Osten senken und die alten Kanäle und Kloaken in rechten Winkeln durchschneiden, und zwar etwas tiefer, als letztere liegen, damit diese ihren Inhalt kräftig fallenlassen. Diese großen Tunnels führen allen Kloaken­inhalt 23 km weit östlich von der London Bridge meerwärts zunächst in Reservoirs am Ufer, aus welchen sie während der Flutzeit in die abwärts sich wälzenden Wassermassen entleert werden. Hat man sich erst über Benutzung dieses Dünger­reichtums geeinigt, so kann man ihn von diesen Reservoirs aus verwerten. Wenigstens existieren darüber verschiedene Pläne. Um alle Stadtteile auf dem hügeligen Terrain in die Gewalt dieser Haupttunnels zu bekommen, mussten auf jeder Seite der Themse drei verschiedene Tiefen von Tunneln gezogen werden, Hoch-, Mittel- und Tiefkloaken.

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• Auf epilog.de am 1. August 2025 veröffentlicht

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