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Der Leuchtturm auf Eddystone

Die Abendschule • 16.4.1891

Unweit der Stadt Plymouth liegt im englischen Kanal ein Felsenriff, welches seinen Namen, Eddystone, darum erhalten hat, weil dort zur Zeit der Ebbe die Brandung kleine Wasserwirbel (englisch: eddy) bildet. Zur Flutzeit jedoch gehen die Wellen über den Felsen und bedecken ihn so vollständig, dass früher manches gute Seeschiff unversehens auf die spitzen Zacken geriet und samt seiner Besatzung vom Meer verschlungen wurde. Während man schon lange an den Küsten hin und wieder Leuchttürme errichtet hatte, welche dem Seemann den rechten Weg wiesen, fand man lange keinen Rat, wie man den gefährlichen Eddystone seiner Schrecken berauben könnte, da derselbe vom Festland völlig getrennt war und nur unter großen Schwierigkeiten zu gewissen Zeiten betreten werden konnte. Der erste Eddystone-Leuchtturm von 1698.Der erste, von Henry Winstanley 1696 – 98 errichtete, Eddystone-Leuchtturm. Bereits 1703 wurde der Turm bei einem Sturm zerstört.

Im Jahr 1696 fasste ein reicher Engländer Namens Whitstanley den kühnen Entschluss, auf dem Eddystone einen Leuchtturm zu setzen. Er bestritt nicht nur die Kosten, sondern beaufsichtigte auch selbst den Bau. Jahrelang arbeitete er unablässig; kein Sturm konnte ihn zurückschrecken. Oft blieb er tagelang auf dem Felsen, weil der Wogengang ihm die Rückfahrt zum Land unmöglich machte, und mehr als einmal kam er in Gefahr, Hungers zu sterben, weil ihm und seinen Leuten die Lebensmittel ausgingen.

Endlich stand der Leuchtturm fertig da und Whitstanley freute sich des gelungenen Werkes. Auf einem Steinfundament erhob sich ein vieleckiger Holzbau, auf dessen Spitze in einer Höhe von hundert Fuß die große Laterne ihre Strahlen weithin sandte. Eines Abends bestieg Whitstanley sein Boot, um mit einer Anzahl von Arbeitern nach dem Riff hinauszufahren. Man machte ihn darauf aufmerksam, dass allen Anzeichen nach ein gewaltiger Sturm im Anzug sei. Er aber entgegnete: »Gerade im schlimmsten Sturme möchte ich einmal auf dem Leuchtturme sein.«

Nur zu schnell sollte sein Wunsch in Erfüllung gehen. Die Finsternis brach herein und brachte einen Sturm, wie man ihn kaum noch erlebt hatte. Die ganze Nacht toste die Windsbraut und die Wellen brausten mit furchtbarer Gewalt. Als gegen Morgen eine Ruhepause eintrat, erblickte man auf Eddystone nicht eine Spur mehr von dem stolzen Gebäude. Alles hatte die See weggerissen; Whitstanley selbst hatte mit seinen Arbeitern den Tod gefunden. Nur eine Kette, welche im Felsen verankert war, zeigte den Ort an, wo der Leuchtturm gestanden hatte.

Bald aber trat ein anderer an Whitstanleys Stelle. John Rüdyart, ein Seidenhändler, unternahm die Errichtung eines zweiten Leuchtturmes. Derselbe hatte etwa die nämliche Höhe wie der vorige, war auch ziemlich in derselben Weise gebaut. Doch auch dieser Turm wurde von den Elementen vernichtet. Fast fünfzig Jahre lang tat er treffliche Dienste. Da sah man eines Morgens auf Eddystone Rauch aufsteigen. Die gefräßige Flamme spottete aller Anstrengungen der drei alten Männer, welche hier ein einsames Leben führten. In kurzer Zeit stand der ganze Turm in Flammen. Das Bleidach schmolz von der Hitze und die glühenden Tropfen fielen auf die armen Männer herab. Sie retteten sich mit Mühe in eine Felsspalte, trugen aber entsetzliche Brandwunden davon, ehe man ihnen vom Land aus zu Hilfe kommen konnte. Schon vier Jahre nach dem Brand erhob sich auf Eddystone ein neuer Turm. Diesmal hatte man ganz von Stein gebaut; 86 Fuß [26,5 m] erhob sich die Granitsäule, welche sich nach oben allmählich verjüngte. Rings um die Laterne lief eine Galerie, von welcher aus man eine prachtvolle Fernsicht hatte. Das Fundament war in den Felsen eingelassen, so dass Wellen und Sturm unmöglich das Gebäude erschüttern konnten.

Dieser Turm stand bis ins Jahr 1884. Da bemerkte man, dass die Wellen nach und nach den Felsen untergruben, so dass ein Einsturz des Gebäudes zu befürchten stand. Man trug daher dasselbe Stein um Stein ab, brachte es ans Festland und setzte es in der Nähe von Plymouth wieder auf. Es fand sich auf Eddystone eine sichere Stelle, wo nun der vierte Leuchtturm, größer und schöner als alle seine Vorgänger, den einlaufenden Schiffen willkommene Führerschaft bietet.

• Auf epilog.de am 6. August 2025 veröffentlicht

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