Handel & Industrie – Fabrikation
Die Industrie der Kunstseide
Das Neue Universum • 1899
So wie die Industrie die menschliche und tierische Kraft als Betriebskraft durch eine Naturkraft zu ersetzen bestrebt ist, so richtet sie ihr Augenmerk auch darauf, diejenigen Stoffe, welche sie der organischen Natur verdankt, zu ersetzen, indem sie dieselben möglichst gegen solche Stoffe vertauscht, die sie der unorganischen Natur entnimmt, oder aber versucht, die organischen Stoffe in eine andere Form zu bringen, so dass sie sich den Bedürfnissen der Industrie besser fügen.
Spinnsaal zur Herstellung künstlicher Seide aus Kollodium.
Diesem Bestreben verdanken wir in ersterer Hinsicht den großartigen Dampfkraftbetrieb im Weltverkehr, der das alte Fuhrwesen völlig umgestaltet und die Kraft der Zugtiere durch Dampfschiffe und Lokomotiven ersetzt hat. Wie sehr sich die Dampfkraft in Industrie und Gewerbe eingeführt hat, ist jedermann bekannt. Am meisten aber macht sich dieses Bestreben nach Ersatz bei solchen Stoffen geltend, die, wie bei vielen Stoffen aus dem Pflanzen- und besonders aus dem Tierreich, durch ein langsames, jahrelang dauerndes Wachstum gewonnen werden und wo die Entwickelung eine sorgsame Pflege, besonders günstige klimatische Verhältnisse verlangt. Es wird genügen, an die mannigfachen Bestrebungen zu erinnern, die darauf gerichtet sind, die Farbstoffe, wie Wau, Orseille, Indigo und wie sie alle heißen mögen, durch Stoffe, die aus der Steinkohle gewonnen werden, zu ersetzen. Allerdings sind diese ja im Grunde auch wieder organischer Herkunft; aber die Quelle ist, sozusagen, unerschöpflich, wenigstens für die zunächst in Betracht kommende absehbare Zukunft. Freilich fehlt es nicht an warnenden Stimmen, die zur äußersten Sparsamkeit mahnen und daran erinnern, dass der Steinkohlenvorrat durchaus nicht unerschöpflich sei, und dass wir mit jedem Kilo Kohle ein Kapital verringern, für welches wir einen Ersatz zurzeit nicht zu stellen wissen. Es sei daher eine ernste Pflicht der lebenden Generation, dieses Kapital äußerst sparsam zu behandeln.
Immerhin ist danach zu trachten, solche Rohstoffe zu wählen, deren Massenhervorbringung wir stets in der Hand haben.
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