Forschung & TechnikTechnik

Angewandte Fotografie in
Wissenschaft und Technik

Von Hans Dominik

März - eine Wochenschrift • 5.12.1911

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Seitdem Louis Jacques Mandé Daguerre im Jahr 1839 mit Hilfe des Sonnenlichts und lichtempfindlicher Chemikalien die erste Fotografie herstellte und dadurch der Vater einer neuen Technik wurde, hat die Fotografie enorme Fortschritte gemacht. Das konnte man recht deutlich auf der großen fotografischen Ausstellung beobachten, die in Dresden stattfand, als der Jahrestag von Daguerres Erfindung zum siebzigsten Mal wiederkehrte. Jene internationale Ausstellung zeigte die verblüffenden Leistungen der Fotografie auf den verschiedensten Gebieten der Technik und Wissenschaft. Sie zeigte Anwendungen, an die man vor wenigen Jahren noch nicht zu denken gewagt hatte.

Betrachten wir als erstes Gebiet die Physik und Chemie. Hier kommt vielfach die Eigenschaft der Platte zur Geltung, unendlich viel schneller zu sehen als das menschliche Auge und die einzelnen Vorgänge klarzulegen, die dem Auge entweder ganz verborgen bleiben oder doch in ein undeutliches Bild zusammenfließen. Die Schallwellen beispielsweise, welche von einem klatschenden Funken ausgehen, bannt die Kamera so sauber und scharf wie die Wellen irgendeines Wasserspiegels auf die Platte. Die Wellen, in denen unsere artikulierte Sprache die Luft erzittern lässt, zeigt uns die Platte in haarscharfer Klarheit. Genau können wir die typischen Kurven der fünf Vokale unterscheiden. Vielleicht bringt uns die Zukunft, bringen uns kommende Jahrhunderte oder Jahrtausende auf Grund solcher fotografischen Aufnahmen eine ganz neue, gewissermaßen natürliche Schrift. Eine Schrift, die nicht auf mehr oder minder langen Umwegen mit uralten ägyptischen oder indischen Wortbildern zusammenhängt, wie alle unsere heutigen Schriften, sondern eine Schrift, welche eine Nachbildung der wirklichen Schallwellen gibt. Und vielleicht könnte man dann einen von Hand geschriebenen Brief in irgendeinen Phonographen stecken und sich mit lauter Stimme von dem Apparat vorlesen lassen.

Zitternde Flammen und fallende Tropfen, schwingende Stäbe und elektrische Entladungen, ja sogar die stehenden Wellen des Lichtes selbst zeichnet die moderne hochempfindliche Jod­silber­platte. Sie zeigt uns die spektroskopischen Erscheinungen in ungeahnter Deutlichkeit, ja sie führt uns in Verbindung mit dem drei­tausend­mal vergrößernden Ultramikroskop sogar in die Geheimnisse der innersten Natur der Materie, lässt uns, wenn beispielsweise fünfundzwanzig solcher ultra­mikros­kopischen Aufnahmen von einer Metallsalzlösung in einer Sekunde gemacht werden, den Wirbeltanz der Moleküle erkennen, der bis jetzt immer nur vermutet, doch niemals mit körperlichem Auge gesehen werden konnten.

Und dann die Astronomie. Die fotografische Kamera besitzt ja nicht nur ein unendlich empfindliches Auge. Sie besitzt ja auch ein integrierendes Auge, ein Auge, welches die aller­schwächsten Lichteindrücke viele Stunden hindurch addiert und so schließlich doch noch ein gutes Bild sichtbar macht, wo das menschliche Auge nun und nimmer etwas erblickt. Die fotografische Platte zeigt uns auf der Mondoberfläche Details, als ob wir im Freiballon über den Trabanten dahin gefahren wären. Sie gibt uns die anderen Planeten unseres Sonnensystems mit ungeahnter Deutlichkeit. Und sie dringt tief in den Himmelsraum ein und zeigt uns Sternen­nebel, entstehende Welten in unvergleichlicher Schönheit. Und im Gegensatz zum menschlichen Auge ermüdet die Platte nicht. Stunden hindurch beobachtet sie den Fixsternhimmel und verrät jede Eigenbewegung und jeden Wechsel der Lichtstärke eines Sternes. Und dann wieder schiebt sich vor die Linse der Kamera noch ein Prisma, und nicht mehr den Stern selbst, sondern sein Spektrum sehen wir, sehen, wo hier im Weltraum glühender Kohlenwasserstoff und dort Silizium und an einer dritten Stelle Eisen im Weltenbrand lodert.

Und dann kommen die Meteorologen. Die zeigen uns Wolken- und Wellenbildungen, die kein Maler zu malen wagt, weil unserem mangelhaften Auge die Dinge so anders erscheinen. Da zeigt uns die fotografische Platte, die sonst doch nicht abergläubisch ist, das berüchtigte Brocken­gespenst, zeigt uns neben weißen auch tiefschwarze Blitze. Und dann wiederum nimmt die Kamera in Verbindung mit dem Mikroskop die einzelnen Schneekristalle aufs Korn, und wir finden Sterne und Spitzen, wie wir sie in der feinsten Brüsseler Kante nicht besser haben. Und schließlich kommen wir an jene kritische Stelle, da Organisches und Anorganisches, Lebendiges und Totes sich zu berühren scheinen. Wir kommen in die Mineralogie und Geologie, kommen zu jenem Stoff, der den schönen Namen Para-azoxyzimt­säure­ethyl­ester führt und dessen Kristalle unter dem Mikroskop zu leben scheinen und wunderbare Eigenbewegungen ausführen. Die Kamera bannt auch diese auf die Platte, zeigt uns in einer Reihe von Bildern das Werden und Vergehen des einzelnen Kristalls.

Und dann die Botaniker und Zoologen. Sie zeigt uns Pflanzen und Tiere in unnach­ahm­barer Naturtreue. Aber dann schiebt sich auch hier wieder das Mikroskop vor die Linse, und der Apparat dringt tiefer in das Wesen der Dinge ein. Er zeigt uns beispielsweise in den Zellen des Sonnenblumenstängels jene geheimnisvollen Sinnesorgane der Pflanzen für die Schwerkraft, die sogenannten Stato­lithen, die dafür sorgen, dass der Stängel entgegen der Schwerkraft senkrecht in die Höhe schießt. Er zeigt uns die eigenartigen Lichtsinnesorgane in Laubblättern, Organe, die bei der Fittonia Verschaf­feltii geradezu an menschliche Augen erinnert und beim Anthurium waroc­queanum derartig ausgebildet sind, dass man mit solchem Blattauge selbst als fotografischer Linse eine gute Porträt­silhouette auf die Platte bannen konnte.

Die fotografische Kamera neigt weder zu Mystizismen noch zu Philo­sophis­tereien. Aber zu jenen Themen, die bisher nur im Wortkrieg behandelt wurden, liefert sie recht interessante und positive Beiträge. Mag die Frage, ob die höheren Pflanzen Gefühl und Selbstbewusstsein haben, auch noch lange unentschieden bleiben, – dass sie jedenfalls gut ausgebildete Sinnesorgane besitzen, das kann nach solchen pflanzen­anato­mischen Aufnahmen nicht mehr im Zweifel sein.

Und dann von der Pflanzenanatomie zur Anatomie des menschlichen Körpers. Hier verbündet sich der fotografische Apparat gelegentlich mit der Röntgenröhre. Hier benutzt er unter Umständen das menschliche Auge selbst als Linse, wenn es sich darum handelt, den Augenhintergrund zu fotografieren. Hier nimmt er das Mikroskop zu Hilfe und zeigt die Struktur der mannigfaltigen Zellen, welche den menschlichen Körper bilden. Was immer die Medizin in ihrem ganzen Umfang interessiert, mag es eine Geschwulst oder Wunde sein, mag es sich um die Puls­kurve eines Herzkranken oder um die Zuckungen eines Epileptikers handeln, die Kamera verbucht es getreulich. Sie gibt uns Bilder des organischen Lebens von wunderbarer Schärfe, zeigt uns den ganzen Menschen und lässt uns dann wiederum Blicke in das mikroskopische Leben tun, lässt uns beispielsweise den Kampf der weißen Blutkörperchen mit allerlei Bakterien verfolgen.

Und dann die Technik; die Architektur, das Ingenieurwesen und die Industrie sowie die Presse, sie alle machen heutzutage in weitestem Umfang von der Fotografie Gebrauch. Die Kamera nimmt heutzutage nach dem fotogrammetrischen Verfahren die alten Burgen und Dome unendlich viel genauer und trotzdem malerischer auf, als es der alte Freihandzeichner jemals konnte. Die Fotografie hilft dem Hüttenmann das Eisen zu untersuchen, sie stellt dem Kunstweber die Patronen für die wunderbarsten Damastgewebe her. Sie unterstützt die Kartographie durch Ballonaufnahmen, die sich genau in die trigonometrischen Landesaufnahmen einfügen und eine Fülle neuer Details liefern.

In der Kriegstechnik verfolgt die Fotografie das fliegende Geschoss. Sie zeigt, welche Luftwirbel diese oder jene Geschossform erzeugt. Sie stellt genauer als irgendein anderes Hilfsmittel die Geschwindigkeitsabnahme des einzelnen Geschosses fest, und sie endlich gestattet eine Beobachtung der Geschosswirkungen, die dem menschlichen Auge niemals möglich wäre. Und dann das interessante Kapitel von der Kriminalstatistik. Die moderne Fotografie macht den Herren Spitzbuben das Leben recht sauer. Nicht nur, dass sie die Herrschaften selbst auf die Platte bannt und dadurch nicht wenig zu ihrer Ergreifung beiträgt, sie fixiert auch die Stätte und die Objekte des Verbrechens. Sie lässt Dinge erkennen, die dem freien Auge immer verborgen bleiben würden. Die netteste und wundervollste Wechsel- oder Banknotenfälschung sieht in der vergrößerten Fotografie plump aus und verrät sich sofort. Irgendwelche Schrammen an erbrochenen Kassetten gewinnen auf der fotografischen Platte mit einem Mal Bedeutung und dienen zur Überführung des Täters. Da hatte ein Brandstifter ein hübsches kleines Feuer angelegt und Hobelspäne dazu benutzt. Einige unversehrt gebliebene Späne zeigten auf der vergrößerten Fotografie typische Formen, ließen auf ein Hobeleisen mit bestimmten Scharten schließen. Die Polizei suchte bei dem Verdächtigen nach dem Hobel. Aber der Mann hatte sein Eisen klugerweise neu geschliffen. Dagegen fand man in der Werkstatt noch ältere Späne. Sie wurden fotografiert, und die Fotogramme überführten den Missetäter glatt.

Es würde zu weit führen, im Rahmen einer Plauderei die unendlich mannigfachen und interessanten Anwendungen der Fotografie auch nur annähernd erschöpfend behandeln zu wollen. Die Anwendungen beispielsweise, die sie in Hülle und Fülle auch im Bibliothekswesen und in der Kunstgeschichte findet.

In der Tat ist die edle Lichtbildkunst heute selbst eine hoch entwickelte und weit verbreitete Technik geworden, die beinahe in alle Gebiete menschlicher Geistestätigkeit eingreift und menschliches Wissen und menschliche Erkenntnis mächtig fördert.

Entnommen aus dem Buch:
Der Ingenieur Hans Dominik (1872 – 1945) ist vor allem durch seine technisch-utopischen Romane bekanntgeworden. Dominik war aber in erster Linie Wissenschaftsjournalist und verfasste zahlreiche populärwissenschaftliche Beiträge für verschiedene Zeitschriften und Tageszeitungen. Dabei brachte er im lockeren Plauderton dem interessierten Laien wissenschaftliche Grundlagen und neue technische Errungenschaften näher. Dieses Buch versammelt eine repräsentative Auswahl seiner wissenschaftlichen und technischen Plaudereien.
  PDF-Leseprobe € 16,90 | 154 Seiten | ISBN: 978-3-695-11029-2

• Auf epilog.de am 13. April 2026 veröffentlicht

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