Lebenswelten – Journalismus & Nachrichtenwesen
Bücher und Büchersammlungen im Mittelalter
Die Gartenlaube • Mai 1876
Wenn unsere Diplomaten die Großmächte Europas aufzählen, so bringen sie die Zahl derselben, Italien eingeschlossen, auf sechs. Diese Rechnung stimmt nicht; denn nicht mit Unrecht hat man behauptet: Die Presse ist die siebente Großmacht, und wahrlich nicht die letzte. Freilich zieht sie nicht mit sausenden Geschossen und mit blanken Klingen ins Feld, doch ihre Waffen sind nicht minder scharf, und ihre Hilfstruppen bilden ein stattliches und wohlgeordnetes Heer.
Schreiber im 15. Jahrhundert Bereitwillig öffnet sich ihnen der Prunksaal des Fürsten, das stille Gemach des Gelehrten, das einfache Zimmer des Arbeiters; überall erweist die Presse ihre Macht; überall gedeihen in ihrem Schutze die höchsten Lebensinteressen; überall richtet sie die Blicke der Menschen auf jene Fragen, deren Kreise über der täglichen Arbeit liegen und mit unwiderstehlicher Macht alle Stände und alle Völker, so verschiedenartig sie auch sein mögen, immer mehr zu einem brüderlichen Bunde auf dem freien Gebiet der allgemeinen Menschlichkeit vereinigen werden. Man denke sich die Presse als aus unserem Kulturleben geschwunden – müsste nicht dieses selbst damit zusammenbrechen?
Die Presse eine Großmacht! Wir wollen, wie dies bei mächtigen Herrschern ja einmal üblich ist, den Stammbaum dieser Fürstin zu erforschen suchen und die Geister ihrer Ahnen beschwören, dass sie uns Rede und Antwort stehen und uns die bescheidenen Anfänge zeigen, aus denen eine solche Macht sich entwickelte.
Gehen wir nur ein einziges Jahrhundert zurück, so zeigt sich uns statt des breiten, wallenden Stromes, der die Erzeugnisse der heutigen Presse bis in die entlegensten menschlichen Wohnungen trägt, nur ein bescheidenes Flüsschen, dem manche gefährliche Sandbank drohte und dem seine engen Grenzen fest vorgezeichnet waren. Zur Zeit Friedrichs des Großen hatte Berlin zwei kleine Zeitungen, die nicht einmal täglich erschienen, und vor dem 18. Jahrhundert gab es keine allgemeiner verbreiteten Schriften, als die Kalender oder Almanache, die einmal jährlich ihren langsamen Botengang antraten und in ihrer Reisetasche kaum etwas anderes mit sich führten, als Regeln für Ackerbau, für Aderlassen und Ähnliches.
Ein völlig neues Gebiet aber tut sich auf, wenn wir bis in die Zeit vor Erfindung der Buchdruckerkunst zurückgehen. Die Gestalten, in denen das literarische Leben sich damals zeigte, bieten des Seltsamen und Interessanten außerordentlich viel. Die eigentlichen Zufluchtsstätten des Bücherwesens waren damals die Klöster, vorzugsweise diejenigen der Benediktinermönche, welche durch die Observanz ihres Gründers zum Abschreiben ausdrücklich angehalten wurden. Über alles, was bei dieser Beschäftigung in Betracht kam, wollen wir in der Kürze Aufschluss geben, und nur bei einigen besonders interessanten Punkten etwas länger verweilen.
Werde epilog.plus-Mitglied und Du bekommst
- Zugriff auf exklusive Beiträge wie diesen
- PDF-Versionen und/oder eBooks von ausgewählten Artikeln
- weniger Werbung und dafür mehr historische Bilder und alte Reklame
und Du hilfst uns, noch mehr interessante Beiträge zur Kultur- und Technikgeschichte zu veröffentlichen.