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Die Ankunft des Eilwagens

Das Buch für Alle • 1874

Nein, sie ist noch nicht ganz begraben, die Eilwagen-Poesie, die Zeit, wo das Posthorn durch die Straßen schmetterte und in Dorf und Städtchen eine freudige Aufregung erwachte, sobald die schwerfällige, hoch­bepackte, vollgepfropfte Postkutsche daher­rasselte. Noch immer gibt es Täler und Berge, fernab gelegen vom großen Weltverkehr, in denen kein Pfiff der Lokomotive widerhallt und wo der gute, alt­väterische Postwagen noch das einzige Personenbeförderungsmittel ist. Berühmt war einst der Eilwagen durch die Leichtigkeit, mit der man dort Bekanntschaften schließen und allerlei Abenteuer erleben konnte, so dass wir aus jener Zeit eine ganze Literatur von Eilwagengeschichten besitzen, die seit Einführung der Eisenbahn so gut als begraben und verschollen sind. Nicht leugnen aber lässt es sich, dass im Eilwagen noch heutzutage die Passagiere viel leichter und ungezwungener bekannt miteinander werden, dass die kleinen Erlebnisse der Fahrt weit eher geneigt zu einem gegenseitigen sich aussprechen und Verständigen machen, als die streng abgemessene, wie am Schnürchen ablaufende Tour auf einer Eisenbahn.

Die Ankunft des Eilwagens.Die Ankunft des Eilwagens. Nach einem Gemälde von F. Schlesinger.

Und welch ein Leben, wenn dann der Postwagen vor dem Wirtshaus, das am blanken Schild das Posthorn trägt, anhält, der Schlag geöffnet wird und die Insassen heraussteigen – der lustige Tourist, den unter der Türe die schmucke Wirtschaftstochter freudig als alte Bekannte begrüßt; das biedere Ehepaar, das fremder Herren Länder sehen will und ein Paar blühender Kinder mit sich führt; der Sohn, der die Ferien benützend, zum Besuch der Eltern aus dem Lyzeum kommt; die Bauerndirne, welche über Land war, der alte Hausierer – und wie die Personen alle heißen mögen, die uns F. Schlesinger auf seinem lebens- und stimmungsvollen Bild vorführt. Während vor der Wirts­haustür die Begrüßungen gewechselt werden, hat der Stallbursche schon ausgespannt und der Hausknecht lädt das Gepäck ab – überall ist Bewegung in dem Bild, welches in jeder einzelnen der Figuren so viel Eigenartiges und Charakteristisches zeigt, dass wir aus jedem Gesicht ein anderes Schicksal, ein anderes Anliegen, ein anderes Gemüt herauslesen und daher auch jedem in gleichem Maße unsere Teilnahme zuzuwenden geneigt sind.

Buchtipp:

Neuerscheinung

Ludwig Spängler (1865 – 1938) war der Wegbereiter des modernen Wiener Nahverkehrs. Als Direktor der städtischen Straßenbahnen in Wien verwandelte er das veraltete Verkehrssystem in einen hocheffizienten städtischen Betrieb. Unter seiner Leitung wurde die flächendeckende Elektrifizierung des Straßenbahn-Netzes abgeschlossen und die Abkehr von der Pferdetramway vollzogen. Spängler vereinheitlichte das Liniennetz, modernisierte den Wagenpark und schuf die infrastrukturelle Basis für den massiven Ausbau der Straßenbahn.
Dieses Buch versammelt die zwischen 1910 und 1915 in verschiedenen Zeitschriften erschienenen Texte von Ludwig Spängler, in denen er detailliert und mit vielen Abbildungen illustriert die Konstruktion der an die speziellen Wiener Verhältnisse angepassten Straßenbahnen und Autobusse beschreibt.
  PDF-Leseprobe € 16,90 | 142 Seiten | ISBN: 978-3-695-72867-1

• Auf epilog.de am 7. März 2026 veröffentlicht

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