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Verwendung der Brieftauben zur Sicherung der Küstenschifffahrt

Zentralblatt der Bauverwaltung • 18.3.1882

Bereits seit dem Jahr 1876 sind an der Nordseeküste auf Veranlassung der preußischen Regierung Versuche angestellt worden, um eine Verbindung der an besonders gefährdeten Stellen in der Nähe der Küste liegenden Leuchtschiffe mit dem Festland und den Lotsenstationen mittels Brieftauben zu erreichen. Die durch eine solche Verbindung ermöglichte Vermittelung von Nachrichten bei stürmischer See zwischen den Leuchtschiffen und dem Land ist nicht nur für die weit draußen vor Anker liegenden Leuchtschiffe in Gefahrfällen von großer Bedeutung, sondern hat einen noch größeren Wert für die von See einfahrenden Schiffe, wenn diese in der gefährlichen Nähe der Küste Havarie leiden oder bei Stürmen an Grund geraten, da ihnen bei rechtzeitiger Benachrichtigung vom Land aus, sei es durch die an den Hafenplätzen bereitliegenden Bugsierdampfer, sei es durch Rettungsboote Hilfe gebracht werden kann. Man ließ sich deshalb bei der großen Wichtigkeit dieser Frage für die Sicherheit der Küstenschifffahrt durch die anfänglichen Misserfolge nicht abschrecken, die zunächst an der schleswigschen Westküste bei Tönning an der Mündung der Eider angestellten Versuche jahrelang fortzusetzen, und infolge dieser Ausdauer ist man nunmehr zu einem Abschluss derselben gelangt, welcher als durchaus zufriedenstellend bezeichnet werden darf und nicht minder den mit der Aufgabe betrauten Beamten als dem Unternehmer, einem Taubenliebhaber in Tönning, zu danken ist.

Namentlich im verflossenen Jahr während der außergewöhnlich starken Herbststürme hat sich die Einrichtung an der Eidermündung aufs Glänzendste bewährt. Es sind hier auf zwei draußen liegenden Leuchtschiffen, dem 36 Seemeilen von Tönning entfernten ›äußeren Feuerschiff‹ und der zwischen diesem und dem Land ankernden ›Eidergaliote‹ Taubenpoststationen eingerichtet, durch welche Nachrichten, die für die Schifffahrt, für das Lotsenwesen usw. wichtig sind, mittels Taubendepeschen nach Tönning befördert werden. Abgesehen von einer Anzahl von Mitteilungen, die sich auf einlaufende Schiffe bezogen und nicht nur von Wichtigkeit für die Lotsenstation waren, sondern in einigen Fällen auch für Private, als Spediteure u.dgl., welche hierdurch über Art und Zustand der ankommenden Schiffsladung frühzeitig unterrichtet wurden und ihre geschäftlichen Maßregeln treffen konnten, waren es namentlich mehrere Unfälle im letzten Herbst, bei denen die Einrichtung sich ganz besonders zweckmäßig und wertvoll erwiesen hat.

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Am 15. Oktober 1881 brach bei dem Orkan aus West-Nord-West die Stationskette des äußeren Feuerschiffs und wurde zugleich die Klüse für die Ankerkette beschädigt, so dass das Schiff abtrieb. Von dem gefährdeten Schiff aus wurde sofort eine Taubendepesche in vierfacher Ausfertigung mit der Bitte um Hilfe nach Tönning abgeschickt. Ungeachtet des Orkans kamen alle vier Tauben nach einer längsten Flugzeit von 58 Minuten in Tönning an, worauf der Staatsdampfer ›Triton‹ ungesäumt in See ging, das Feuerschiff aufsuchte und nach Tönning in Sicherheit bringen konnte. In ähnlicher Weise wurde bald darauf das an die Stelle des vorherigen gebrachte Reserve-Feuerschiff, welches infolge eines Sturmes während der Nacht bis zur Hever vertrieben war, aus einer sehr bedenklichen Lage vor den Untiefen der schleswigschen Westküste gerettet. Eine nach Tönning abgeschickte Depesche, welche fünf Stunden unterwegs war, beschaffte die erbetene Hilfe durch denselben Dampfer noch rechtzeitig. Hierbei mag bemerkt werden, dass die Beschaffungskosten eines dortigen Feuerschiffs sich auf etwa 150000 Mark belaufen, dass es sich bei der Rettung derselben demnach um sehr erhebliche Werte handelt, gegen welche die Unterhaltung der Brieftauben-Stationen wenig ins Gewicht fällt. Ferner brachte eine Taubendepesche die Nachricht von der Strandung des Dampfers ›Concurrent‹, dessen Besatzung mit Hilfe des Rettungsboots von den Lotsen unter großer Gefahr gerettet wurde.

Es hat übrigens, wie bereits bemerkt, großer Ausdauer bedurft, um zu solchen Erfolgen zu gelangen. Die im Binnenland gezüchteten Tauben eignen sich für den Flug in der Seeluft nicht, sie sind zu schwach und ermatten bald. Daher fielen die in der ersten Zeit angestellten Versuche nichts weniger als ermutigend aus. So wurde im Jahr 1877 in der Nähe der Insel Borkum, auf deren Leuchtturm vorübergehend eine Taubenpoststation eingerichtet war, ein Probefliegen von See aus veranstaltet, nachdem wiederholte am Land angestellte Flugversuche günstig ausgefallen waren. Man ließ etwa eine Seemeile vom Land entfernt einen ganzen Taubenschwarm auf, welcher seine Richtung auch sofort auf den Leuchtturm nahm und wohlbehalten anlangte. Dagegen hatte der wenige Tage später aus einer Entfernung von 7 Seemeilen unternommene Versuch einen schlechten Erfolg; von 30 Tauben, die man aufgelassen, kamen, obschon der größte Teil die Richtung auf dem Borkumer Leuchtturm eingeschlagen hatte, nur 8 Stück in dem dortigen Taubenschlag an, die übrigen gingen verloren. Wahrscheinlich sind sie sämtlich im Wasser umgekommen, wenigstens blieben Anfragen auf den benachbarten Inseln und dem Festland fruchtlos. Die Tauben waren aus Belgien, Antwerpen usw. bezogen und an die Seeluft nicht von Jugend auf gewöhnt. Wie sehr dieser Umstand ins Gewicht fällt, zeigen die Erfolge eines Probefliegens, das im August 1881 an der Eidermündung mit solchen Tauben abgehalten wurde, die an der Seeküste selbst gezüchtet oder in mehrjährigem Aufenthalt an das Klima und an Seetouren gewöhnt waren. Die Tauben wurden von dem äußeren Feuerschiff, also 36 Seemeilen von Tönning entfernt, mit Depeschen abgelassen, und während bei dem Versuch vor 4 Jahren eine 7 Meilen betragende Entfernung nur von wenigen Tieren zurückgelegt wurde, kamen jetzt sämtliche 21 Tauben glücklich in ihrem Schlag an; die besten Flieger hatten die 36 Meilen in 30 Minuten zurückgelegt. Infolge dieser günstigen Erfahrungen soll die Einrichtung in Tönning weiter gepflegt werden, und man hofft, dass sich die Tüchtigkeit und Widerstandsfähigkeit der Brieftauben mit der Zeit noch wesentlich erhöhen wird.

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Die Aufzucht der Tauben erfolgt in einem besonderen Zuchtschlag, in welchem die junge Brut bis zum Flüggewerden verbleibt. Von der früheren Methode, die Zuchttauben in Gefangenschaft zu halten, ist man zurückgekommen, nachdem sich gezeigt hat, dass die in der Freiheit gezogenen Tiere sich weitaus kräftiger entwickeln. Beginnen die jungen Tauben aus dem Schlag auszufliegen, so werden sie in den Flugschlag übergeführt und den Flugtauben zugeteilt. In diesem Schlag bleiben sie eine Zeit lang eingesperrt, um sich an denselben zu gewöhnen, da sie später bei der Benutzung im Depeschendienst jedes Mal hierher zurückkehren sollen. Vom Flugschlag aus werden die Tauben dann ›im Depeschendienst eingeübt‹ und demnächst auf die Leuchtschiffe gebracht, um Depeschen zum Schlag zurückzubringen. Die Ankunft der Flugtauben am Schlag wird durch ein Läutewerk gemeldet, welches beim Auffliegen auf das am Flugloch befindliche Trittbrett durch elektrische Leitung in Bewegung gesetzt wird und solange in Tätigkeit bleibt, bis der Taube die an einer Feder befestigte Depesche abgenommen ist; das Flugloch ist derart konstruiert, dass die Tauben nur hinein, nicht aber zurück können.

Die Aufzucht, Fütterung usw. ist an den eingangs erwähnten Unternehmer vergeben, der auch die Kosten für die Unterhaltung der an Bord der Leuchtschiffe befindlichen Tauben trägt. Ihm ist überhaupt die ganze Zucht, Wartung und Einübung der Tiere für den Dienst übertragen. Er hat einen Bestand von 80 Flugtauben stets vollständig zu erhalten; jeder entstehende Verlust ist sofort durch Einstellung neuer ›zum Depeschendienst geeigneter Tauben‹ zu decken. Von diesen Flugtauben sollen mindestens 30 Stück für die Tour vom äußeren Eiderfeuerschiff nach Tönning, der Rest für die Tour von der Eidergaliote eingeübt werden. Außerdem werden 15 Paar gute Zuchttauben gehalten. Zur Dressierung der Flugtauben wird dem Unternehmer wöchentlich mindestens dreimal, tunlichst noch öfter Gelegenheit gegeben, solche zur Eidergaliote hinauszubefördern, während die Hinausschaffung nach dem äußeren Feuerschiff zweimal wöchentlich erfolgt. Auch die ungesäumte Besorgung der ankommenden Depeschen an ihre Adresse ist Sache des Unternehmers.

Die zurzeit für die Brieftauben Station Tönning entstehenden Kosten können vorläufig noch nicht als allgemein zutreffender Maßstab angesehen werden, weil in denselben auch die Neubeschaffung mancher Einrichtungen, als Taubenschläge, Futtergeräte usw. enthalten sind; vorläufig betragen sie jährlich 1200 Mark, eine Summe, die im Hinblick auf die wichtigen Zwecke und zu erreichenden Erfolge nicht zu hoch erscheinen wird.

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