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Der Landbriefträger im Spreewald

Die Gartenlaube • 1897

Landbriefträger im Spreewald

Landbriefträger im Spreewald. Nach einer Originalzeichnung von W. Zehme.

Statt der Chausseen und Fußwege lauter Kanäle und Rinnsale – das ist es vor allem, was den Verkehr im wendischen Spreewalde so gar eigenartig macht. Auf dem Wasser, im geschmückten Boote, fährt man den kleinen Spreewald-Bürger nach Lübbenau oder Burg zur Taufe, im Boot begibt sich der Abc-Schütze nach der Schule, und auf den grünen, freundlichen Spreewellen lässt man sich zur Arbeit wie zur Freude tragen. Eines Tages hallen Trompetenstöße oder die weichen Töne des Dudelsackes über die stillen Wasserflächen; dem mit Musikern besetzten Kahne folgt ein blumenbehängtes, üppig aufgeputztes Fahrzeug, darin ein liebend junges Menschenpaar in die Kirche zur Trauung gleitet, und hinterher schaukeln die ›Spreewaldkutschen‹ der Hochzeitsgäste, Boot bei Boot. Weiter kommt ein Tag, wo Grabgesang über Wald und Wiese forttönt; in Kähnen geht es zum Gottesacker… Auf dem Wasser blickt der Spreewäldler zum ersten Mal in die lachende Gotteswelt hinein, auf dem Wasser fährt er zur ewigen Ruhe.

Das schlanke Mädchen, dem der schalkhafte Postbote mit dem dicken Brief eine so herzliche Morgenfreude bereitet, denkt mit keinem Gedanken daran, dass die leise bewegte Straße da unten sich auch zum Friedhof wendet; sie sieht heute in ihr nur den Triumphweg, der geradeaus zum Altare führt, wo die Frage des Pfarrers ihr das freudige Ja entlocken wird. Annuschka hat wochenlang darauf gewartet, dass der Liebste, den sie zur Garde genommen haben, ihr von der großen Stadt Berlin und seinen Erlebnissen darin umständlichen Bericht geben würde. Nach langem Harren hat endlich die Schwarzäugige ihr Billetdoux vom unvergesslichen Pionier, sie hält es sicher, sie hält es warm, und heute werden die Lustigkeit und das Singen im Blockhause nimmer aufhören. – Des in unserm Falle mit einigem Unrecht ›Land‹-Briefträger genannten Stephansjüngers Fahrt geht weiter die breite ›Dorfstraße‹ hinab: hier und da Abstecher in ein Sackgässlein, dann, wenn jedem das Seine geworden ist, aus dem Klein-Venedig hinaus in den Erlenwald, dessen sonnendurchstrahltes Laub bis an die Erde hinunterklettert, hinaus in die Wiesenkanäle, zu den einsam gelegenen ›Kaupen‹, den Einzelansiedelungen, oft auch ins Herrenschloss. Unser Spreewaldbriefträger ist, selbst wenn Regen und Sturm ihm den Dienst erschweren, keineswegs schlimmer dran als seine Kollegen, die alleweil festen Erdboden unter sich haben; mit der Spreewaldstake rudert sich’s leicht – im Winter hilft, noch angenehmer, der Schlittschuh vorwärts! – und der wendische Bauer ist gastfrei, lässt den Boten zwar immer gute, doch nie böse Nachrichten entgelten.

N.

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