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Über das Wort Tramway

Zentralblatt der Bauverwaltung • 29.10.1881

In Deutschland bezeichnet man nach dem gegenwärtigen Sprachgebrauche mit dem aus der englischen Sprache übernommenen Worte ›Tramway‹ im Allgemeinen eine zur Erleichterung des Personentransports auf städtischen Straßen und Chausseen angelegte Eisenbahn, auf welcher omnibusartige Wagen durch Pferde oder mechanische Kräfte fortbewegt werden. In diesem Sinne würde das Wort Tramway mit ›Straßenbahn‹ zu übersetzen sein; über die eigentliche Bedeutung des Wortes, sowie über die präzise Feststellung des Unterschiedes zwischen ›Tramway‹ und ›Eisenbahn‹ herrschen indessen Meinungsverschiedenheiten und es dürften in dieser Beziehung die nachstellenden Mitteilungen über die ursprüngliche Bedeutung des Wortes sowie über die demselben in anderen Ländern beigelegte Bedeutung nicht ohne Interesse sein.

Die Forschung nach dem Ursprung des Wortes führt auf die Geschichte der Entstehung der Eisenbahnen zurück. In ›Chambers’s Encyclopaedia‹ ist unter dem Artikel ›Railways‹ die Mitteilung enthalten, dass die Eisenbahnen zuerst zu dem Zweck erfunden seien, um den Transport der Kohle aus den Gruben von Northumberland und Durham nach den Verschiffungsplätzen an dem Tyne- und Wear-Fluss zu erleichtern. Es heißt dann in diesem Artikel: »The invention consisted of a double parallel line of wooden beams or trams fixed to the ground, and furnished with flanges to prevent the wheels of vehicles from slipping aside.« [Die Erfindung (nämlich Trausporterleichterung) bestand darin, dass eine doppelte parallele Linie von hölzernen Balken (beams) oder Unterlagen (trams) auf dem Boden befestigt und mit vorstehenden Rändern versehen wurde, um das Abgleiten der Räder der Fahrzeuge zu verhindern.] Weiter heißt es, dass diese neuen Verkehrswege mit dem Wort ›tramways‹ oder ›tramroads‹ bezeichnet worden seien, dass dieselben zur tunlichsten Abkürzung des Weges quer durch die Felder führten und dass die Wagen auf demselben durch Pferde gezogen wurden. Solche Tramways sollen bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Nordengland und Schottland angelegt worden sein.

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Während nach der vorstehenden Erklärung das Wort tramway von der mit ›trams‹ bezeichneten, den Weg der Fuhrwerke bildenden Unterlage hergeleitet ist, stammt der Name nach anderen von dem Fuhrwerk selbst, indem eine in Nordengland und Schottland gebräuchliche Art vierrädriger Kohlenwagen mit dem Wort ›tram‹ bezeichnet wird. Nach einer dritten, indessen unwahrscheinlicheren Lesart ist das Wort hergeleitet von dem Namen eines großen Kohlengrubenbesitzers, Mr. Outram, welcher zuerst derartige Kohlebahnen eingerichtet haben soll, wodurch die Bezeichnung ›Outramway‹ entstanden, welches Wort dann später in ›tramway‹ abgekürzt worden sei. Für die Herleitung des Wortes mag indessen die eine oder die andere Version angenommen werden, jedenfalls steht fest, dass unter ›Tramway‹ ursprünglich eine Art einfacher Förderbahnen verstanden wurde, auf welchen Kohlenwagen mittels Pferden von den Gruben nach den Verschiffungsplätzen transportiert wurden. Von Interesse ist dabei noch der Umstand, dass diese ursprünglichen Tramways nicht auf vorhandenen Straßen angelegt wurden, sondern quer durch die Felder führten, deren Besitzer dafür von dem Tramway-Unternehmer einen Wegzoll (wayleave) erhoben.

In dem in neuester Zeit in London herausgegebenen Dictionary of the English Language von Joseph E. Worcester findet sich eine Erklärung des Wortes, welche in Übersetzung lautet: »Tramroad, auch tramway, plate-railway und track-way genannt, bezeichnet einen Weg, welcher zur Erleichterung des Transports von Zügen oder Wagen dadurch vorbereitet ist, dass auf seine Oberfläche glatte Holzbalken (beams of timber), Steinblöcke oder Eisenschienen zur Führung der Räder gelegt sind. Es ist eine Art von Eisenbahn (railway), welche für das Passieren von Fuhrwerken mit Rädern von gewöhnlicher Form eingerichtet ist, zum Zwecke des Transports von Holz, Kohlen, Steinen usw.«. In dieser neueren Definition ist also im Wesentlichen die ursprüngliche Bedeutung des Wortes beibehalten.

Im juristischen Sinne scheint in England der Ausdruck ›tramway‹ die Bedeutung von ›Eisenbahn‹ im weitesten Sinne dieses Wortes zu haben, während das Wort ›railway‹ nur eine spezielle Art des ›tramway‹ bezeichnet. In der Erklärung der Ausdrücke, welche dem als ›The Railway Companies Securities Act 1866‹ bezeichneten Gesetze Vorungestellt ist, heißt es (vergl. The Law of Railway Companies von Browne und Theobald, London 1881, Seite 539):

»The term ›railway‹ includes a tramway authorised by Act of Parliament incorporating the Companies Clauses Consolidation Act 1845, but not any other tramway.« [Unter dem Ausdruck ›railway‹ ist ein Tramway zu verstehen, welcher vom Parlament in Gemäßheit der Companies Clauses Consolidation Act 1840 genehmigt ist, aber kein anderer Tramway.] Ähnliche Definitionen sind auch bei anderen englischen Gesetzen gegeben.

Gegenwärtig bezeichnet man in England im gewöhnlichen Sprachgebrauch mit dem Ausdrucke ›street tramways‹ (Straßentramways) oder ›tramways‹ schlechtweg im allgemeinen dieselben Transporteinrichtungen, welche auch in Deutschland nach der eingangs gegebenen Definition als ›Tramways‹ bezeichnet werden. Das Wort scheint in diesem Sinne zuerst in Amerika gebraucht worden zu sein, wo man die dort schon früh in Anwendung gekommenen städtischen ›Pferdebahnen‹ mit diesem Namen belegte, wahrscheinlich wegen der an die ursprüngliche Form der ›Tramways‹ erinnernden Gestaltung des Oberbaus. Von Amerika verbreitete sich dann das Wort in diesem neuen Sinne über England und die Länder des europäischen Festlandes.

In Frankreich ist das Wort Tramway in das Gesetz vom 11. Juni 1880, betreffend die Lokal- und Straßenbahnen, aufgenommen worden. Der Begriff dieses Wortes wurde dabei wie folgt festgestellt: »Ein Tramway ist eine Eisenbahn (vote ferrée), die auf einer öffentlichen Straße angelegt ist; es ist dabei gleichgültig, oh der Oberbau so gestaltet ist, dass der Verkehr des gewöhnlichen Fuhrwerks und der Fußgänger dadurch nach wie vor unbehindert bleibt, oder ob zwar nicht die gewöhnlichen Fuhrwerke, wohl aber Fußgänger den vom Eisenbahngleis in Anspruch genommenen Teil der Straßen-Oberfläche benutzen können; ebenso ist es gleichgültig, ob animalische oder mechanische Zugkraft zur Anwendung kommt.« Diese Definition des Wortes Tramway stimmt im Wesentlichen überein mit der diesem Wort in dem spanischen Eisenbahngesetze von 1877 beigelegten Bedeutung. In dem besonderen Kapitel dieses Gesetzes, welches von den Tramways (tramvias) handelt, sind mit diesem Namen diejenigen Eisenbahnen bezeichnet, welche auf öffentlichen Straßen angelegt sind.

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Auch in die italienische Sprache ist das Wort ›Tramway‹ übernommen worden. In Bezug auf die Definition desselben wird in dem am 31. März 1881 der italienischen Abgeordnetenkammer vorgelegten Bericht der Kommission zur Untersuchung des Betriebs der italienischen Eisenbahnen gesagt: »Für den Ausdruck ›tramway‹ hat man keine präzise technische Definition, wenn man nicht als Kriterium annimmt, dass beim Tramway die Schienen so in den Straßenkörper eingelassen sind, dass sie nicht über denselben hervorragen und also kein Hindernis für den Verkehr des gewöhnlichen Fuhrwerks bilden. Während anfänglich das Pferd der Motor für den Tramway war, wendet man jetzt, nur mit teilweiser Ausnahme der Tramways in den Städten, in der Regel die Lokomotive an. Ein Tramway mit mechanischer Zugkraft unterscheidet sich im Wesentlichen von der gewöhnlichen Eisenbahn nur in der Gestaltung des Oberbaus und der Art des Betriebs. Charakteristisch für den Tramway-Betrieb sind: die verhältnismäßig geringe Kraft der Lokomotive, geringes Zuggewicht, geringere Fahrgeschwindigkeit als die der gewöhnlichen Eisenbahnen, dagegen eine größere Zahl täglich fahrender Züge.«

In einem Zirkularerlass des italienischen Ministers der öffentlichen Arbeiten wird als wesentlichster Unterschied zwischen einem ›Tramway mit Dampfbetrieb‹ und einer ›gewöhnlichen Eisenbahn‹ der Umstand bezeichnet, dass der Oberbau des ersteren so in den Straßenkörper eingefügt wird, dass das gewöhnliche Fuhrwerk in der Benutzung der Straße nach wie Tor unbehindert ist. Diese Erklärung steht im Gegensatz zu der oben mitgeteilten Definition des Wortes ›Tramway‹ in dem französischen Gesetz, welches es als gleichgültig bezeichnet, ob der von dem Tramwaygleis eingenommene Teil der Straße für gewöhnliches Fuhrwerk benutzbar bleibt oder nicht.

Nach dem Vorstehenden ist eine präzise Feststellung des Unterschiedes zwischen ›Tramway‹ im jetzigen Sinne des Wortes und ›Eisenbahn‹ aus der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Tramway nicht herzuleiten, und die für diese Unterscheidung in verschiedenen Ländern zu bestimmten, namentlich gesetzgeberischen Zwecken gegebenen Definitionen sind ziemlich willkürlich und einander teilweise widersprechend aufgestellt.

• H. Claus

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Über das Wort Tramway

Zentralblatt der Bauverwaltung • 10.12.1881

Nachtrag

Die Besprechung der Herleitung des Wortes ›Tramway‹ dürfte insofern nicht weit genug greifen, als sie von der Voraussetzung ausgeht, dass das Wort aus der englischen Sprache zu uns gekommen sei, während nach Ansicht des Unterzeichneten das Umgekehrte der Fall ist. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass das Wort ›train‹ auch in seiner Verbindung mit ›Weg‹ nicht englischen, sondern deutschen Ursprungs ist.

Unterzeichneter ist in dieser Vermutung besonders durch ein Zitat des Professors Steiner von der technischen Hochschule in Prag in seinem ›Bilder aus der Geschichte des Verkehrs‹ von 1880 bestärkt worden. Steiner weist darauf hin, dass die in altrömischen Bergwerken unbekannte Herstellung von Gleisen für Förderwagen deutschen Ursprungs sei und aller Wahrscheinlichkeit nach erst im 15. Jahrhundert nach England hinübergebracht wurde, woselbst damals HeinrichVI. die Anordnung aufhob, dass Ausländer in den Bergwerken nicht Beschäftigung finden durften. Infolge dessen sind wiederholt Bergleute Deutschlands und des Festlandes seitens der englischen. Herrscher nach England gerufen worden, um den vollkommeneren deutschen Bergwerksbetrieb dorthin zu verpflanzen.

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Während man sich nun in diesen alten Bergwerken in der ersten Zeit des gewöhnlichen Transportwagens auf einem Dielensteg oder der Karre, nicht eines Spurwagens bediente, benutzte man den letzteren später für die Förderung der Stoffe aus den entlegensten Arbeitsstellen im Erdinnern, weil das Lenken der Wagen oder Karren in den dunklen Stollen auf große Entfernung unbequemer war, als bei kurzen Entfernungen und bei Tagesbau.

Diese ersten Spurbahnen sind wesentlich anders konstruiert gewesen, als man gewöhnlich anzunehmen pflegt, wie aus einer Beschreibung hervorgeht, welche in dem ›Bergwerksbuch‹ des Georgius Agricola von 1557 enthalten ist.

In der Mitte des Stollens lag nach dortiger Beschreibung ein aus zwei Hölzern verbundener Längsbalken mit einem tiefen, in seine Oberfläche eingearbeiteten Längsschlitz.

Die Förderwagen, schon damals ›Hunde‹ genannt, (auch eine Herleitung dieses Namens ist daselbst zu finden), liefen mit zwei größeren Hinter-Rädern auf der gedielten Bahn des Stollens, während zwei entsprechend kleinere und dicht aneinander gerückte Vorderräder auf dem Längsholz ruhten, ein starker zwischen diesen Rädern am Wagen befestigter eiserner Dorn aber als ›Leitnagel‹ in den Schlitz des vorerwähnten Längsholzes eingriff, damit dieser nicht »von dem gebahnten weg, das ist aus der höle oder aus der gleiß der Trömen, so gelegt seind, abweiche.«

Nach den Wörterbüchern der deutschen Sprache von Grimm und Weigand ist nun ›der Trom‹, Plural ›die Tröme‹ gleichbedeutend mit dem mittelhochdeutschen ›Träme‹, dem mitteldeutschen ›Drâm‹ oder ›Trâm‹, der älteren Form der noch heute in Süddeutschland üblichen Bezeichnung ›der Tram‹ oder ›Tramen‹ für ›Balken‹.

Haben die Bergleute des Mittelalters daher jene erste Form einer Spurbahn nach jenem eigentümlichen auf der Bahn liegenden Längsspurbalken einen ›Tramweg‹ genannt, so dürfte man wohl nicht fehlgreifen, wenn man auch das in der englischen Sprache ganz unbekannte Wort ›tram‹ jede sonst versuchte Ableitung verwerfend, von jenen Führungsbalken ableitet und annimmt, dass auch die späteren Konstruktionssysteme von Grubenbahnen, welche Längsbalken verwenden, deshalb ›Tramways‹ oder ›Tramroads‹ = Balkenbahnen genannt worden sind. Dass die Bezeichnung aus dem Deutschen abgeleitet ist und die Konstruktion der Spurbahnen überhaupt von Deutschland herrührt, dafür spricht auch die Tatsache, dass nach Thieme-Preußers Wörterbuch ›tramroad‹ mit ›Deutscher Schienenweg‹ übersetzt wird. Später hat man wohl unter Tramway jede Art von Spurbahn verstanden und in diesem Sinne auch die Lokomotivbahnen nach den Darlegungen im Beitrag vom 29.10.1881 als eine Spezialität der Tramways behandelt.

Obgleich die Amerikaner das Straßenbahnwesen in heutigem Sinne geschaffen haben, dürfte doch die Bezeichnung ›tramway‹ von England hinüber gekommen sein; übrigens pflegt man, nebenbei bemerkt, in Amerika die Straßenbahnwagen fast nur ›horse cars‹ zu nennen.

Ist die dargelegte Ansicht, die Ableitung des Wortes ›tramway‹ aus der deutschen Sprache betreffend, richtig, so brauchte man mit der Fernhaltung des angeblichen Fremdwortes nicht so ängstlich zu sein, wie dies vielfach der Fall ist, und könnte unsere Straßenbahnen gut deutsch Tramwege nennen.

• E. Dietrich

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