Bau & Architektur

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Die Turmspitze der Hof- und Garnisonkirche in Potsdam

(Restauriert im Jahr 1880)

Zentralblatt der Bauverwaltung • 20.8.1881

Hof- und Garnisonkirche in Potsdam.

Die königliche Hof- und Garnisonkirche in Potsdam wurde im Jahr 1732 eingeweiht, während der Turm derselben damals erst bis zur Höhe der untersten Säulenstellung aufgeführt war. Am 4. März 1734 erteilte Friedrich Wilhelm I. dem Erbauer der Kirche, Baurat Gerlach, Befehl, den ›Riss‹ zum Oberbau des Turms vorzulegen. Dies geschah, und schon am 2. und 3. August 1735 fand die feierliche Ersteigung des oberen Turmumgangs durch den König und den Kronprinzen statt. Der Turm war bis zur höchsten Spitze vollendet und zwischen den eichenen Säulenbündeln seines Obergeschosses ein umfangreiches holländisches Glockenspiel aufgehängt worden.

Der Turm ist bis zur Höhe des neuen Aufbaus von rechteckiger Grundrissform und geht von dort ab, unter Vorstreckung zweier seitlicher Säulenpaare, ins Quadrat über; bis zum oberen Umgang ist derselbe massiv aus Ziegeln hergestellt, und zwar sind der damaligen zum Teil sehr gesunden Technik der Privatarchitektur Potsdams entsprechend alle stärker vortretenden und dekorativen Bauglieder aus Werksteinen (Sandstein) gefertigt, während die Flächen in Kalkmörtel geputzt sind.

Das Obergeschoss vom Umgang an bis zur Spitze ist dagegen aus Eichenholz konstruiert. Es ruht auf starken, doppelt neben einander stehenden, vielfach verriegelten eichenen Fachwerksgerüsten, welche sich – mit den Innenflächen des nächstniederen Geschosses bündig – auf einem Absatz der letzteren aufsetzen. Vier starke Bündelpfeiler tragen die ebenfalls eichene Konstruktion der Kuppel mit dem oberhalb dieser sich entwickelnden, mächtigen Spitzenaufbau, während die vier Säulenpaare an den Seiten nur dekorativen Zwecken dienen und die zugehörigen gekröpften Gebälke mit den kupfernen Vasen zu tragen haben.

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Das gesamte Obergeschoss ist mit Kupfer in doppelter Falzung bekleidet, mit Ausschluss der in Blei hergestellten Kapitelle. Die letzteren mussten bei der im vorigen Jahr erfolgten Restauration des Turms ersetzt werden, da die unmittelbare Berührung des Bleies mit dem eichenen Kern eine Oxidierung desselben veranlasst hatte. Auch die eichenen Säulenschäfte bedurften hier und da der Erneuerung, da der Mangel an Ventilation des zwischen Holz und Kupfer befindlichen Raums eine Schwammbildung erzeugt hatte.

Von ganz besonderem Interesse dürfte außer dem malerischen und fein empfundenen Gesamt-Aufbau des Obergeschosses die Entwickelung der Spitze mit der an Kolossalität wohl vereinzelt dastehenden, sinnreich konstruierten Wetterfahne sein.

Auf den vier diagonalen Voluten oberhalb der Kuppel ruht die in Kupfer getriebene, eisenverankerte Krone mit Kissen und Reichsapfel. Aus dem massiven Kern des eichenen Volutenkomplexes erhebt sich eine schmiedeeiserne, etwa 10m lange, im Mittel 14cm im Durchmesser starke unbewegliche Eisenstange a (vgl. Abb.). Dieselbe trägt auf ihrer obersten Spitze eine über einem Achatkügelchen schwebende bewegliche, verstählte Glocke b, und mit dieser fest verbunden sind zwei starke, an der Stange herabhängende schmiedeeiserne Lappen c, welche unten – dicht über dem Reichsapfelkreuz – in horizontale Arme ausgeschmiedet sind. Diese umfassen wiederum die schmiedeeiserne Querstange g der Wetterfahne von beiden Seiten und sind mit derselben fest versplintet und verschraubt. Damit die feste Stange a des Systems durch die Querstange hindurchgeht, ist letztere in der Mitte oval durchlocht. Die Querstange ist 5,50m lang und 10cm zu 7cm stark. Sie trägt auf der einen Seite einen in Kupfer getriebenen Adler, mit innerer Eisenkonstruktion, auf der andern den mit dem Gewicht des Adlers scharf ausbalancierten Namenszug Friedrich Wilhelms. Adler und Namenszug sind durch Strebeeisen mit der Querstange und einigen dieser angehefteten horizontalen Querbändern verankert und so gegen den Winddruck gesichert.

Um nun auch die aus Kupfer auf eisernem Gerippe konstruierte Sonne von 2,40m Durchmesser an der drehenden Bewegung des Adlers und des Namenszuges teilnehmen zu lassen, galt es, dieselbe mit der Glocke b fest zu verbinden. Dies ist erfolgt mittels der zwischen Lappen und Glocke b eingeschalteten zweiten Glocke d, die mit den ersteren fest verbunden ist. Dieselbe ist an ihrem oberen Ende in eine Gabel ausgeschmiedet, welche den engsten inneren Eisenring der Sonnenstrahlenscheiben trägt. Zur Bedeckung aller dieser obersten Konstruktionsteile ist auf die beiden Strahlenscheiben je ein Schild h aufgelegt, der durch die Schraube mitgehalten wird, welche auch die Glocken und Lappen fest miteinander verbindet. Damit endlich die außerhalb der Schilde gelegenen peripherischen Teile der Strahlenscheiben fest aneinander gehalten wurden, ist auf jeder Seite ein Eisenring f angelegt worden.

Während die Strahlenscheiben sich an den obersten Punkten der Peripherie einander berühren, müssen sie unten die Stange mit den Lappen zwischen sich hindurchgehen lassen, und es entsteht so eine faltenartige Herumkröpfung der Scheiben und Schilde.

Das Gesamtgewicht des beweglichen Teils beträgt 18 bis 20 Zentner und dabei ist die Leichtigkeit der Bewegung so groß, dass schon ein leichter Stoß mit dem Finger genügt, um die ungeheure Masse zu drehen.

Zum Schluss mag noch erwähnt werden, dass die künstlerische Detaillierung der Spitze nicht den Gesetzen des optischen Maßstabs entspricht und in dieser Beziehung als etwas verfehlt bezeichnet werden muss. Denn selbst von günstigen Standpunkten auf den Straßen neben der Kirche ist es nicht möglich, an der etwa in 82m Höhe über der Straße befindlichen Bekrönung wichtige Einzelheiten, wie zum Beispiel die Fittichbildung des Adlers, die Edelsteine der Krone, die Gestaltung der Sonnenstrahlen usw. zu erkennen.

• J. Lohse, Bauführer

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