Verkehr

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Telpheranlagen

Verkehrstechnische Woche • 24.10.1908

Telpheranlagen sind eine Art von Schwebebahnen für Güter-Beförderung zu Industriezwecken. Sie vereinigen in sich Bahn und Güteraufzug, werden elektrisch betrieben und können sowohl für den Verkehr von Einzelwagen wie auch von ganzen Wagenzügen eingerichtet sein. Auch ist es keineswegs ausgeschlossen, sie für die Beförderung von Personen zu verwenden; ist doch ihre Einrichtung, auch wo nur Güter-Beförderung infrage kommt, so getroffen, dass eine Begleitperson zur Bedienung der Anlage – sei es in einem besonderen geschlossenen Fahrzeug oder auf einem freigelassenen Platz des Güterwagens – mitgeführt wird.

Abb. 1 - Triebwagen (links), der durch eine Zugstange mit einem Schlepper (rechts) in Verbindung steht.

Die Erfindung rührt von Fleeming Jenkin her, der im Jahr 1883 eine Versuchsbahn zu Weston bei Hitchin in England baute, während eine größere Anlage einige Jahre später zu Glynde in der Grafschaft Sussex errichtet wurde. Sonst hat dieses System in Europa bisher keine Verbreitung gefunden; wohl aber sind in Amerika eine Anzahl großer industrieller Betriebe mit Telpheranlagen versehen worden und eine besondere Gesellschaft, die ›United Telpherage Company‹ in New York, die Zweigniederlassungen auch in Pittsburgh, Chicago und Seattle unterhält, beschäftigt sich mit dem Bau derartiger Bahnen.

Es ist nicht ersichtlich, aus welchen Gründen Telpherbahnen in Europa noch nicht in größerem Umfang zur Ausführung gekommen sind. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, dass man auch bei uns darangeht, da und dort dieses Beförderungsmittel anzuwenden und zu erproben, ob es tatsächlich die Vorzüge besitzt, die man ihm nachrühmt.

Die Telpheranlage besteht – wenn zunächst von dem Unterbau abgesehen wird – aus den in Abb.1 dargestellten Teilen: dem Triebwagen (Telpher-Motor), der durch eine Zugstange mit einem Schlepper (Trailer) in Verbindung steht. Triebwagen und Schlepper laufen auf einem Einschienenweg, der durch den Steg eines T-Eisens gebildet wird, das entweder auf einer hölzernen Langschwelle oder auf einem H-Eisen verlegt ist. An dem Triebwagen und dem Schlepper ist vermittels besonders geformter Hängeeisen ein stählerner Rahmen aufgehängt, der die eigentlichen Fahrzeuge und die Aufzugsvorrichtung trägt. Der Schlepper hat nur den Zweck einen weiteren Stützpunkt für den Rahmen zu schaffen. Sollen statt eines einzelnen Fahrzeugs ganze Wagenzüge befördert werden, so können mit einem Triebwagen mehrere Schlepper gekuppelt werden. Die Lagerung in den Hängeeisen ist derart, dass sie eine Beweglichkeit um eine wagerechte Längsachse gewährleistet, wodurch das Auftreten gefährlicher Spannungen beim Durchfahren von Krümmungen sowie bei einseitigem Winddruck vermieden wird. Der elektrische Betriebsstrom wird durch Kontaktstangen einer oberirdischen Leitung entnommen.

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Der Unterbau besteht zumeist aus hölzernen oder eisernen Torstützen. Die Stützen sind, je nachdem es sich um hölzerne oder eiserne bzw. stählerne handelt, in Abständen von etwa 610m angeordnet.

Mittels Telpheranlagen können sowohl feste wie lose, ja sogar flüssige Güter befördert werden. Die Beförderungs-Geschwindigkeit liegt zwischen 1022km/h (entsprechend 180360m i.d.Min.), während der Lastenaufzug je nach der Art der Betätigung eine Förder-Geschwindigkeit bis zu 30m i.d.Min. und darüber in der Lotrechten entwickeln kann.

Die Vorteile der Telpheranlagen sind:

  1. Billiger Unterbau.
  2. Gute Raumausnutzung; die Telpherbahnen nehmen nicht wie andere Förderbahnen wertvolle Bodenflächen für sich in Anspruch, können also besonders bei beengtem Raum (auf Fabrikhöfen, in Warenhäusern usw.) vorteilhaft verwendet werden.
  3. Zur Bedienung eines Warenzugs einschließlich des Lasten-Aufzugs ist nur ein Mann nötig. Er hat den Kontroller (wie bei jedem Straßenbahnwagen) und die Bremse zu bedienen, befindet sich stets beim Zug selbst und kann diesen auf Erfordern rasch zum Stillstand bringen.
  4. Es können ohne Schwierigkeit scharfe Krümmungen genommen und Höhenunterschiede überwunden werden.
  5. Es kann Elektrizität nicht nur zur waagerechten Förderung, sondern auch zur Lastenhebung anstelle der teureren menschlichen oder tierischen Kraft verwendet werden.

Nach der Art der Lastenhebung können die Telpheranlagen in folgende vier Gruppen gegliedert werden:

  1. Kettenaufzüge für Handbetrieb. Diese sind da am Platz, wo nur eine geringe Hubhöhe, etwa bis höchstens 50 oder 60cm über dem Boden, infrage kommt. Für größere Höhen würde der Zeitverlust zu groß sein; indessen sind auch bei größerer Hubhöhe in einzelnen Fällen Aufzüge mit Handbetrieb eingerichtet worden.
  2. Elektrische Aufzüge. Sie entwickeln eine lotrechte Fördergeschwindigkeit von 1835m i.d.Min. und können hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit leicht den jeweiligen örtlichen Verhältnissen angepasst werden.
  3. Aufzüge mit selbstfüllenden Fördergefäßen. Sie eignen sich für die Förderung geschütteter Massengüter, wie Kohle, Erze, Schotter, Sand usw. Auch hier ist für die Überwachung des Füllens, Hebens, Förderns und Entladens nur ein Mann nötig.
  4. Selbsttätige Telpheranlagen. Diese sind hauptsächlich für Kraftstationen oder sonstige größere Feuerungs-Anlagen geeignet. Hierbei wird die Anstellung eines besonderen Telphermannes erspart. Bei der Kohlenförderung werden die Gefäße unmittelbar aus dem Fülltrichter gefüllt. Die Aschenabfuhr besorgt der Heizer, er hat nur die Eimer zu füllen und dann einen Hebel umzulegen. Das Heben der Last, das Fördern bis zu einer bestimmten Stelle, das Anhalten daselbst bis zur völligen Entladung und die Rückkehr zum Ausgangspunkte erfolgen selbsttätig unter Kontrolle durch den Heizer, der in jedem Augenblicke hemmend eingreifen kann.
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Zur Veranschaulichung des hier allgemein Erörterten seien nachstehend einige der bemerkenswertesten ausgeführten Telpheranlagen in Wort und Bild erläutert.

Abb. 2

Abb.2 zeigt die mit handbetriebenem Kettenaufzug versehene Telpheranlage einer Pappkartonfabrik in Rumford Falls (Maine). Die Bahnlänge beträgt 275m und es sind stellenweise Steigungen von 12% zu überwinden. Die Tagesleistung beläuft sich auf über 10 Mill. Stück, wobei die drei vorhandenen Maschinen eine Fördergeschwindigkeit von 360m i.d.Min. entwickeln.

Abb. 3

In der Abb.3 ist ein Stück der unter großen Schwierigkeiten für die Schokoladenfabrik der Walter Baker Aktiengesellschaft in Milton (Mass.) erbauten Telpherbahn dargestellt. Sie hat die Aufgabe, die Kakaobohnen in Säcken auf dem kürzesten Wege vom obersten Geschoss des Lagerhauses unter Übersetzung eines reißenden Flusses nach dem obersten Geschoss der neuen Fabrik zu schaffen. Die Bahn führt mit Krümmungen bis zu 6m Halbmesser an einem steilen Felsabhang entlang, wobei sie stellenweise eine Höhe bis zu 15m über dem Erdboden erreicht. Die aus Kiefernholz hergestellten Stützen haben 36×36cm im Querschnitt.

Abb. 4

Abb.4 veranschaulicht die im Zug dieser Linie erbaute stählerne Brücke von 24m Spannweite. Jeder aus 3 Wagen bestehende Telpherzug trägt eine Nutzlast von etwa 3,5t und wird von einem Mann bedient, der die beladenen Wagen hebt, fördert und nach etwa ¾ Minute an der Verwendungsstelle absetzt. Im Ganzen verstreichen kaum 3 Minuten von der Ausfahrt aus dem Lagerhaus bis zur Rückkehr dorthin, woselbst schon weitere 3 beladene Wagen zur Beförderung bereitstehen müssen.

Der Telphermann hat in seinem besonderen Abteil mit der einen Hand den Kontroller, mit der anderen die durchgehende Bremse zu bedienen, mittels der er den Zug auf etwa 9m Länge zum Stillstand bringen kann. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt 210m i.d.Min., das Eigengewicht der Maschine nebst Wagen rd. 2t, demnach das Gesamtgewicht eines Zuges rd. 5,5t.

Abb. 5

Die eigenartige Anordnung einer Telpheranlage mit elektrischem Aufzug ist in Abb.5 zu sehen. Da aus örtlichen Gründen die Anlage nicht im Innern der Fabrik errichtet werden konnte, ist die Bahn, wie aus der Abbildung ersichtlich, an der Außenwand aufgehängt worden.

Abb. 6

Von besonderem Interesse ist die bei Herstellung des Tunnels der Pennsylvania-Eisenbahn in der Stadt New York zur Anwendung gekommene Telpheranlage (Abb.6). Sie dient dazu, den Aushub aus dem Tunnel herauszuschaffen und ohne Umladung mittels der bereitstehenden Gespanne weiter zu verfahren. Für die Wahl dieser Förderart waren maßgebend der beengte Raum, die hohen Grunderwerbskosten und die Rücksichtnahme auf den Straßenverkehr, der möglichst wenig behindert werden sollte.

Abb. 7

Eine Anlage mit sich selbsttätig füllenden Fördergefäßen ist in Abb.7 vorgeführt. Es handelt sich hier um eine 300m lange Telpherlinie der Philadelphia Quartz Co. in Chester (Pennsylvania), auf der Kohle, Sand und Fässer befördert werden. Die Maschine vermag eine Last von 4t mit einer Geschwindigkeit von 36m i.d.Min. zu heben.

Abb. 8

Ein Beispiel für die unter d. genannte Gattung endlich ist in Abb.8 vorgeführt. Diese für die Internationale Papier-Gesellschaft im Rumford Falls (Maine) hergestellte Anlage besorgt vollkommen selbsttätig die Aschenabfuhr aus dem Kesselhaus. Die etwa je ¾t fassenden Fördergefäße füllen sich im Kesselhaus selbsttätig mit Asche, fördern sie dann mit einer Geschwindigkeit von 75m i.d.Min., entladen am Endpunkte angekommen, ihren Inhalt ebenso in die zur Weiterbeförderung bereitstehenden Wagen, wenden sodann selbsttätig und kehren zum Kesselhaus zurück.

Zum Schluss seien noch einige Bemerkungen über weitere Anwendungs-Möglichkeiten der Telpherbahnen, die sich von den bei uns gebräuchlichen Seil- und Hängebahnen nicht nur durch die Art der Aufhängung, sondern hauptsächlich durch den Selbstfahrerbetrieb unterscheiden, gemacht.

Zunächst die Gepäck- und Frachtbeförderung auf größeren Bahnhöfen. Die erstere ist schon seit Jahren auf der Viktoria-Station in Manchester eingerichtet und bewährt sich. Die Gepäckkarren, den auch hierzulande gebräuchlichen ähnlich und mit niederklappbaren Seitenwänden versehen, werden an die Gepäckwagen herangerollt, mit Gepäckstücken gefüllt, dann von dem Telpher in die Höhe gezogen – vielleicht mit mehreren zu einem ganzen Zug vereinigt – und weiterbefördert. Zur Beförderung einer ganzen Anzahl von Gepäckstücken ist nur ein Mann nötig, der seinen Platz auf einem am Telpher befindlichen Sitz findet und die Ladung begleitet.

Bei großen Güterschuppenanlagen kann das Be- und Entladen mit Hilfe von Telpheranlagen in sehr zweckmäßiger und raumsparender Weise durchgeführt werden.

Endlich würde es vielleicht möglich sein, solche Anlagen bei Baggerarbeiten oder bei großen Dammschüttungen mit Nutzen anzuwenden. Vielleicht auch statt des Ein- und Ausbootens an ungünstigen Landungsstellen.

• Oberingenieur a.D. A.Liebmann

Siehe auch: Elektrische Gepäckbeförderung • Das Neue Universum • 1896

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