Feuilleton

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Die stenografischen Büros der beiden Häuser des preußischen Landtags

Illustrirte Zeitung • 19.1.1861

Bei der Bedeutung, welche die Verhandlungen der preußischen Kammern für die Gegenwart haben, wird es nicht ohne Interesse sein, zu erfahren, in welcher Weise dieselben stenografisch aufgenommen und zur Veröffentlichung vorbereitet werden.

Die Einrichtung der stenografischen Büros der beiden Häuser des preußischen Landtags ist im Wesentlichen übereinstimmend. Der Vorsteher des stenografischen Büros des Hauses der Abgeordneten ist bekanntlich seit 10 Jahren Wilhelm Stolze, unter dessen Leitung zwölf Stenografen arbeiten, die alle nach seinem System schreiben; und eben deshalb (teils wegen der Übereinstimmung ihrer Schrift, teils wegen der Zuverlässigkeit und Lesbarkeit derselben, teils wegen der ausgezeichneten Tüchtigkeit des Leiters) ist es möglich, dass in dem genannten Büro so Treffliches geleistet wird.

Die zwölf Stenografen sind in sechs Turnus eingeteilt: d.h. je zwei folgen mit ihrem Bleistift zehn Minuten lang den Reden im Sitzungssaal und begeben sich dann, von zwei anderen auf ein sogenanntes Stichwort abgelöst in das Büro, um 40 bis 50 Minuten lang ihren Sekretären das Aufgenommene zum Übertragen in gewöhnliche Schrift zu diktieren. Jeder der beiden Stenografen hat es dabei nur mit der Hälfte des Geschriebenen zu tun, so dass die acht- bis zehnfache Zeit dazugehört, um mit der gewöhnlichen Schrift die stenografische zu erreichen. Um in weniger als 40 Minuten fertig zu werden, müssten die im betreffenden Turnus vorkommenden Reden ziemlich gemessen gehalten worden sein, obgleich auch die größere Gewandtheit eines Stenografen und Sekretärs Zeitvorteile erzielen kann. Bisweilen aber, wenn die Redner sehr schnell gesprochen oder gar abgelesen haben, wenn die Verhandlung sehr lebhaft gewesen ist usw., reichen die bestimmten 50 Minuten nicht aus, so dass ein Rest bleibt, dessen Diktat der folgenden Stunde anheimfallen muss, falls nicht der betreffende Sekretär bloße Inserate zu machen hat oder falls er nicht soweit in der Stenografie ausgebildet ist, um während der Zeit, dass sein Stenograf sich im Saal befindet, die Übertragung eines Redeabschnittes selbst zu übernehmen. Die meisten Sekretäre nämlich im stenografischen Büro des Hauses der Abgeordneten sind ebenfalls der Stenografie kundig und derjenige Sekretär, der eine praktische Prüfung bestanden hat, darf seinem Stenografen in den Sitzungssaal folgen und mitstenografieren.

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Was den Vorsteher selbst anbelangt, so bleibt dieser während der Verhandlung ununterbrochen im Sitzungssaal und schreibt manches vollständig, manches auszugsweise nieder, übrigens alles von Anfang bis zu Ende der Sitzung mit gespanntester Aufmerksamkeit hörend und beobachtend. Die durch diese Tätigkeit gewonnene Kenntnis setzt ihn in den Stand, teils die Stenografen über etwaige Missverständnisse oder Zweifel aufzuklären, teils die von den Abgeordneten nicht durchgesehenen Reden einer Revision zu unterwerfen, teils den Sitzungsbericht so einzurichten, dass er zum Druck reif ist.

Sämmtliche Übertragungen des Stenografierten werden von einem Journalisten registriert und nummeriert, und spätestens eine Stunde nach dem Schluss jeder Sitzung wäre es möglich, jene in die Druckerei zu senden, wenn nicht eben, abgesehen von der Generalrevision des Vorstehers, die Abgeordneten das Recht hätten, ihre Reden zuvor im Büro durchzusehen, von welchem Recht auch viele Gebrauch machen. Den Ministern und ihren Beauftragten dagegen werden die betreffenden Blätter des Berichts ins Haus geschickt. Natürlich ist es den Rednern verboten, sogenannte Nova in ihre stenografisch aufgenommen Reden hinein zu korrigieren, sondern nur stilistische Änderungen sind ihnen gestattet. Sollten ja einmal Einwendungen gegen die Richtigkeit des Niedergeschriebenen gemacht werden (solche Einwendungen sind allerdings seltener als die gegen die Angabe über Bravo, Heiterkeit u.dgl.), so bedarf es zu deren Widerlegung nur der Übereinstimmung der stenografischen Manuskripte. Das vollständige Material einer Sitzung bleibt übrigens mindestens so lange aufbewahrt, bis die gedruckten stenografischen Berichte sich in den Händen der Abgeordneten befinden.

Dass dies aber, wie die jetzige Präsidial-Instruktion verlangt, am zweiten Morgen nach jeder Sitzung geschehen kann, dazu trägt die Tätigkeit der Mitglieder des Büros ebenfalls bei. Dasjenige Stenografen- resp. Schreiberpaar nämlich, welches den ersten Turnus in einer Sitzung gehabt hat, muss an dem betreffenden Abend die Korrektur der aus der Druckerei kommenden stenografischen Berichte und Anlagen sofort besorgen; und außer dieser Abendwache trifft einen Tisch nach dem anderen die Morgen- resp. Tageswache im stenografischen Büro. Die Letztere bezieht sich auf sitzungsfreie Tage, an welcher die übrigen Mitglieder im Büro wenigstens zu erscheinen und ihren Namen in die Anwesenheitsliste einzutragen haben.

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Da den Stenografen sämtliche Drucksachen (Regierungsvorlagen, Kommissionsberichte etc.) geliefert werden, sind dieselben in den Stand gesetzt, sich vollständig zu den auf der Tagesordnung stehenden Gegenständen vorzubereiten. Dies erleichtert ihre Tätigkeit, welche allerdings andererseits manchen erschwerenden Umständen unterliegen kann. Beispielsweise sei erinnert an die mangelhafte Akustik des Sitzungssaals, an die unverständlichen Platzbemerkungen der Abgeordneten, an die rhetorische Unvollkommenheit mancher Redner, an die Privatunterhaltung einiger Herren in der Nähe des Stenografentisches u.dgl.m. Eine nicht geringe Schwierigkeit entsteht auch dadurch, wenn bei einer Ablösung nicht das Stichwort beachtet ist oder die mangelhafte Kenntnis des Zusammenhangs das Verständnis des Gesprochenen hindert. Eigentlich beschwerlich wird der Dienst erst dann, wenn wegen Krankheit oder anderer Umstände einige Stenografen zur Sitzung nicht erscheinen können.

Der Vorsteher des stenografischen Büros des Herrenhauses ist Dr.Gustav Michaelis (seit 1855) und unter ihm stehen fünf Stolzianer und fünf Anhänger des Gabelsbergerschen Systems als Stenografen. Die Einrichtung des gedachten Büros ist, wie gesagt, im Wesentlichen mit der des Abgeordnetenhauses übereinstimmend. Die Abweichungen aber sind teils durch den Unterschied zwischen dem Abgeordnetenhaus und dem Herrenhaus selbst, teils durch die Anwendung zweier stenografischer Systeme bedingt. Hier im Herrenhause sind die Sitzungen seltener, meist kürzer, die Verhandlungen im ganzen minder lebhaft als dort im Abgeordnetenhaus; hier im Herrenhaus erstreckt sich das vornehme Ansehen bis auf die Stenografen, die nicht anders als mit weißer Weste und Binde im Sitzungssaal erscheinen dürfen; hier wird überhaupt mehr auf äußere Formalitäten aller Art gesehen und hier haben auch die Mitglieder des stenografischen Büros weniger Anstrengung, wie sie sich denn unter anderem an den Korrekturen der gedruckten Berichte gar nicht zu beteiligen haben und dem zufolge auch bei den Wachen weniger in Anspruch genommen werden. Im Abgeordnetenhaus nehmen die Referenten der Kommissionen häufig stenografische Kräfte bei ihren Berichten zu Hilfe, wodurch auch der Stenografie eine größere Anerkennung, den Trägern derselben aber ein nicht zu verachtender Nebenverdienst verschafft wird. Im Herrenhaus ist dies jedoch nicht der Fall.

• E.D.

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