Forschung & TechnikTechnik

-Reklame-

Registratoren

Technische Betrachtung von Hans Dominik

Die Woche • 2.1.1909

Es soll hier nicht von jenen würdigen Beamten die Rede sein, die in den Büros des zivilisierten Europa ihren Dienst verrichten und die Registraturen verwalten. Unsere Registratoren bestehen aus Stahl und Eisen, aber sie verrichten ihre Arbeit so exakt und getreu, dass wir ihre Dienste heute nicht mehr missen möchten.

Als unsere Technik im neunzehnten Jahrhundert den bekannten gewaltigen Aufschwung nahm, als in schneller Folge Wasser, Gas und Elektrizität in die Häuser geliefert wurden, da trat alsbald auch die dringende Forderung auf, die gelieferten Sachen zum Zweck der Bezahlung ordnungsgemäß zu registrieren und zu verbuchen. Es entstand das Bedürfnis nach zuverlässigen technischen Messinstrumenten. Dem Verlangen ward Genüge, und heut bildet der Bau von Messinstrumenten überhaupt einen integrierenden Bestandteil unserer Technik. Ganz allgemein müssen wir dabei drei Gruppen unterscheiden, nämlich: Zeiger, Zähler und Registratoren.

Als ein allgemein bekanntes Beispiel für zeigende Instrumente können wir das Thermometer herausgreifen. Es zeigt uns in jedem einzelnen Augenblick die Temperatur seiner Umgebung an. Dagegen können wir ihm nicht ansehen, ob es vor einer Stunde zehn Grad Wärme oder zehn Grad Kälte angezeigt hat, denn das gewöhnliche Thermometer registriert nicht. Aber wir brauchen beispielsweise nur einen Blick aus die in Berlin befindlichen Uraniasäulen zu werfen, da treffen wir auch auf registrierende Thermometer. Ein Streifen aus Bimetall führt, entsprechend den Schwankungen der Temperatur, bestimmte Bewegungen aus. Ein feiner Schreibhebel überträgt diese Bewegungen auf einen Papierstreifen, der von einem Uhrwerk gleichmäßig weiterbewegt wird, und so bekommen wir eine Kurve, die für jede vergangene Minute genau die zugehörige Temperatur verzeichnet. Aus dem einfachen zeigenden ist ein registrierendes Thermometer geworden, das getreulich seine Auszeichnungen macht, gleichviel ob es in einer Uraniasäule steckt oder, an einem Pilotballon hängend, in zwei Meilen Höhe über halb Deutschland dahintreibt, im wahrsten Sinne des Wortes ein Registrator auf Reisen.

-Reklame-

Wenden wir uns nun den zählenden Apparaten zu. Wir können die Uhr dazu rechnen, obwohl man sie gelegentlich auch als Zeitzeiger betrachtet. Tatsächlich zählt sie von einem bestimmten Nullpunkt, nämlich von zwölf Uhr ab, die Stunden, Minuten und Sekunden. Weil wir aber die jeweilige Zeit eben mit der Summe der seit zwölf Uhr verflossenen Stunden, Minuten usw. bezeichnen, so zeigt sie auch gleichzeitig jeden Augenblick die jeweilige Zeit. Hier finden wir also, dass ein Apparat gleichzeitig Zähler und Zeiger ist, und das wird sich stets wiederholen. Da haben wir beispielsweise die Gas- und Wassermesser. Es sind in Wirklichkeit Zähler, die die verbrauchten Kubikmeter und Liter zählen, damit aber auch jederzeit den jeweiligen Gesamtverbrauch zeigen. In die Gruppe der Zähler gehört ferner auch der Taxameter. Er ist gleichzeitig Kilometerzähler und Fahrpreisanzeiger. Die Umdrehungen des Wagenrades werden durch eine biegsame Welle auf ein Zählwerk übertragen. Unserem Auge erscheinen aber gar nicht mehr die vollendeten Radumdrehungen, sondern vielmehr sofort die dafür in jedem Augenblick fälligen Summen. Des Weiteren wird der Taxameter durch besondere Schaltwerke kompliziert, die von der Hand in Wirksamkeit gesetzt werden können und nun das Anzeigen nach verschiedener Taxe bewerkstelligen. Schließlich ist bei Aufenthalten die Möglichkeit vorgesehen, ein Uhrwerk einzuschalten, das dann seinerseits das Preistableau alle vier Minuten um einen Groschen vortreibt. Wir haben hier also eine ziemlich zusammengesetzte Apparatur, die sowohl unsere Fahrwege wie auch unsere Aufenthalte zur Kenntnis nimmt und uns die fertige Rechnung darüber jeden gewünschten Augenblick präsentiert.

Dem Taxameter entfernt verwandt sind die kurzweg Geschwindigkeitsmesser genannten Apparate. In ihren vollkommensten Ausführungen sind sie gleichzeitig Zähler, Zeiger und Registratoren. Sie zeigen in jedem Augenblick die Geschwindigkeit, sie zählen die zurückgelegten Kilometer, und sie liefern gleichzeitig eine Aufzeichnung über die ganze Fahrt, aus der man für jeden einzelnen Augenblick die Geschwindigkeit und den Ort der Fahrt ersehen kann. Besonders die Kraftfahrzeugindustrie interessiert sich für diese Apparate, und hier kommt gleichzeitig der Moment, da der biedere Registrator auch noch die Rolle des getreuen Eckehart übernimmt und Warnzeichen von optischer und akustischer Art gibt, sobald bestimmte Geschwindigkeiten überschritten werden. Damit kommen wir zu einer ganzen Gruppe von Messinstrumenten, die im Allgemeinen von zeigender Art sind und bei bestimmten Vorkommnissen Alarm schlagen. Dem Hausbesitzer wird es im Allgemeinen ziemlich gleich sein, welche Temperatur in seinem Keller oder auf dem Boden herrscht. Wenn diese Temperatur aber plötzlich zehn Grad über die Norm steigt, so dürfte etwas faul im Staate Dänemark sein, und daher schließt das Alarmthermometer in solchem Fall einen elektrischen Kontakt und meldet jeden Dachstuhl- oder Kellerbrand, bevor er unangenehme Dimensionen annimmt.

Die Arbeit unserer Registratoren ist nun von ganz eigener Art. Wir sahen vorstehend, wie zum Beispiel ein registrierendes Thermometer eine Kurve zeichnet, die zu jeder Zeit die zugehörige Temperatur angibt. Zweifellos hat das Thermometer die Kurve, die wir hier auf dem Papier vor uns sehen, beschrieben, aber es hat sie nicht in den zwei Dimensionen der Papierebene, sondern nur in einer räumlichen Ausdehnung und ferner in der Ausdehnung der Zeit zurückgelegt. Wir bewegen uns hier in einem Schattenreich von vier Dimensionen, drei räumlichen und einer zeitlichen, die völlig gleichwertig erscheinen, und unsere diversen Registratoren sind in diesem vierdimensionalen Gelände jedem Spiritisten zum Trotz wohl zu Hause.

-Reklame-

Und was registrieren sie nicht alles. Die meteorologischen Ballons bekommen Apparate mit, die die Temperatur, den Barometerstand und die Luftfeuchtigkeit aufschreiben. In den festen meteorologischen Stationen haben wir ferner Instrumente, die die Richtung und die Stärke des Windes, die Tageshelligkeit und die Stärke etwaiger Niederschläge für jeden Augenblick sorgfältig zu Papier bringen. In allerletzter Zeit hat man für die Niederschrift von Gewittern noch besondere Apparate unter Benutzung lichtempfindlicher Selenzellen und empfindlicher Mikrofone gebaut, die auch jeden Blitz und Donner nach Zeit und Stärke notieren. Zu erwähnen sind ferner die registrierenden Magnet- und Erdbebenmesser. Die ersteren sind gewissermaßen magnetische Gewitterschreiber, die uns jede Änderung des Erdmagnetismus von Sekunde zu Sekunde festlegen, während die Seismographen jede Erschütterung der Erdrinde notieren. Was alle diese unabhängig voneinander aufgeschrieben haben, das gibt dann, vom Gelehrten miteinander verglichen, oft merkwürdigen Ausschluss über verborgene Zusammenhänge. Dienen nun die eben genannten Apparate den Zwecken der Wissenschaft, so sorgt ein anderes nicht minder großes Heer für die Bedürfnisse der Technik. Da sind zunächst die elektrischen Registratoren, die über die Lieferung von Spannung, Stromstärke und elektrischer Energie genau Buch führen. Aus ihren Angaben lässt sich sofort ersehen, ob und wie ein Elektrizitätswerk wirtschaftlich gearbeitet hat. Nach ihren Aufzeichnungen kann der Direktor des Werkes noch nach Tagen und Wochen strenge Kritik halten, warum nicht dort eine Maschine, die nur mit geringer Last und daher unwirtschaftlich lief, beizeiten stillgesetzt wurde, oder warum dort eine Batterie unzulässig stark entladen wurde. Jedweden Unfug, den das Personal getrieben hat, bringt eben der registrierende Apparat an den Tag. Das Gleiche gilt von den Registratoren für Druck- und Wasserstand an Dampfkesseln. Auch sie bilden eine scharfe Kontrolle für den Heizer und können ihm im Fall der Nachlässigkeit zu ernster Rüge verhelfen.

Über die Notwendigkeit und den Nutzen derartiger Apparate dürfte demnach kaum noch ein Wort zu verlieren sein. In früheren Jahren, als namentlich in der Elektrotechnik derartige Dinge noch fehlten, musste man in Hunderten und Tausenden von Fällen die Vorgänge durch menschliche Arbeitskraft registrieren lassen, ein kostspieliges und langweiliges Geschäft, das jetzt der tote Apparat ungleich besser und billiger besorgt.

Was Wunder daher, wenn diese Registratoren immer weitere Verbreitung, immer neue Arbeitsgebiete fanden. Gegenwärtig beginnen sie dem Portier und Straßenbahnschaffner Arbeit abzunehmen. Bekannt ist ja die alte Feindschaft zwischen dem Arbeiter und dem Fabrikportier. Der Arbeiter soll pünktlich zur Arbeit kommen, der Portier soll ihn aufschreiben, wenn er unpünktlich kommt. Immer wieder hat es hier am Fabriktor und später bei der Lohnauszahlung Streit gegeben, so dass viele Fabriken ihre Pforten fünf Minuten nach sechs Uhr überhaupt schlossen und sie erst um sieben Uhr wieder öffneten, derart also, dass jemand, der sechs Minuten zu spät kam, eine ganze Stunde verlor. Dies Verfahren war nicht sonderlich wirtschaftlich, und mit Freude sind daher die modernen registrierenden Kontrollapparate zu begrüßen. Jeder Arbeiter hat einen besonderen Schlüssel, den er beim Betreten und Verlassen der Fabrik in ein besonderes Loch des Apparates stößt. Dadurch druckt er sich selbst seine genaue Zeittabelle, und alle Streitigkeiten sind aus der Welt geschafft und gleichzeitig bereits vollkommene Vordrucke für die Lohnlisten gewonnen. In ähnlicher Weise arbeiten die Registrier-Appararate der amerikanischen Straßenbahnen. Der Schaffner muss hier jedes Fahrgeld in eine Art Glaskiste werfen und eine Stange drehen. Er betätigt dadurch einen geistreichen Druckapparat, der bereits während der Fahrt eine vollkommene Fahrtabrechnung druckt, die später ohne weiteres in die Rechnungsbücher eingeklebt wird, so dass die schriftlichen Kalkulationsarbeiten auf ein Minimum beschränkt werden können.

So nehmen uns die mechanischen Zeiger, Zähler und Registratoren eine Fülle notwendiger, aber stumpfsinniger Arbeit ab. Sie gestatten es, menschliche Intelligenz an bessere Arbeit zu setzen, und sind uns daher in kurzem unentbehrlich geworden.

-Reklame-
-Reklame-
Generisch - Tacho - Interstitial - Stoppend