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Postwertzeichen-Automaten

Verkehrstechnische Woche • 3.4.1909

Bereits im Jahr 1880 hat die Reichs-Postverwaltung deutsche Erfinder zur Konstruktion einer Maschine angeregt, die den Markenverkauf automatisch in einwandfreier, stets gleich sicherer Weise leistet. Die hierauf dem Reichspostamt vorgeführten Maschinen wiesen aber große Nachteile auf. Bei allen Systemen, die ersonnen wurden, bedurfte man einer so vielseitigen Mitarbeit des Publikums, dass dadurch die Zuverlässigkeit der Maschine gestört, und die automatische Verausgabung der Marke aber auch derart verwickelt wurde, dass eine Ersparnis an Zeit und für die Postverwaltung eine Ersparnis an Kosten nicht zu erreichen war.

Dem Ingenieur Abel war es vorbehalten, als erster den Weg zu beschreiten, den Automaten nur durch Münzeneinwurf in Betrieb zu setzen. Er führte vor nunmehr acht Jahren als Ergebnis mehrjähriger Versuche der deutschen Regierung den ersten Postwertzeichen-Automaten vor, der – durch Münzeneinwurf in Betrieb gesetzt – hierbei allerdings auch noch durch äußere, an Handgriffen wirkende Mittätigkeit des Publikums unterstützt wurde. Immerhin bedeutete bereits dieser, im Vergleich mit dem heutigen Abel-Automaten noch recht unvollkommene Apparat, einen so wesentlichen Fortschritt gegenüber den bisherigen Systemen, dass das Reichspostamt beschloss, die ersten öffentlichen Versuche Postwertzeichen automatisch auszugeben, mit diesem Apparat vorzunehmen. Der Automat war, obgleich er noch eine umfangreiche Mitwirkung des Käufers bei der Verausgabung der Marke bedingte, das Beste, was bisher auf diesem Gebiet geschaffen worden war, und die meisten der Automaten anderer Systeme, die bis in die jüngste Zeit hinein vorgeführt wurden, stehen noch heute hinter diesem von Abel vor acht Jahren erfundenen Modell zurück.

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Das Reichspostamt bekundete für die Erfindung des Ingenieurs Abel von Anfang an lebhaftes Interesse und äußerte sich über den Verlauf der ersten Versuche – während deren Durchführung Abel bereits Verbesserungen an seinem System ersonnen hatte – am 20. August 1902 dahin, dass die Erfahrungen, die mit dem Automaten nach System Abel bisher gemacht worden seien, im allgemeinen nicht als ungünstig bezeichnet werden könnten, man müsse jedoch zur Benutzung des Apparates beide Hände gebrauchen, und dieser Umstand mache es untunlich, den Apparat allgemein zur Einführung zu bringen. Es müsse deshalb abgewartet werden, wie sich das in Aussicht gestellte zweite Modell bewähren werde.

Dieses zweite Modell war dem ersten bereits in vielen Punkten überlegen, doch musste man sich auch hier noch einer Hand bedienen, um die Briefmarken nach Einwurf des Geldstückes zu empfangen. Die Erfahrungen, die mit dem zweiten Modell gemacht wurden, führten zur Herstellung des dritten Modells (1905) mit Münzfenster. Das Münzfenster, in dem die fünf zuletzt eingeworfenen Geldstücke sichtbar sind, stattete den Automaten mit einer für Außenstehende sichtbaren Kontrolle über die Beschaffenheit der eingeworfenen Münzen aus, die der Automat, allerdings schon vor Erreichung des Münzfensters beschlagnahmte, wenn ein Falschstück eingeworfen wurde.

In der vortrefflichen Ausgestaltung des Münzprüfers, der jeden Betrugsversuch misslingen ließ, bestand der wesentlichste Fortschritt des Modells, das aber auch noch mit einer vor Empfang der Marke in Bewegung zu setzenden Zugstange ausgestattet war. Dieses dritte Modell wurde auf Veranlassung des Staatssekretärs des Reichspostamtes, Exzellenz Krätke, beim 6. internationalen Postkongress in Rom im Mai 1906 den dort vereinigten Vertretern der obersten Postbehörden sämtlicher Kulturstaaten vorgeführt und fand allseitig Anerkennung. Nach diesem dritten Modell konstruierte Automaten arbeiteten sowohl bei einer Reihe von Postämtern in Berlin als auch bei Postämtern und auf Bahnhöfen außerhalb Berlins zufriedenstellend und befriedigten die Reichspost-Verwaltung durchaus, so dass sie entschlossen war, diesen Automaten allgemein einzuführen. Die Erfinder empfahlen jedoch hiermit noch zu warten, bis die Versuche ein viertes Modell zu schaffen, bei dem auch die letzte Mitwirkung des Publikums durch Beseitigung der Zugstange aufgehoben werden sollte.

Gegen Ende des Jahres 1906 gelang es durch Anwendung eines Federmotor-Antriebes auch diese Aufgabe zu lösen, so dass bei dem nach dem letzten und endgültigen Modell 4 konstruierten Abelschen Automaten das eingeworfene Geldstück den Motor auslöst, der dann selbsttätig die entsprechende Marke oder Karte verabfolgt.

Der Briefmarken-Automat (s.Abb.) besteht im Wesentlichen aus folgenden Teilen: a ist der Federmotor, der durch eine aufsteckbare Kurbel b aufgezogen wird. Vom Motor a geht eine Antriebskette c nach dem Markengeber d, in den der auf der Rolle e aufgewickelte Markenstreifen f eingeführt ist. Das eingeworfene Geldstück gelangt durch den Münzprüfer g in die Gleitrinne h und bewegt an deren Ende den Auslösehebel i, wodurch das Laufwerk k ausgelöst wird. Nach dem Durchfallen des Geldstückes durch die Auslösungs-Vorrichtung gleitet es auf der Schiene l in das Münzfenster m und fällt nach der fünften Betätigung des Apparates von dort in die Geldkassette n. Wird das Geldstück in den Schlitz des Münzprüfers geschoben, so löst es also, falls es kein Falschstück ist, das Triebwerk des Motors aus, der seine Drehung durch die Kette c auf den Markengeber d überträgt. Durch eine in diesem befindliche Transport- und Regelungs-Vorrichtung wird der Markenstreifen stets nur um eine bestimmte Länge von der Rolle e abgewickelt und die gekaufte Marke an der Perforation durch ein Messer abgeschnitten. Die abgetrennte Marke fällt nun in den Markenschacht o, von wo sie durch den Käufer entnommen werden kann.

Mit diesem Modell 4 des Abelschen Postwertzeichen-Automaten war nach achtjähriger Arbeit die Frage des automatischen Verkaufs von Postwertzeichen in der denkbar vollkommensten Weise endgültig gelöst. Es war nunmehr der Apparat geschaffen, der, auch im Freien aufgestellt, von Witterungseinflüssen unabhängig, auf das genaueste am Band befindliche und aufgerollte Marken stets an der Perforation abtrennt, obgleich die Briefmarken in der Länge nicht immer mathematisch genau übereinstimmen. Der Käufer hat weiter nichts zu tun, als nach Einwurf der Münze die unter das Markenfenster fallende Briefmarke aufzunehmen.

Der Apparat reagiert nur auf die bestimmte Münzsorte, für die er eingerichtet ist. Falschstücke, wie Blei, Eisen oder Aluminium gibt er infolge der sinnreichen Konstruktion seines Münzenprüfers zurück, ohne auf diese zu reagieren oder dadurch gestört zu werden. Wenn mehrere Münzen der vorgeschriebenen Geldsorte schnell hintereinander eingeworfen werden, so wirkt der Automat, als ob nur eine Münze eingeworfen worden wäre, gibt also die für eine Münze vorgeschriebene Zahl Postwertzeichen aus und gibt gleichzeitig die übrigen Münzen zurück. Der Automat zeigt an einer beliebig zu bestimmenden Stelle, die vom Orte seiner Aufstellung mehrere Kilometer entfernt sein kann, durch einen elektrischen Fernanzeiger selbsttätig an, wenn sein Markenvorrat, der beliebig groß sein kann und in der Regel 500 10-Pf-Marken oder 1000 5-Pf-Marken beträgt, ausverkauft ist.

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Die Entdeckung Berlins

Der Apparat bedarf zu all dieser, den Schalterdienst des Postwertzeichen verkaufenden Postbeamten vollständig ersetzenden Tätigkeit in keiner Weise der Mitwirkung des Postwertzeichen-Käufers.

Er arbeitet mit der Genauigkeit und Zuverlässigkeit eines guten Uhrwerks, übt bei Versuchen mit Falschstücken die Kontrolle eines aufmerksamen Kassierers aus, gibt nicht eine Marke mehr aus, als ihm bezahlt wird, und ist an Werk- und Feiertagen Tag und Nacht für den Bedarf des Publikums dienstbereit. Letzteres ist des lästigen Wartens in überfüllten Posträumen und des Gedränges an den Postschaltern enthoben. Der Automat gibt in einer Minute 25 Briefmarken aus, und bei den bescheidenen Raumansprüchen, die er stellt, findet sich allenthalben an Post-, Bahnhofs-, Hotel- und sonstigen starkbesuchten Gebäuden für ihn ein geeigneter Platz. Der Briefmarken-Automat Modell 4 hat nämlich bei einer Höhe von 175cm, einer Breite von 50cm und einer Tiefe von 35cm nur ein Gewicht von 147kg und der Postkarten-Automat bei denselben Abmessungen ein Gewicht von 153kg.

Das Publikum hat die Vorzüge des automatischen Postwertzeichen-Verkaufes sofort erkannt, und die Statistik der nun schon zahlreich aufgestellten Automaten beweist, wie umfangreich sie vom Publikum benutzt werden, und welche Fülle von Arbeit sie aus den Räumen und von den Schaltern der Postanstalten hinweg auf sich übernommen haben. Ein in Frankfurt (Main) aufgestellter Briefmarken-Automat verausgabt täglich rd. 1500 Briefmarken. Von 35 im Gebiet der deutschen Reichs-Postverwaltung mit je 3 Automaten ausgestatteten Postämtern wurden seit Aufstellung der Automaten bis zum 1. April 1908 15300000 Postwertzeichen automatisch verkauft, das ergibt für ein Postamt 437143 Verkäufe oder etwa 600 Verkäufe für einen Automaten und einen Tag. Auf diese 15300000 Verkäufe entstand durch fremde Geldstücke ein Ausfall von 0,005% gegen 0,08% Ausfall beim Handverkauf am Schalter. Gleich günstig lautet die Statistik bei allen anderen mit Automaten ausgestatteten Postämtern.

Die amtliche Statistik für das Halbjahr vom 1. April bis 30. September 1908 ergibt, dass in dieser Zeit 46⅔ Satz Automaten verkauft haben: 4128851 Stück 5-Pf-Briefmarken, 1597209 Stück 10-Pf-Briefmarken und 1815669 Postkarten, wobei somit der Gesamterlös den Betrag von 456946,90Mark erreichte. Jeder Satz hatte also einen Umsatz von durchschnittlich rd. 10000 Mark, welche Zahl jedoch sich noch bedeutend höher stellen würde, wenn nicht ein großer Teil der Automaten erst im Laufe der Beobachtungszeit aufgestellt und in Betrieb genommen wäre, also erst während eines Teiles der Zeit in Tätigkeit war.

Hatten die Versuche mit dem Modell 3 des Abelschen Postwertzeichen-Automaten bereits vollauf befriedigt, so war es selbstverständlich, dass das so vollkommenere Modell 4 bei den Postbehörden aller Kulturstaaten ungeteilten Beifall finden musste. Die deutsche Reichs-Postverwaltung hat am 26. Oktober 1907 mit der für die Verwertung des deutschen Patentes gegründeten deutschen Tochtergesellschaft der Internationalen Abelschen Postwertzeichen-Automaten-Vertriebs-Gesellschaft m.b.H. (Jabaog) einen Vertrag abgeschlossen, nach dem der nach Modell 4 konstruierte Postwertzeichen-Automat im Gesamtgebiete der Reichs-Postverwaltung zur Einführung gelangt.

In Hamburg, Stuttgart, München, Düsseldorf, Kreuznach, Frankfurt (Main), Dresden, Leipzig. Breslau, Stettin, Bremen, Magdeburg, Neuenahr, Norderney, Guben, Neumünster, Flensburg, Kiel, Essen (Ruhr) und zahlreichen anderen Städten sind inzwischen die Automaten aufgestellt worden; sie haben überall die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt.

Eine Beschleunigung wird die Ausbreitung der Automaten noch durch den jetzt bevorstehenden Beschluss erfahren, den im Inneren der Automaten noch reichlich verfügbaren freien Raum zum Einbau von Briefkasten usw. zu verwenden, so dass dem Publikum in unmittelbarem Zusammenhang mit der Verkaufsstelle der Briefmarken auch die Aufgabestelle für seine Briefe zur Verfügung steht. Der mit Briefkasten versehene Postwertzeichen-Automat wird ein überall leicht zu errichtendes Postamt für sich darstellen, das zwei wichtige und die am meisten vom Publikum begehrten Dienstleistungen ausführt, nämlich den Postwertzeichen-Verkauf und die Briefannahme.

• Ober-Postpraktikant Schikorowski

Siehe auch: Automatischer Billetverkauf • Verkehrstechnische Woche • 8.5.1909

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