Bau & Architektur

Das neue Opernhaus in Berlin

Illustrirte Zeitung • 8.3.1845

Als wir am 16.9. (Der Brand des Opernhauses in Berlin) und am 14.10.1843 (Die Ruinen des Opernhauses in Berlin) in der Illustrirten Zeitung über den Brand und die anscheinend hoffnungslose Zerstörung des Opernhauses in Berlin mit Bild und Wort berichteten, hätten wir nicht geglaubt, schon jetzt imstande zu sein, von der vollständigen Wiederherstellung desselben zu erzählen, und doch macht uns dies die am 7. Dezember 1844 stattgefundene feierliche Eröffnung mit einer neuen Oper von Meyerbeer zur Pflicht. Wahrscheinlich war der Wunsch, die Eröffnung an denselben Tag stattfinden zu lassen, wo vor gerade 102 Jahren der große Friedrich das abgebrannte eröffnen lies, die Ursache der außerordentlichen Schnelligkeit, mit welcher die Wiederherstellung betrieben worden ist. Erschien auch während des Baues selbst der Schaulust der Berliner die Zeit der Wiederherstellung zu lang, so erstaunt man doch jetzt, wo sich das Geleistete nach allen Richtungen hin übersehen lässt, das eine solche Arbeit in der Zeit von nur 15 Monaten bewerkstelligt werden konnte.

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So weit die Kenntnisse des Laien reichen, das heißt so viel sich das ganze Werk in seiner Pracht und Zweckmäßigkeit in Hinsicht auf den bestimmten Zweck beurteilen lässt, und dazu ist wohl eigentlich jeder Zuschauer berufen, hat der Baurat Langhans hier einen wahren Meisterbau geliefert. Vor allem muss beachtet werden, das der Baumeister nicht freie Hand hatte, sondern sich den gegebenen Bedingungen anbequemen musste. Seine Majestät der König hatte bestimmt, das der ganze Bau, namentlich in seiner Außenseite, nach dem ursprünglichen Plan von Knobelsdorff, wie ihn Friedrich der Große genehmigt hatte, unverändert beibehalten und nur das Innere so weit verändert werden sollte, als die seit jener Zeit gemachten Fortschritte und Erfahrungen es wünschenswert erscheinen ließen. Hier also lag die Hauptschwierigkeit. Es waren Foyers, gesonderte Treppenläufe, größere Räumlichkeit für das darstellende Personal, verbesserte Heizung, Gasbeleuchtung mit den dazu nötigen Baulichkeiten, überhaupt Räume und Verrichtungen unabweisbar, deren Notwendigkeit vor 100 Jahren weder anerkannt noch festgestellt war. Trotzdem beschränkt sich die ganze Veränderung in der Außenseite des Hauses nur aus zwei Seitenanbauten, die indessen eben nur so viel Raum einnehmen, als die im Beitrag vom 16.9.1843 gegebene Ansicht des Opernhauses beim Brand für die Seitentreppen andeutet und aus einem niedrigen Anbau für zwei Gasometer am hinteren Eingang zur Bühne, der katholischen Kirche gegenüber. Dagegen ist die innere Einrichtung eine durchaus andere geworden und man sieht alles benutzt, was sich in Frankreich, England, Italien und neuerdings in Deutschland als zweckmäßig bewährt hat.

Durch das freundliche Entgegenkommen des Baumeisters ist die Illustrirte Zeitung imstande, den hier gegebenen Plan des jetzigen Opernhauses mit dem von v.Knobelsdorff im Jahr 1740 entworfenen zu vergleichen.

Das Berliner Opernhaus 1740.

Der Vergleich des ursprünglichen Planes mit dem jetzigen ergibt nun nicht allein wesentliche Verschiedenheiten, sondern bis in die kleinsten Details gehende Verbesserungen. Diese bestehen zunächst in dem durch die beiden Seitenanbauten gewonnenen Raum, welcher teils zu zwei abgesonderten steinernen Treppenaufgängen für die Galerie, dann aber als Windfang und für die Ränge zu offen mit den Logengängen in Verbindung stehenden Foyers benutzt wird. Den Eingang zu der großen Hofloge in der Mitte ist abgesondert von demjenigen, welcher in die königliche Privatloge im Proszenium führt. Eben so sind für das Publikum an der vorderen Fassade drei Eingänge gewonnen, wo früher nur einer war. Die Treppen, früher von Holz und frei hinaufführend, steigen jetzt in ungemein leichter, eleganter Form in einem steinernen Treppenhaus empor und übertreffen an Eleganz, soviel uns bekannt ist, alles, was bisher in dieser Hinsicht vorhanden.

Grundriss des neuen Opernhauses.

Der Zuschauerraum erscheint auf den ersten Anblick kleiner der frühere, was hauptsächlich seinen Grund in der eigentümlichen Form des Proszeniums hat, wenn man anders den Teil des Zuschauerraums, der von der Bühne bis in die Mitte des Parketts reicht, noch Proszenium nennen kann. Bekanntlich herrscht in dieser Beziehung eine große Verschiedenheit in der Bauart der Theater. Das Queens Theatre in London – die große Oper – zeichnet sich dadurch aus, dass die eigentliche Bühne unverhältnismäßig weit in den Zuschauerraum hinein gebaut ist, so dass 7 Logen sich noch auf der Bühne und im Rücken des an der Beleuchtungsrampe stehenden Sängers befinden; andere Theater, z.B. das Schauspielhaus in Berlin, schließen mit der Proszeniumsloge unmittelbar vor der Bühne ab. Hier ist, wie Grundriss und die beiden inneren Ansichten zeigen, eine Verschiedenheit der Form von allem bisher üblichen versucht worden. Der Halbkreis des eigentlichen Zuschauerraums mit seinen vier Rängen – früher nur drei – geht bis in die Mitte des Parketts. Dagegen liegt die andere Hälfte desselben, so wie das außerordentlich breite Orchester und ein kleiner Teil der Bühne zwischen zwei in der Hauptlinie geraden Wänden, die oben einen Bogenplafond tragen, der die Bühne wie am Ausgang eines kolossalen Triumphbogens liegend erscheinen lässt. Unstreitig hat diese Konstruktion den Vorteil, die große Masse der Zuschauer gleichmäßig von der Bühne zu entfernen, dem Bühnenbild mehr Abgeschlossenheit zu gewähren und den Ton zusammenzuhalten, ja ihn mit außerordentlicher Klarheit in die entferntesten Räume zu tragen. Das bei der ungewöhnlichen Breite dieser geraden Wände das Einförmige derselben durch die Form der darin angebrachten Logen gebrochen werden musste, verstand sich von selbst, und der gewählte Baustil, die Renaissance, bot dazu das geeignete Mittel. So hat dieses mächtige Portal, Proszenium, oder nenne man es, wie man wolle, einen Charakter der Größe, Pracht und wahrhafter Majestät erhalten, der in hohem Grade imponiert. So gewagt diese Form erscheinen mag, da nirgends ein Muster vorliegt, so glänzend hat sie ihre Berechtigung und Geltung für diesen Zweck dargetan, und es wird an Nachahmungen nicht fehlen.

Das neue Opernhaus: Aussicht auf die Bühne.

Was die Einrichtungen zur Bequemlichkeit des Publikums betrifft, so ist hier ziemlich alles geschehen, was sich den mannigfach verwöhnten Anforderungen der Jetztzeit gegenüber nur irgend tun lies. Die Logengänge oder Korridore sind zu geschmackvollen Ambulatorien umgeschaffen, die Sitzplätze gut geordnet, leicht zugänglich und im Parkett sogar mit Federn versehen, durch welche der Sitzplatz sich von selbst hochklappt, um die etwa später Kommenden bequem durchzulassen. Die Verbindung zwischen den Rängen, die Garderoben für das Publikum, die Ein- und Ausgänge sind entschieden besser als früher, so dass das Publikum, wie man allgemein hört, vollständig zufriedengestellt ist.

Die Bühne, ihre Räumlichkeit und Einrichtung hat dagegen weniger Veränderungen erfahren. Den oberen Maschinerien die Höhe zu geben, welche für das Herauf- und Herabbewegen der Dekorationsgardinen nötig ist, ohne sie zusammenzufalten, war nicht möglich, da die alte Form des Hauses beibehalten werden sollte, so mussten sich denn die Verbesserungen nur auf den untern Bühnenraum beschränken. Dagegen sind alle Lokale für das Ankleiden, Versammeln und Üben des darstellenden Personales mit großer Eleganz und Zweckmäßigkeit eingerichtet.

Es wurde den Raum, der dem Interesse des Theaters in diesen Blättern gewährt werden kann, überschreiten, wollten wir uns auf die Details dieses merkwürdigen Baues einlassen. Wir bemerken nur noch, dass, wie vor 102 Jahren der König seinem Liebling von Knobelsdorff den Bau des Opernhauses übertragen hat, so gegenwärtig der Graf von Redern, Intendant der Hofmusik, das Ganze geleitet, der Baurat Langhans als Baumeister den Bau selbst vorgestanden hat und die höchst bedeutenden Kosten allein aus königlichen Geldern bestritten worden sind.

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