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Mercedes’ neuer Vierundzwanzigpferdiger

Allgemeine Automobil-Zeitung • 7.1.1900

Wären wir in unserer raschlebigen Zeit nicht gar zu sehr geneigt, die Errungenschaften der Technik als etwas Selbstverständliches anzusehen, so müsste man die jüngsten vielpferdigen Erzeugnisse der großen Automobilfabriken wahrhaftig als einen Sieg des menschlichen Geistes über die tote Materie feiern. Es ist etwas Gewaltiges um die auf einen verhältnismäßig kleinen Raum gebannte ungeheuere Kraft dieser Maschinen, die durch einen Hebelruck des Lenkers willig das Gefährt mit einer Schnelligkeit in Bewegung setzen, deren wirkliche Grenze nach oben wir vorläufig ziffermäßig noch nicht genau wissen. Mehr als 80km/h sind mit diesen Wagen schon gefahren worden, und man glaubt sogar, dass 90km/h zu erreichen sind.

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Einen dieser Wunderwagen führen wir unseren Lesern im Bild vor. Es ist dies der 24-pferdige Daimler-Wagen eines in Nizza lebenden Mitgliedes des Österreichischen Automobil-Club, eines unserer erfahrensten Automobilisten, der sich unter dem Pseudonym ›Mercedes‹ kaum mehr verbirgt.

Dies Automobil ist eines der schnellsten, die bisher überhaupt gebaut worden sind. Die Maschine ist vierzylindrig, stehend und hat elektromagnetische Zündung. Eine Vierteldrehung der Antriebskurbel genügt, um den Motor in Bewegung zu setzen. Der Wagen hat vier Schnelligkeiten und eine Rückwärtsfahrt. Die erste, also kleinste Schnelligkeit, die Bergfahrt, macht 28km/h, und die vierte Schnelligkeit hat bei einer Fahrt über den Kilometer ein Tempo von circa 81km/h ergeben.

Das ist ganz enorm, und der Besitzer des Wagens, ein sonst recht ›geschwinder Herr‹, hat in einem Brief an einen Freund in Wien erklärt, dass er froh war, als der Versuchskilometer hinter ihm lag.

Der Motor ist in dem am Vorderteil des Wagens befindlichen Kasten untergebracht und nimmt fast die Hälfte des ganzen Automobils ein. Die Bauart des Wagens ist lang und niedrig gehalten, außerdem haben die Räder eine ungewöhnliche Spurbreite. Das sind Vorsichtsmaßregeln, um das Stürzen zu verhindern, denn ein schmalspuriger, hochgebauter Wagen würde schon bei gerader Strecke ins Schwanken geraten und bei Kurven zweifellos stürzen.

Natürlich ist das Vehikel ein ausgesprochenes Rennautomobil denn ein Wagen, dessen kleinste Schnelligkeit schon größer ist, als bei vielen anderen die größte Schnelligkeit, ist für den Stadtverkehr so gut wie unbrauchbar.

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