Forschung & TechnikWissenschaft

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Liebigs chemisches Laboratorium in München

Das Pfennig-Magazin • 18.1.1855

Unter den Prachtgebäuden aus älterer und neuerer Zeit, deren München eine so große Zahl auszuweisen hat wie kaum eine andere Stadt Deutschlands, nimmt seit einigen Jahren auch das chemische Laboratorium des Professors Justus Freiherrn von Liebig einen nicht unbedeutenden Rang ein.

Dasselbe liegt in der Areisstraße und wurde vor kurzem von Bayerns die Wissenschaft hochbegünstigenden König für den Mann erbaut, dessen Namen es auf unserm Bilde trägt. Unstreitig der größte Chemiker der Gegenwart, siedelte Liebig nach einer 28-jährigen reich gesegneten Wirksamkeit in Gießen gegen Ende des Jahres 1852 von dort nach München über, wo er außer einem großen Kreis studierender Jünglinge auch noch ein äußerst zahlreiches und dankbares Publikum aus allen Ständen der Residenzbewohner gefunden hat. Die Tätigkeit dieses Mannes der Wissenschaft ist daher, wie sich leicht denken lässt, die umfassendste; in überaus entgegenkommender Weise wird aber auch an höchster Stelle jedem seiner Wünsche Rechnung getragen, der auf die Förderung der Interessen der Chemie abzweckt. Jener Prachtbau allein, der einen Mann von Liebigs Sinne nur erfreuen konnte, liefert hierfür schon den schlagendsten Beweis. Leider aber knüpft sich an denselben, trotz der kurzen Zeit seines Bestehens, auch schon die Erinnerung an ein Ereignis, das leicht von den aller traurigsten Folgen für Liebig selbst und einen großen Teil seiner Verehrer und Gönner am königlichen Hof zu München, darunter die Majestäten von Bayern selbst, hätte sein können. Nur wie durch ein Wunder entgingen damals die nur Genannten der augenscheinlichsten Lebensgefahr.

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Auf den Wunsch der Königin Marie, der Königin Therese und des Königs Ludwig hielt nämlich Liebig am 9. April 1853 eine chemische Vorlesung, welcher auch der Prinz und die Prinzessin Luitpold, die Prinzessinnen Helene und Luise, die Prinzessin von Altenburg und einige vom Hof geladene Personen beiwohnten. Bei der Darstellung des schönen und völlig gefahrlosen Versuchs der Verbrennung von Schwefelkohlenstoff-Dampf in Stickoxidgas, den Liebig in jedem Semester seiner Vorlesung zu machen gewohnt ist, gab ihm sein Assistent bei der Wiederholung des Versuchs, um denselben zum zweiten Mal zu zeigen, nachdem er das erste Mal wohlgelungen war, eine Flasche mit Sauerstoffgas, die zu einer Phosphorverbrennung bestimmt war, anstatt einer zweiten Flasche mit Stickoxidgas in die Hand. Nach Einbringung des Schwefelkohlenstoffs und Anzünden erfolgte, wie jeder Kundige sich denken kann, eine Explosion, durch welche das Glasgefäß in tausend Stücke zerschmettert wurde, mit einem Knall gleich einem Pistolenschuss.

Das Innere von Liebigs chemischem Laboratorium.

Im ersten Augenblick überraschte dieses unerwartete Ereignis alle Anwesenden, da, wie man wohl voraussetzen kann, jedes auch nur entfernt gefährlich scheinende Experiment aus diesem Kreis verbannt sein musste. Glücklicherweise ging der Versuch selbst in einem Nebenzimmer vor sich, so dass der Vorgang für die Zuschauer nur durch die Türöffnung sichtbar war. Dessen ungeachtet wurden durch die Heftigkeit der Explosion und die umhergeschleuderten Glasstücke arge Verwundungen herbeigeführt. Die Königin Therese bemerkte zuerst eine starke Blutung, welche von einer zolllangen Wunde auf ihrer Wange herrührte. Prinz Luitpold war durch ein Glasstück am Scheitel, die Gräfin Lurburg am Schlüsselbein und die Gräfin Sandizell am Kopf leicht verwundet. Die Fassung sämtlicher höchster Herrschaften bei diesem Vorfall war bewundernswürdig. König Ludwig namentlich war voll Besonnenheit, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre. Als Liebig der Königin Marie und der Königin Therese auseinandersetzte, wie durch einen Missgriff seines Assistenten der Unfall verursacht sei, war das erste Wort beider Majestäten: »Sagen Sie ihm nichts darüber!« Prinz Luitpold lies sich, nachdem die Blutung gestillt war, den ganzen Vorgang in größter Gemütsruhe erklären.

Liebig selbst, welcher in nächster Nähe gestanden hatte, war an der linken Hand und verschiedenen Teilen des Körpers leicht verwundet; es scheint, als ob er sein Leben nur einer metallenen Dose verdankte, welche die Gewalt eines großen Glassplitters brach, der das Tuch seines Rocks und was darunter lag, quer über der großen Schenkelpulsader durchschnitten hatte und auf jener Dose liegengeblieben war.

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