Handel & Industrie

Gersons Modewaren-Lager zu Berlin

Werderschen Markt Nr. 5

Zeitschrift für Bauwesen • 1.9.1884

Das Lager befand sich früher in den untern Räumen des Gebäudes der Königl. Bauakademie. Bei der Ausdehnung des Geschäfts in den letzten Jahren fand der Chef der Handlung, Herr Hermann Gerson, sich veranlasst, das in der Nähe befindliche, ehemals Bankier Schulzsche Haus, der Königl. Münze gegenüber, anzukaufen, und durch den Umbau desselben die geeigneten Lokalitäten zu erhalten. Die größten Etablissements ähnlicher Art zu Paris und London sollten hierbei zum Vorbild dienen. Die Hauptbedingungen waren: eine möglichst große Anzahl von Verkaufs-Lokalen für die verschiedenen Artikel abgesondert einzurichten, jedoch so, dass sämtliche Verkaufs-Lokale mit dem Comptoir, der Kasse und den Lagerräumen in solchem Zusammenhang blieben, dass die Übersicht des ganzen Etablissements von verschiedenen Punkten aus ermöglicht werde. Diese Bedingungen machten es unerlässlich, die beiden Flügelgebäude durch teilweise Überbauung des dazwischen gelegenen Hofs, zu einem ganzen Bauwerke zu verbinden. Hierdurch wurden die nötigen Lokalitäten im gewünschten Zusammenhang beschafft.

Das Erdgeschoss enthält:

1) Eintrittshalle und Kassen-Lokal.

2) Verkaufs-Lokal für Kattune.

3 und 4) desgl. für wollene Stoffe.

5) desgl. fertiger Damenmäntel, Mantillen etc.

6) der mit Glas überdeckte frühere Hofraum, durch beide Stockwerke gehend, für den Verkauf von weißen gestickten Waren und für seidene Stoffe bestimmt.

7) Comptoir.

8) Treppenraum zur Wohnung des Chefs der Handlung.

9) Verkaufs-Lokal seidener Bänder und Expedition der in die Stadt zu versendenden Waren.

10) Lichtsalon, zur Beurteilung des Effekts der seidenen Stoffe, Ball-Roben etc. bei glänzender Gasbeleuchtung.

11) Doppelarmige Treppe nach dem ersten Stockwerk. Der Raum zwischen den beiden Armen der Treppe dient zum Verkaufs-Lokal von Hauben etc.

12) Verkaufs-Lokal von großen Tüchern und Shawls.

13) Packraum für die per Post zu versendenden Waren.

14) Küchentreppe zu der ad 8 benannten Wohnung.

15) Hofraum unterkellert.

16) Einfahrt zum Hofe.

17) Treppe zum ersten und zweiten Stockwerk des, in der Werderstraße gelegenen, Flügelgebäudes; unter der Treppe Portier-Loge.

18) Toiletten.

Das erste Stockwerk enthält:

19) Verkaufs-Lokal von baumwollenen Gardinen und Möbelstoffen.

20) Warenlager zur Ergänzung der Artikel ad 19, 21, 22 und 23.

21, 22 und 23) Verkaufs-Lokale und Warenlager von wollenen Möbelstoffen, Velours, Teppichen etc.

24) Galerie, auf Konsolen ruhend, zur Verbindung der beiden Flügelgebäude.

25) Warenlager für Möbelstoffe und Teppiche.

26) Treppenraum zu der ad 8 bezeichneten Wohnung.

27) Verkaufs-Lokal von Fuß- und Tischdecken, Teppichen etc.

28) Austritt der ad 11 bezeichneten Treppe.

29 und 30) Lager und Expedition der eingehenden neuen Waren.

31) Küchentreppe zu der ad 8 bezeichneten Wohnung.

32) Hofraum.

33) Wohnung der Direktrice.

34) Treppe zum zweiten Stockwerk.

35) Toiletten.

Im zweiten Stockwerk befindet sich die Wohnung des Chefs der Handlung Hermann Gerson, und über Nr.22, 23 und 33 ein Atelier für einige 40 Näherinnen zur Anfertigung von Modewaren-Artikeln; das Atelier steht mit dem Raum 5, dem Verkaufs-Lokal der Damenmäntel, durch ein Sprachrohr in Verbindung. In der Dach-Etage, nach dem Werderschen Markt zu, sind nachträglich noch 2 Arbeitszimmer für circa 20 Näherinnen angelegt worden.

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Zur Herstellung der vorangeführten Räumlichkeiten war es notwendig, die in den beiden Flügelgebäuden befindlich gewesenen Stall-, Remisen - und Küchenräume, fortzuschaffen, die Hoffrontmauern abzutragen und in deren Stelle Pfeiler, mit Bögen verbunden, aufzuführen. Der Raum 1, jetzt Entree und Kasse, enthielt früher das Treppenhaus und Comptoir, deren Frontwand noch um 2,5m in den Hof hineintrat. Zur Beschaffung möglichst regelmäßiger Räume mussten die Vorsprünge fortgebrochen und die jetzige Pfeilerstellung neu fundamentiert werden. Bei der anfänglich eiligen Ausführung des Baus, der im Februar 1848 begann und in 6 Monaten beendet sein sollte, wurden die neuen Fundamentmauern 3 Wochen hindurch mit Eisengussbarren belastet, und zwar von einem Gewicht, welches der 20-fachen künftigen Belastung entsprach. Nachdem ein ferneres Setzen der Fundamente nicht mehr zu bemerken war, wurde mit der Aufführung der Pfeiler von Rathenauer Mauersteinen in Zement vorgegangen. Die Bögen, zu Verbindung der Pfeiler, wurden von demselben Material ausgeführt. Die Balkenlagen der alten Gebäude sind beibehalten, nur hat ein Teil der schadhaften Balken mit Bohlen armiert, ein anderer durch neue Balken ersetzt werden müssen.

Der Raum 6, durch beide Geschosse gehend, für weiße Waren und Seidenstoffe bestimmt, bildet den Mittelpunkt des ganzen Lokals. Von hier aus hat man die Übersicht über sämtliche Räume. Die Überdeckung dieses 15,7m langen, 12,6m tiefen und 9,4m hohen Raums besteht aus zwei Dächern, von denen das untere durch ein Sprengewerk gebildet wird.

Die schiefwinklige Form von Raum 6 war nicht füglich zu ändern; indem die Grundmauern der Hof-Fronten beibehalten werden sollten. Damit indes bei der Glasdecke die schiefe Form nicht unangenehm hervortrete, ist ringsum eine hölzerne Einrahmung in entsprechenden Breiten angeordnet, und dadurch eine rechtwinklige Einteilung der Scheiben ermöglicht worden. Diese Einrahmung dient zugleich als Umgang zwischen der eben beschriebenen hölzernen Decke und dem darüber befindlichen eisernen Dach.

Zur Erwärmung der bedeutenden Lokalitäten dienen 2 Apparate für Heizung mit erwärmter Luft. Beide Apparate sind in dem, unter dem Hof 15 angelegten Keller aufgestellt. Zur Ausströmung der erwärmten Luft dienen im Raum 6 aufgestellte Öfen. Der heiße Rauch wird in eisernen Röhren zum Dach hinaus geführt. Der Kanal, worin die Röhren liegen, ist mit durchbrochenen gusseisernen Platten bedeckt, damit der heiße Rauch möglichst absorbiert und zur Erwärmung der Lokale benutzt werden kann.

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Außerdem ist ein Kachelofen im Comptoir 7, und 2 kleine eiserne transportable Öfen werden nach Erfordern in den Räumen 3 und 9 aufgestellt. Ungeachtet der bedeutenden Kälte im verwichenen Winter hat die Heizung vollkommen ausgereicht. Zur Beleuchtung dienen 120 Gasflammen, welche durch 2 Gasometer versorgt werden. Zur Herstellung möglichst großer Schaufenster in der nach dem Marktplatz gelegenen Front des Gebäudes sind die gemauerten Fensterpfeiler und Brüstungsmauern fortgebrochen, und durch je eine, resp. zwei eiserne Säulen ersetzt worden. Zur Verbindung der Säulen dienen eiserne Bögen mit darüber gelegten eisernen Balken, worauf die nötigen Aufmauerungen erfolgt und die Balken gelagert sind. Hinter den eisernen Säulen sind hölzerne Rahmen zur Aufnahme der Spiegelscheiben aufgestellt, welche Letztere die Breite der ganzen Öffnung einnehmen. Hinter den Spiegelscheiben sind Räume zur Aufstellung der Schaustücke hergestellt. Die Hinterfront ist mit großen Scheiben verglast, die Seitenwände hingegen sind mit Spiegeln bedeckt. Der Haupteingang ist mit doppelten Glastüren versehen, die in 1,5m Entfernung, hintereinander, eine Vorhalle bilden, so dass die äußere schon geschlossen ist, bevor die innere geöffnet wird. Durch diese Anordnung wird der Luftzug vermieden, und dem Eindringen der Kälte vorgebeugt. Die architektonische Ausschmückung hat sehr beschränkt werden müssen, um den Stoffen keinen Eintrag zu tun. Die Pfeiler sind mit Wachsfarben, im gelblichen Tone, marmoriert gestrichen, und nach dem vollkommenen Auftrocknen der Farben so lange mit Bürsten gerieben, bis ein matter Glanz hervortrat. Gesimse, Kapitäle etc. sind in weißer Stuckmasse ausgeführt und mit blauroten Lineamenten verziert. Die Zwickel und die Lünetten der Bögen sind mit Medaillons in Stuck geschmückt. Das sichtbare Holzwerk der Glasdecke ist eichenholzfarben gestrichen und mit rotbraunen Linien ornamentiert. Der Licht-Salon 10 ist mit 3 großen Spiegeln und mit Reliefs im maurischen Stil verziert. Die Möbel, als: Regale, Tische, Stühle, Spiegelrahmen etc. sind von Eichenholz und poliert, in den weniger benutzten Räumen eichenholzfarben gestrichen und lackiert. Die Anwendung von Goldleisten und Bronzeverzierungen ist ganz vermieden.

Der Bau begann im Februar 1848 und wurde, durch die eingetretenen Zeitverhältnisse behindert, erst im März 1849 beendet.

• Stein, z.Z. Regierungs- und Baurat zu Aachen.

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