VerkehrLuftfahrt

Die Flugversuche auf dem Tempelhofer Feld

Die Woche • 23.1.1909

Flugversuche mit dem Voisinschen Aeroplan in Berlin. Wir haben von den Fortschritten der Aviatik in Deutschland zwar sehr viel gehört, aber bisher noch wenig gesehen. Jetzt sollen auf dem Tempelhofer Feld bei Berlin zum ersten Mal Flugversuche mit dem Voisinichen Aeroplan in größerem Maßstab unternommen werden. Der Berliner Lokal-Anzeiger, der sie veranstaltet, hat dazu den erfolgreichsten fremden Aviatiker Armand Zipfel gewonnen, der mit seinen Fahrten am 28. Januar 1909 beginnen wird.

Vom 28. Januar 1909 ab wird auf etwa 710 Tage der französische Flugtechniker und Sportsmann Armand Zipfel mit einer Flugmaschine nach dem System der Gebrüder Voisin zu Paris Flugversuche unternehmen. Zipfel besitzt in Lyon eine Flugmaschinenfabrik, in der er Aeroplane nach dem Typ Voisin baut. Ursprünglich war er in der Pianofortefabrik seines Vaters zu Lyon beschäftigt, hatte aber schon seit seiner frühesten Jugend, seinen Neigungen folgend, die Ingenieurwissenschaften zum Lieblingsstudium erwählt. In seiner freien Zeit lag er auch besonders dem Sport ob; im Segelboot, im Automobil war er ebenso zu Hause wie auf den Motorbooten. Sobald durch den Amerikaner Rotch die Verwendung des Drachens für meteorologische Zwecke auch in Europa bekanntgeworden war, widmete er sich im Verein mit den beiden Brüdern Charles und Gabriel Voisin dem Drachensport. Er beteiligte sich an den Versuchen, Gleitflieger zu konstruieren, wie sie der amerikanische Ingenieur Chanute bei Chicago gebaut und erprobt hatte. Der Zwang der Militärdienstzeit trennte die drei Freunde, und Zipfel musste definitiv in die Pianofortefabrik seines Vaters eintreten. Trotzdem benutzte er seine ganze freie Zeit, von Lyon nach Paris zu fahren, um bei allen besonderen Versuchen und Neukonstruktionen auf dem laufenden zu bleiben und, wenn nötig, auch seinen Freunden mit Rat beizustehen.·Im April 1908 erhielt er endlich von seinem Vater die Genehmigung, aus der Fabrik auszutreten und eine Konstruktionswerkstätte für Flugmaschinen zu gründen. Sofort ging er an den Bau eines Aeroplans, der in seiner Bauart jenen entsprach, die die Gebrüder Voisin für Farman und Delagrange erbaut hatten. Es ist in Fachkreisen allgemein aufgefallen, dass die Flugversuche, die Zipfel sofort nach Fertigstellung des ersten Apparates begonnen hatte, äußerst günstig ausfielen: Der erste freie Flug führte über eine Strecke von 600 Metern in 10 Meter Höhe.

Armand Zipfel.

Der Typ Voisin ist als Zweidecker bekannt; als ein Hauptvorzug wird die große Stabilität gerühmt, die er ohne jegliche besondere Vorrichtung selbst in den Wendungen behält. Gegenüber der Wrightschen Flugmaschine hat er den großen Vorteil, dass er mit eigenen Mitteln auf seinen Rädern auf dem Boden anfahren kann. Der Aeroplan ist zu diesem Zweck auf vier Rädern montiert, von denen sich zwei vorn unter den Haupttrageflächen und zwei hinten unter den hinteren Stabilitäts- und Steuerflächen befinden. Das Fahrzeug vermag unmittelbar, nachdem es aus dem Schuppen gezogen worden ist, den Flug zu beginnen: Die hinter dem Sitz des Führers befindliche Luftschraube wird mit der Hand angeworfen, die beiden Leute, die die vorderen Trageflächen rechts und links halten, springen zur Seite, und der Drachenflieger fährt wie ein Automobil, selbst auf sehr holprigem Boden, leicht nach vorwärts. Bei allmählich wachsender Geschwindigkeit heben sich zunächst die hinteren Räder vom Boden ab, dann nach etwa 50 bis 150 Metern auch die vorderen Räder und der Flieger schwebt im freien Fluge durch die Lüfte. Da die Räder fest mit dem Apparat verbunden sind, vermag er an jeder beliebigen Stelle zu landen und auch wieder aufzusteigen; natürlich gehört einigermaßen geeignetes Gelände dazu. Jede einigermaßen feste Landstraße, die an der Seite keine Bäume hat, oder bei der man die Bäume auf einer Strecke von einigen Hundert Metern niedergelegt hat, kann zum Anflug benutzt werden. Die Anflugstrecke hängt von der Stärke des Windes ab; am zweckmäßigsten fährt der Drachenflieger direkt gegen den Wind an, jedoch hat die Praxis erwiesen, dass er auch in irgendeiner beliebigen Richtung zum Wind seinen Anflug mit gutem Erfolg beginnen kann.

Der Aeroplan beim Aufstieg.

Bei den Flugversuchen auf dem Tempelhofer Feld wird man sich einen Begriff davon machen können, wie die Technik der Flugversuche am besten vonstattengeht, man wird sich ein Urteil darüber bilden können, ob die Anflugmethode praktisch oder noch verbesserungsfähig ist. Ferner kann man sich davon überzeugen, in welcher Weise die Stabilität beim Geradeausflug und bei Wendungen gehalten wird. Es wird allerdings fraglich sein, ob es aus Sicherheitsrücksichten möglich sein wird, stets Wendungen ausfahren zu lassen. Der Motor ist ein Antoinette von 50PS. Die Gebrüder Voisin bezeichnen die Motorfrage als eine der brennendsten und machen fortgesetzt Versuche mit neuen Motoren, da es zu häufig vorkommt, dass der Antoinette-Motor aus irgendeinem Grund während der Flüge versagt. Man kann jedoch die Lösung dieser Frage als nahe bevorstehend bezeichnen.

• Hauptmann a.D. Hildebrandt

Siehe auch: Meine Berliner Eindrücke von Armand Zipfel • Die Woche • 6.2.1909

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