FeuilletonReisen

Petersburger Winterleben

Die Gartenlaube • 1860

Welch ein Leben und Treiben, wenn in Petersburg der Winter eintritt! Welche Veränderung haben einige Grade Frost und einige Zoll hoch Schnee auf alles hervorgebracht!

Gestern noch keuchte der durch das schlechte Wetter in tiefe Melancholie verfallene Droschkengaul, bis an die Fessel in den schmutzigen Wasserlachen plantschend, durch die Straßen; der sonst so lustige Kutscher hatte nur verdrießliche harte Worte und manchen kräftigen Fußtritt, von einem echt russischen Kernfluch über die schlechten Zeiten begleitet, für sein treues Roß, während der fröstelnde Fahrgast, bis über die Ohren in einem großen Mantel steckend, vorsichtig Mund und Nase zu verstopfen schien, um sich nicht durch das Einatmen der feuchten, ungesunden Atmosphäre einen tüchtigen Schnupfen oder gar die hier, besonders in den Herbstmonaten, stark grassierende Halsbräune zuzuziehen.

Heute saust der leichte Schlitten unhörbar über die weiße Fläche dahin; der melancholische Gaul scheint neu belebt in seinem wahren Element zu sein und gibt seine Freude durch ein geräuschvolles Prusten und Wiehern zu erkennen; der Kutscher hat sein freundlichstes Gesicht aufgesteckt, er hat seine Stiefeln heute von den während der drei vergangenen Jahreszeiten darauf abgelagerten Kotschichten gesäubert und mit dem besten Birkenteer eingeschmiert, dass vor diesem alle andern Odeurs und Essenzen an Liebreiz überbietenden Geruche selbst der verhärtetste Stockschnupfen fliehen würde; kokett auf einem Ohr sitzt ihm die viereckige, blaue oder rote Pelzmütze, und seine fröhliche Laune macht sich durch lautes Schnalzen mit der Zunge oder durch lärmende Ermunterungen in allen Tonarten Luft. Der Fahrgast hat den Mantel, der ihn noch gestern vor dem feinen, durchdringenden Regen schützte, mit dem nationalen Pelz vertauscht, und in kräftigen Zügen atmet er die reine, stärkende Winterluft ein.

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Das Vergnügen, das Behagen ist auf allen Gesichtern zu lesen; einen jeden treibt es aus der engen Behausung auf die belebten Straßen, und die breiten, von dem Schnee gesäuberten Trottoirs des Newski-Prospekt, dieses Boulevards des Italiens Petersburgs, fassen schon zu ungewöhnlich früher Stunde kaum mehr die Menge von Spaziergängern beiderlei Geschlechts.

Auf die sonst so blassen, fast krankhaft aussehenden Gesichter der Damen scheint die frische Lust die schönsten Rosen gezaubert zu haben, und man liest das Vergnügen in ihren Augen, welches sie empfinden, einmal wieder das Parket ihres Salons mit dem Trottoir vertauschen zu können, ein Vergnügen, welches ihnen nur selten zu Teil wird. Ich könnte sagen, um mich doch einigermaßen dichterisch auszudrücken und mir vielleicht einen Dank von dieser oder jener Schönen zu verdienen, man sehe sie in ihren eleganten, mit kostbaren Pelzen besetzten Wintermänteln dahinschweben, oder in irgend einer anderen poetischen Art und Weise von ihrem leichten graziösen Gang sprechen, doch muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich lieber auf den Dank dieser schönen Spaziergängerinnen verzichte und, der Wahrheit die Ehre gebend, rundweg erkläre, dass die Petersburger Damen weder dahinschweben, noch den Boden nur so mit ihren Füßen berühren, sondern so recht nach Herzenslust dahinwatscheln, ein Watscheln, welches um so stärker wird, je vornehmer sie sind oder sich wenigstens dünken. Es ist nicht jenes leichte Hüpfen der munteren Französin, jenes weiche geschmeidige Durchbiegen des Körpers, wo jeder Muskel Leben, jedes Glied Elastizität zu haben scheint; nicht das üppige, wollüstige Sich-gehen-Lassen der spanischen Señora; nicht der stolze, abgemessene Gang der kalten Tochter Albions; nicht der edle, kühne Schritt der schönen Polin. Nichts von alle dem, und vor allem nicht der sinnende, liebreizende Gang der deutschen Frau, wo jede Bewegung Gefühl, jede Gebärde Grazie und Anmut atmet; es ist ganz einfach ein mühsames Sich-dahin-Schieben, ein schwerfälliges Vorwärtskommen ohne Leben, ohne Reiz. Man sieht es der Petersburger Dame auf den ersten Blick an, sie ist nicht gewohnt, sich auf den Trottoirs einer belebten Straße oder auf den Gängen einer freundlichen Promenade zu bewegen. Ihre Promenade ist das Parket der Salons, wo sich ihre Bewegungen auf die einstudierten zeremoniösen Verbeugungen des Empfanges oder auf die künstlerisch schmachtende Stellung des Tanzes beschränken, und die frische Luft genießt sie in der Regel nur auf die weichen Kissen ihres Wagens hingestreckt, um, wenn sie nach Hause kommt, sich um so ermüdeter und gelangweilter, in eine womöglich noch weichere Sofaecke zu werfen und dort, aller häuslichen Beschäftigung fremd, entweder eine höhere geistige Speise in irgendeinem französischen Roman zu suchen, oder sich den Träumen an ein Glück hinzugeben, das ihr indessen doch so nahe liegt, wenn sie es nur nicht immer in dem Strudel der Bälle und Gesellschaften, in dem Taumel der sinnlichen Lüste und Vergnügungen suchen wollte.

Es ist indes auch nicht Mode, zu Fuß zu gehen; das sähe aus, als hätte man keine Equipage; höchstens kann ein erster Wintertag, wie der eben beschriebene, sie die Konvenienz, den guten Ton so weit vergessen lassen, einen Spaziergang zu wagen.

Und welche Wohltat ein solcher Spaziergang in der frischen reinen Winterluft für diese verzärtelten Treibhauspflanzen ist, sieht man alsdann an den lieblichen, frischen Farben, welche diese blassen, nur an die Stubenluft gewöhnten Wangen überziehen.

Es ist übrigens nur der Reiz der Neuheit, die Wiederkehr des Winters, was sie heraustreibt; in einigen Tagen hat sich die blasierte Dame daran gewöhnt, es scheint ihr schon unschicklich, dass sie sich so oft auf der Promenade gezeigt, und bald sehen wir sie daher, auf die weichen Kissen eines eleganten Schlittens gestreckt, sausend an uns vorüberfahren.

An solchen schönen Wintertagen bietet der Newski-Prospekt einen der interessantesten Anblicke dar: an beiden Seiten die gefüllten Trottoirs, das langsame Hin- und Herwogen der müßigen Fußgänger und in der Mitte auf der breiten Straße das rasende Durcheinanderstürmen der leichten, von feurigen Rossen gezogenen Schlitten. Wie ein Blitz gehen sie an uns vorüber, und ehe wir noch Zeit gehabt, irgendein schönes Frauengesicht näher ins Auge zu fassen, ist es schon weit verschwunden und verloren in der Menge; wie ein reizendes Phantom ist es an uns vorübergegangen, und lässt uns nur die Erinnerung an ein schönes Bild, eine Erinnerung, für die wir indessen stets glücklich genug sind, unseren Lethe zu finden. Nur ab und zu sieht man in diesem sturmwindartigen Wogen, wie einen festen Punkt in diesem Rennen, Gekreuze und Gejage, irgendeinen altersmüden Droschkengaul keuchend seinen Schlitten hinter sich herschleppen. Den Lenker dieses invaliden Vierfüßlers hört man in der Regel alles andere Schreien und Rufen durch sein schrilles »beregis« (nehmt Euch in acht) übertönen, nicht etwa weil er befürchte, irgendjemand in seinem Schneckengange zu überfahren, sondern weil er, mehr für seine eigene Sicherheit und die seines Gefährtes besorgt, von den hinter und an ihm vorbeisausenden flüchtigen Rennern in Grund und Boden gefahren zu werden befürchtet.

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Ein Versuch, an solchen Tagen, besonders gegen zwei oder drei Uhr, den Prospekt zu kreuzen, ist ein waghalsiges Unternehmen, und man hat es jedenfalls nur der Geschicklichkeit des russischen Kutschers zu verdanken, wenn man unbeschadet die andere Seite erreicht. Es wäre übrigens ein so rasendes Fahren auch gar nicht möglich, wenn nicht das Begegnen der Fuhrwerke dadurch vermieden würde, dass sich dieselben stets auf der rechten Seite halten müssen, und man riskiert daher höchstens von einem uns überholenden Fuhrwerk im Fall es das Unsrige fasst, eine Strecke weit gratis mitgenommen zu werden. – Doch nicht allein die Straßen und öffentlichen Plätze haben ein anderes Aussehen erhalten. Die Newa, dieser breite, majestätische Strom wälzt nicht mehr ihre tiefen Wasser schwer und bedächtig dem Meere zu. Einige Tage lang hat sie freilich, als empöre sich ihr Stolz gegen die ihr angelegten Fesseln, die aus dem Ladogasee einhertreibenden Eisschollen, ohne ihnen einen längeren Aufenthalt in ihrem weiten Becken zu gestatten, dem Meere zugeführt; doch immer dichter wird das Getreibe, Massen auf Massen folgen; hier und dort setzen sich schon einige umfangreiche Schollen hartnäckig an das Ufer an, jeden ihrer vorbeitreibenden Kameraden aufhaltend, um so, mehr und mehr verstärkt, endlich den Stolz des schönen Stromes zu brechen und auch ihn in die winterlichen Fesseln zu schlagen. Noch einige scharfe Frostnächte, und es ist gelungen. Die Newa steht; ihre blauen Fluten sind gebannt, und bald sehen wir ihre feste Decke in einen wahren Tummelplatz verwandelt. Es sind freilich nur erst Fußgänger, die jetzt, die Brücken von Menschenhand verschmähend, nach allen Richtungen sich kreuzen, um so den Weg von dem einen zum andern Ufer abzukürzen. Man sieht es jedem an, er setzt mit einem gewissen stolzen Selbstbewusstsein den Fuß auf den Rücken dieses verräterischen Stromes, und manchem fällt dann, wenn er ihn so, einem gefangenen Riesen gleich, unter seinen Füßen sieht, wohl ein, wie furchtbar dieser Riese in seiner Entfesselung ist, wie verderbenbringend er schon in solchen Wutanfällen in das Herz Petersburgs, alles vor sich niederwerfend, eingedrungen ist. Welcher Petersburger hätte z.B. den 19. November 1824 vergessen?

Noch kurze Zeit, und die schon stark gefrorene Decke der Newa wird immer belebter. Die Schlittschuhläufer erscheinen auf den von Schnee gesäuberten und rund herum mit Tonnen eingefassten Plätzen und schlagen künstlich verschlungene Kreise auf der spiegelglatten Fläche. Bald wagen es auch die Fuhrwerke, und dann beginnt erst das wahre Leben und Treiben. Die eleganten Schlitten, von ihren scharf beschlagenen Pferden gezogen, sausen in allen Richtungen über die ebene Fläche, Wettrennen werden veranstaltet, der Petersburger Dandy, denn Dandys gibt es nun einmal überall, metamorphosiert sich zum Sportsmann, und mancher blasierte Sohn Albions, der mit großem Eigendünkel von seinen Vollblutrennern spricht, würde alsdann über die Leichtfüßigkeit eines russischen Trotters mit Recht erstaunt sein.

Der Petersburger beschränkt sich indem nicht auf diese Vergnügungen in den Grenzen der Stadt. Es treibt ihn hinaus in die winterliche Landschaft. Wie der Pariser im Sommer das Bedürfnis empfindet, nach Passy oder Fontainebleau zu wandern, um dort im Grünen aus üppigem Rasen ein frugales Mahl zu verzehren, der Berliner in Saatwinkel oder Tegel seinen traditionellen Familienkaffee trinkt, und der gemütliche Dresdner in Loschwitz hinter seinem ›Dräsner‹ Waldschlösschen sitzt, so hat der Petersburger seine Picknicks in Serpia, Strelna oder sonstigen zu diesem Zwecke auf das Eleganteste eingerichteten Etablissements. Doch müssen wir bemerken, dass diese Vergnügungen nicht, wie die eben genannten, allgemeine Volksvergnügungen sind, sondern im Gegenteil nur die Hautevolee und alle die, welche sich für berechtigt halten, sich unter diese zu zählen, an diesen Ausflügen teilnehmen, aus dem einfachen Grunde, weil ein solches Vergnügen, wenn sich die Teilnehmer auch mit dem größten Anstand auf demselben ennuyieren, stets mit bedeutenden Ausgaben verbunden ist.

Bei derartigen Partien spielt das nationale russische Dreigespann, die sogenannte ›Troika‹, die Hauptrolle. Zu einer bestimmten Zeit, in der Regel gegen die Mittagsstunde, versammelt sich eine zahlreiche Gesellschaft an einem Ort, und bald jagen die zahllosen Schlitten auf der Straße dahin, welche nach dem zwei bis drei Meilen von der Stadt entlegenen Orte führt.

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Aufrecht steht der Kutscher in dem Vorderteil des Schlittens, sein Dreigespann durch lautes Rufen zu einer größeren Eile anspornend; einer sucht dem Andern den Rang des Ersten streitig zu machen, und gleich höllischen Dämonen fliegen die dampfenden Pferde, mit ihren tief eingreifenden Hufen den losen Schnee hoch hinter sich auswerfend, über die ebene Fläche. In kurzer Zeit hat die Gesellschaft ihr Ziel erreicht; ein warmer Imbiss, oder auch eine elegant besetzte Mittagstafel empfängt sie, und wenn die Gesellschaft gut gewählt, und besonders die steife Etikette einer vertraulichen ländlichen Gemütlichkeit Platz macht, so kommt es wohl vor, dass man von einem solchen Picknick die heiterste Erinnerung mitnimmt. Besonders wenn manch’ Gläschen Wein während des Diners vollkommen alles steif Zeremonielle verscheucht hat, und ein einladender Walzer oder Contredanse im Tanzsaale erschallt, kann man mit Recht sagen, dass ein derartiger Ausflug ein sehr gemütliches Vergnügen ist. Getanzt wird, und zwar tüchtig, denn oft bricht die Gesellschaft erst gegen drei bis vier Uhr morgens auf.

Ist nun schon die Hinfahrt ein wahrhaft dämonisches Rennen gewesen, so ist dies noch weit mehr bei der Heimfahrt der Fall. Wie Gespenster sausen die Schlitten über die in hellem Mondschein erglänzende Bahn, und weit durch die stille Nacht hin hört man das Gejauchze der fröhlichen Kutscher. Denn diese haben nicht, wie man wohl glauben könnte, eine Tasse Kaffee getrunken, während ihre Herren hinter feurigen Weinen und schäumendem Champagner saßen, sondern so recht nach Herzenslust einen kräftigen Zug aus der Schnapsflasche genommen, und mancher von ihnen glaubt, während er so an dem andern vorbeirast, wenigstens ein Dutzend Pferde vor seinem Schlitten und mehrere Dutzend Personen in demselben zu haben.

Doch nicht immer taut das Eis der Etikette und des steifen Zeremoniells auf; die Petersburger Salondame kann einmal das Künstliche, Gemachte, dieses Positionenstudium und ästhetische Gliederverrenken nicht leicht ablegen, und – o weh – dann, welche Ungemütlichkeit, welche Langeweile, welche fade, einschläfernde Verdrossenheit! Mögen sie aber schlecht oder gut ausfallen, diese Picknicks, jeder, der das vergnügt sein in der wahren, ungezwungenen Gemütlichkeit suchen will, wird jedenfalls immer eine echte deutsche Gesellschaft, und sei es auch nur hinter der traditionellen Bunzlauer Familienkaffeekanne oder der schäumenden Weißen, diesem Künstlichen, Gemachten vorziehen.

• August Stahlberg

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