FeuilletonLiteratur

Das namenlose Chaos

Bevor die Science Fiction nach Deutschland kam

von Heinz-Jürgen Ehrig

Bärzin 13 • 28.5.1999

Siebzig Jahre, nachdem der Begriff ›Science Fiction‹ in den USA geprägt wurde, erscheinen viele der SF-Neuerscheinungen der USA nach relativ kurzer Zeit auch bei uns. Insofern scheint es eine einheitliche Entwicklung in der SF zu geben, die ganz einfach von den amerikanischen Autoren bestimmt wird. Leider wissen viele der jungen Leser nicht, dass sich dieses Übergewicht der amerikanischen SF nicht etwa aus der Tatsache erklären lässt, dass amerikanische SF-Autoren von Natur aus besser wären als deutsche, sondern dass das Übergewicht seine Ursachen in unserer Geschichte hat.

Jeder, der sich mit Science Fiction beschäftigt, weiß inzwischen, dass dieses Genre seinen Anfang 1926 in den USA mit dem von Hugo Gernsback herausgegebenen Magazin Amazing Stories nahm und dass Hugo Gernsback 1929 den endgültigen Begriff ›Science Fiction‹ prägte. Jeder weiß auch, dass es natürlich berühmte Vorgänger gab, z.B. Jules Verne und Herbert George Wells sowie in Deutschland Kurd Laßwitz, und dass es eine Vielzahl von Quellen gibt, die der eine oder andere teilweise bis zum Gilgamesch-Epos zurückführt, mindestens aber bis Lucian von Samosate.

Bei dieser Entwicklung eines Genres, die sich über viele Jahrhunderte erstreckte und an der deutsche Autoren ebenso beteiligt waren wie die Autoren vieler anderer Länder, gab es im deutschen Sprachraum leider eine Pause von 25 Jahren, und diese politisch bedingte Pause führte dazu, dass es heute um die deutsche SF so schlecht bestellt ist. Doch es heißt ja: »In allem Schlechten steckt auch etwas Gutes!« So auch hier.

Es gibt – wie immer – Leute, die allgemeingültige Vorstellungen bestreiten oder anders bewerten. So verblüfften mich einige Ausführungen von Brian W. Aldiss in seinem Buch Der Millionen-Jahre-Traum:

Kafka, Huxley, Capek, Stapledon, sie alle geben Zeugnis von ihrer Weltanschauung.

Und in ihrem Besten heben sie sich über ihre eigene Zeit hinaus und schaffen etwas, das auch für spätere Generationen andauern wird. Indem sie den Zeitgeist einfingen, lehnten sie sich gegen ihn auf.

Das meiste, was in den SF-Magazinen geschrieben wurde, ist dagegen nicht von Bestand. Es reflektiert wenig von der Welt, in der es entstanden ist, und wesentlich mehr von den Marktbedingungen, denen es sich anpassen musste. Es machte die Science Fiction zu einem wirklichen Medium, aber dabei drückte es unvermeidlich ihr Niveau.

Es ist leicht zu erklären, dass Hugo Gernsback (1884–1967) eine der schlimmsten Katastrophen war, die dem Genre je widerfahren sind. Nicht nur, dass die Absonderung der Science Fiction in eigens darauf spezialisierte Magazine eine Ghetto-Situation mit dem aufblühenden Genre unangemessenen Orthodoxien schuf, dazu kam noch, dass Gernsback ein Mann ohne jedes literarische Verständnis war. Damit gab er ein verheerendes Beispiel, dem viele spätere Herausgeber folgten.

Gernsback legte große Betonung auf die Notwendigkeit wissenschaftlicher Genauigkeit in den Geschichten, und seine Konkurrenten fühlten sich später dazu verpflichtet, das zu kopieren. Obwohl dieses Diktat eher durch Umgehung als Beachtung geehrt wurde, hatte es den Effekt, eine tödliche Pedanterie in die Geschichten zu tragen. [...] Das Ergebnis solcher Geschichten war, dass sie die Vorliebe für die interplanetarischen Romanzen nach Art Burroughs’ zerstörten. Die leuchtenden Farben der letzteren wurden durch die grauen Zwischenfälle und den Waffenstillstand der Technokratie abgelöst.

[Brian W. Aldiss: Der Millionen-Jahre-Traum. Die Geschichte der Science Fiction, Bergisch-Gladbach: Bastei Verlag Gustav H. Lübbe, 1980, Science Fiction Special 24002, S. 275. Übersetzer: Michael Görden.]

Brian W. Aldiss legte später »Das erweiterte und aktualisierte Standardwerk über die faszinierendste Literatur unserer Zeit« unter dem Titel Der Milliarden Jahre Traum – Die Geschichte der Science Fiction neu vor. In der erweiterten Form lesen sich obige Passagen wie folgt:

Aber es waren die größeren Talente, die Kafkas, Huxley, Capeks und Stapledons, die das Salz am geschicktesten auf den Schwanz des Zeitgeists streuten und, indem sie ihn einfingen, ihm zu trotzen scheinen und weiterleben.

Die meisten Geschichten, die für die SF-Magazine jener Zeit geschrieben wurden, haben dagegen inzwischen ihre Würze verloren. Sie erzählen uns wenig über die Welt und mehr über die Tricks des Gewerbes. Sie schufen das populäre SF-Medium, verleibten sich die Scientific Romance ein und drückten unvermeidlich das Niveau der Science Fiction. Viele Leser waren mit diesem Tausch zufrieden.

Es spricht einiges dafür, dass Hugo Gernsback (1894–1967) eine der schlimmsten Katastrophen war, die dem Science Fiction-Genre je widerfahren sind.

Der Orchideengarten - Heft 20

Gernsbacks Absonderung dessen, was er ›scientifictian‹ zu nennen beliebte, in eigens darauf spezialisierte Magazine, eine Art Getto, sorgte dafür, dass verschiedene enge Lehrmeinungen aufgestellt wurden, wie sie für jede aufblühende Literaturform schädlich sind. Ein kultureller Chauvinismus breitete sich aus, mit unglückseligen Folgen, von denen das Genre sich bis heute nicht hat befreien können. Gernsback, als Herausgeber, erwies sich als ein Mann ohne literarisches Verständnis. Damit gab er ein verheerendes Beispiel, dem viele spätere Herausgeber folgen sollten.

Als diese maßvollen Behauptungen erstmals in ›Der Millionen-Jahre-Traum‹ aufgestellt wurden, glaubte ich, dass sie nur einer Wahrheit Ausdruck gaben, die jedem vernünftig Denkenden offenkundig sein musste. Stattdessen weckten sie geradezu Wut. Mein Buch wurde allenthalben verdammt. Ich hatte an eine heilige Überlieferung gerührt.

Indes scheint es, dass ich zu vorsichtig auftrat. Ich machte keinen Versuch, den Mythos zu zerstören, dass Gernsback mit Amazing Stories das erste SF-Magazin der Welt herausbrachte. Hier sind einige Vorläufer:

Stella erschien von April 1886 bis August 1888 in Schweden, wenngleich es in dieser Zeit nur vier Ausgaben erreichte. Es enthielt die meisten führenden europäischen Autoren, darunter Kurd Laßwitz und Jules Verne. Hugin wurde 1916 gestartet; als es 1926 eingestellt wurde, waren sechsundachtzig Ausgaben erschienen, die die Wunder der Zukunft verherrlichten. Es war hauptsächlich das Werk eines Mannes, Otto Witt, ein schwedischer Ingenieur und Autor. Der Orchideengarten war ein österreichisch-deutsch-schweizerisches Magazin, das von 1919–21 herauskam und in seinen fünfundvierzig Ausgaben alle führenden kontinentaleuropäischen Autoren vorstellte. Das sind die Fakten.

[Brian W. Aldiss: Der Milliarden Jahre Traum. Die Geschichte der Science Fiction, Bergisch-Gladbach: Bastei Verlag Gustav H. Lübbe, 1987, Bastei-Lübbe-Paperback 28160. Übersetzer: Michael Görden, Helmut W. Pesch, Michael Kubiak u.a.]

Die harsche Kritik an Gernsback verwunderte mich beim Lesen doch sehr. Und doch schien sie mir im Zusammenhang mit einer Frage zu stehen, die mir ab und zu durch den Kopf geht. Im Hinblick auf Heftserien wie Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff, Zeitschriften wie Der Orchideengarten, auf den ›Verein für Raumschiffahrt e.V.‹ und die Erfolge eines Hans Dominik fragte ich mich immer wieder: »Hätte die SF auch in Deutschland ihren Anfang nehmen können?«

Kurz: ist die Geschichte der SF tatsächlich anders zu bewerten, als allgemein üblich. Die Ausführungen von Aldiss lassen sich zu folgenden Behauptungen zusammenfassen:

1. Hugo Gernsback ist nicht der Vater der Science Fiction.

2. Die Spezialisierung der Science Fiction führte zu ihrer Ghetto-Situation als Pulp- oder Schund-Literatur.

3. Nicht spezialisierte Literatur utopisch-phantastischer Art in Buchform hätte die Entwicklung literarisch anspruchsvoller Autoren in der Qualität eines Capek, Kafka, Huxley ermöglicht.

4. Die angestrebte naturwissenschaftliche Genauigkeit verminderte die literarische Qualität.

Einige der Ausführungen von Brian W. Aldiss sollen hier nicht näher untersucht werden, weil sie sich selbst ad absurdum führen. Brian W. Aldiss ist für einen Autor bemerkenswert unpräzise, z.B., wenn er SF immer wieder als Medium bezeichnet, und nicht als Genre, wie es richtig wäre. Es ist auch ausgesprochen ärgerlich, wenn ein intelligenter Mensch behauptet, er sei im Besitz der Wahrheit und jeder Andersdenkende sei unvernünftig.

Daneben lobt Brian W. Aldiss Autoren wie Olaf Stapledon und Edgar Rice Burroughs und stellt sie in eine Reihe mit Capek, Huxley, Kafka. Diese Auffassung dürfte bei Literaturkritikern gerade im Falle von Edgar Rice Burroughs auf keine Gegenliebe stoßen.

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1. Hugo Gernsback ist nicht der Vater der Science Fiction

Dies ist eine beliebte Behauptung, zu der auch Franz Rottensteiner in seinem Beitrag Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff in dem Buch The Encyclopedia of Science Fiction von John Clute und Peter Nicholls neigt, wenn er schreibt: »There im a case for calling this the first sf magazine«. Nun, die Bezeichnung ›Vater‹ einer Sache beinhaltet mehr als Texte, die man nachträglich einem bestimmten Genre zuordnen kann. Hugo Gernsback hat nun einmal auch den Begriff geprägt, der heute überall in der Welt üblich ist. Alle nachträglichen Versuche, andere Begriffe bekanntzumachen, etwa ›spekulative Thematik‹, blieben ohne Erfolg.

Kokain Heft IV

Vater einer Sache wird man nur dann, wenn eine Idee eine Langzeitwirkung hat. Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff war zwar eine Heftromanserie mit einer ganzen Reihe von interplanetarischen Abenteuern, aber es war keine Serie, die irgendeinen Trend in Deutschland auslöste. Es gab weder eine Nachfolgeserie, noch führte sie zu einer Vermehrung entsprechender Publikationen in Deutschland. Und es entstand auch keine allgemeingültige Bezeichnung. Ähnlich ist es mit dem Hinweis auf andere, z.B. völlig unbekannte und vergessene schwedische Vorläufer. Auch diese hatten keine entsprechende Wirkung. Ebenso ist der Hinweis auf den Orchideengarten unsinnig. Diese Zeitschrift war kein SF-Magazin, sondern eindeutig eine Zeitschrift für phantastische Literatur. Die ebenfalls ohne Auswirkungen auf die Entwicklung des Genres blieb. Genauso wie etwa das Brian W. Aldiss unbekannte Magazin Kokain, in dem 1925 erneut phantastische Literatur veröffentlicht wurde.

Nein, es bleibt dabei, die SF in ihrer heutigen Vielfalt und mit dem allgemein anerkannten Namen ist auf Hugo Gernsback zurückzuführen. Damit bleibt er der ›Vater der Science Fiction‹.

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2. Die Spezialisierung der Science Fiction führte zu ihrer Ghetto-Situation als Pulp- oder Schund-Literatur

Eine derartige Behauptung kann üblicherweise nicht wirklich widerlegt werden. Denn wurde eine Lehrmeinung in den Raum gestellt, dann kann ein anderer sie meist nicht wirklich widerlegen. Er kann seinerseits nur eine Gegenmeinung darlegen. In diesem speziellen Fall lässt sich jedoch eine Möglichkeit finden, um die Behauptung oder ihr Gegenteil annähernd zu prüfen.

Diese angesprochene Möglichkeit wird von der SF geliefert. Es ist die oft verwendete ›Parallelwelt‹. Die aber gibt es nur in der Phantasie von SF-Autoren. Oder?

In dieser ganz speziellen Frage gibt es tatsächlich eine Parallelwelt – quasi ein Versuchslabor. Deutschland, genauer, der deutsche Sprachraum! Aufgrund der politischen Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz entstanden hier verschiedene Versuchsanordnungen. Deutschland und der deutsche Sprachraum hatte keinen Anteil an der Entwicklung der SF. Der Begriff gelangte erst 25 Jahre später nach Deutschland. Und daher kann man tatsächlich feststellen, ob ohne Spezialisierung diese Literatur vor einem Ghettodasein als Pulp- oder Schundliteratur bewahrt wird und ob die Nichtspezialisierung zu einer literarischen Hochform der utopisch-phantastischen Literatur führt. Schließlich auch, ob der Versuch eines Herausgebers, die Literatur unter Berücksichtigung aller bekannten naturwissenschaftlichen Kenntnisse zu verfassen, von Nachteil ist.

Dabei ist der deutsche Sprachraum ein besonders gutes Experimentierfeld. Denn in Deutschland haben wir in dieser kurzen Zeit auch noch vier verschiedene politische Umfelder. Erst die Weimarer Republik, die noch stark dem Kaiserreich und seinen Idealen verhaftet war. Das 3. Reich mit einer nationalsozialistischen Diktatur, einer rassistischen Ideologie, gleichzeitig aber kapitalistischen Bedingungen, danach die Zweiteilung Nachkriegsdeutschlands in die Bundesrepublik, die mehr und mehr vom ›american way of life‹ geprägt wurde, und die Deutschen Demokratische Republik, die von der kommunistischen Ideologie beherrscht wurde. Daneben gab es Österreich und die Schweiz. Wobei Österreich in den Jahren von 1933–1938 noch ohne Nazi-Diktatur Zugang zu den Entwicklungen in den USA gehabt hätte. Obwohl dieser Zugang sich leider nur auf die entsprechenden Filme beschränkte. Schließlich die Schweiz, die in der ganzen Zeit offenen Zugang zu den Entwicklungen in den USA hatte.

Deutschland ist auch in anderer Hinsicht ein hervorragendes Versuchslabor. Denn Deutschland war und ist ein Land der Oberlehrer, in der Unterhaltung, gleich, welcher Art, niemals anerkannt wurde. Dies hatte Auswirkungen auf Autoren, Verlage, Bibliothekare, Buchhändler und Antiquare, ja, selbst auf die Sammler. Mit dieser Einstellung liegt die deutsche Literaturszene aber voll auf der Linie von Brian W. Aldiss. Denn dessen Darstellung ist in mehrfacher Hinsicht sehr einseitig. Am besten lässt sich dies möglicherweise durch eine Analogie erläutern.

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Henry F. Urban: Die Entdeckung Berlins

Dabei vergleiche ich die SF-Literatur mit einem Wald. Brian W. Aldiss beschreibt diesen Wald nun anhand einiger besonders großer und schöner Bäume. Die große Zahl der normalgewachsenen oder kleinen Bäume erwähnt er nur beiläufig. Tatsache ist aber, dass ein Wald nicht allein aus einigen wenigen großen oder besonders schönen Bäumen besteht, sondern aus einer Vielzahl von Bäumen, aus denen einige wenige herausragen.

Und alles was sonst zu einem Wald gehört, wird nur mit Abscheu erwähnt. Das aber ist falsch. Denn ein Wald besteht als Ökosystem eben nicht nur aus Bäumen. Zu einem Wald gehört vielmehr auch das Unterholz, Pilze, Farne, Moose, Blumen etc. Erst diese Gesamtheit ergibt einen Wald. Der Fehler, den viele Menschen, selbst Forstleute, machen, ist der, diese übrigen Komponenten zu negieren. Alle Erfahrungen haben aber gezeigt, dass diese Teile des Waldes unerlässlich für den Bestand eines gesunden Waldes sind. Alle Versuche, einen Wald von solchen Bestandteilen zu säubern, sind immer zum Scheitern verurteilt gewesen – ja, sie haben manchen Wald zerstört. Auch kann man einen Wald nicht dadurch verbessern, dass man alle Bäume bis auf die wenigen großen fällt.

Ganz ebenso wäre es mit der Literatur, deren Analogie der Wald sein sollte. Zwar würden diese Bestrebungen einigen Leuten gefallen, die alle Spannungsliteratur verbieten wollten, es würde aber für die Literatur genauso schlimme Folgen haben, wie für einen Wald.

Beschäftigen wir uns also einmal mit dem Unterholz, den Pilzen etc.

In Deutschland wurde schon im vorigen Jahrhundert gegen die Schundliteratur vorgegangen. Heinrich Wolgast eröffnete 1896 den Kampf mit seinem Buch Das Elend unserer Jugendliteratur. Dr. Ernst Schultze setzte diesen Kampf 1909 mit seiner Philippika gegen die verderbliche Schundliteratur fort und dieser Kampf ist auch heute noch nicht beendet. Zwar tritt er inzwischen nicht mehr in der scharfen Form früherer Jahre auf, aber die grundsätzliche Einstellung besteht auch weiterhin. Diese Abwertung der Unterhaltung in allen Bereichen ist also nahtlos vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und das 3. Reich auf die Bundesrepublik, die Deutsche Demokratische Republik, Österreich und die Schweiz übergegangen.

Dies hat auf dem Gebiet der SF oder der utopisch-phantastischen Literatur leider zu einem kuriosen Ergebnis geführt:

Bis heute fehlt eine Gesamtbibliografie, die sich mit der Vielzahl der Publikationen beschäftigt, die außerhalb der Buchform einschlägig sind. Das hängt auch mit der Einstellung vieler Sammler und Bibliografen zusammen, die sich wohl nicht dem Verdacht aussetzen wollten, sich mit etwas so Widerwärtigem wie Schundliteratur zu beschäftigen.

Ludwig Hevesi, der nachweislich erste Sammler utopischer Literatur, sammelte ausschließlich Buchausgaben. In dem Katalog einer merkwürdigen Sammlung von Werken utopistischen Inhalts – 16.–20. Jahrhundert – aus dem Nachlasse des Schriftstellers Ludwig Hevesi, mit dem 1910 die Sammlung angeboten wurde, befindet sich eine reiche Auswahl der seltensten und absonderlichsten Schriften neben allen berühmten utopischen Werken. Aber es finden sich dort keine Romanhefte oder Lieferungsromane.

Der Luftpirat - Band 63

Jakob Bleymehl, ein früher Sammler aus dem Saarland, trug ab 1920 im Laufe von rund 50 Jahren eine riesige Sammlung utopischer Schriften aller Länder und Zeiten zusammen, aber keine Romanhefte.

Robert Bloch schreibt im Vorwort seiner Bibliographie der utopischen und phantastischen Literatur 1750–1950: »Heftserien wie ›Sun Koh‹ oder ›Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff‹ wurden nicht berücksichtigt«. Damit unterschlägt er etwa die gleiche Anzahl von Publikationen, wie er sie verzeichnet, schreibt aber gleichwohl: »Die vorliegende Bibliographie bietet erstmals einen umfassende Überblick über die in deutscher Sprache erschienenen Werke utopischen und phantastischen Inhalts…« (Die Formulierung entspricht genau dem Vorwort!) Zwar verzeichnet er einige der einschlägigen Romanhefte, aber die laut Vorwort vorgesehene Angabe der Verlagsreihen fehlt häufig. Damit scheint es sich bei diesen Romanheften um Bücher zu handeln. Wobei dies insbesondere deshalb für Sammler ärgerlich ist, weil es fast unmöglich ist, ein angebliches Buch im Antiquariat zu finden, wenn es im Normalfall höchstens in einem Spezialgeschäft für Romanhefte vorhanden sein dürfte.

So werden also allein aus der Zeit von 1926 bis 1954 rund 2500 Romanhefte schlicht ›vergessen‹.

Doch mit Heftromanen ist es bei weitem nicht getan.

Susanne Päch schreibt in ihrer Inaugural-Dissertation Von den Marskanälen zur Wunderwaffe. Eine Studie über phantastische und futurologische Tendenzen auf dem Gebiet von Naturwissenschaft und Technik, dargestellt am populärwissenschaftlichen Jahrbuch ›Das neue Universum‹ 1880–1945, München 1980:

Im deutschsprachigen Raum bekam es 1887 in dem Jahrbuch ›Der gute Kamerad‹ Konkurrenz, das sich an das gleiche Zielpublikum richtete. Auch hier wurden Abenteuergeschichten und andere Erzählungen veröffentlicht, allerdings keine utopischen Geschichten.

Susanne Päch weist dann auf eine Aufstellung des heute vergessenen Raketenpioniers Friedrich Zander hin. Zander war ein Baltendeutscher, der in der Sowjetunion lebte. In einer Liste von Romanen und Erzählungen über interplanetare Reisen führt er – neben Auf zwei Planeten von Kurd Laßwitz und Stern von Afrika von Bruno H. Bürgel – zwei Kurzgeschichten auf, die in dem Jahrbuch Das neue Universum enthalten sein sollen. Wobei sie die Erzählung ›Unter Marsmenschen‹ nicht auffinden konnte. Möglicherweise verzichtete sie darauf, die fehlende Erzählung zu eruieren, um ihre Dissertation nicht zu gefährden.

Ich kannte die einschlägigen Erzählungen der Reihe Das neue Universum seit Jahrzehnten, hatte mich aber aus den verschiedensten Gründen nie intensiv um eine vollständige Sammlung gekümmert. Anlässlich des Besuches von Forrest J. Ackerman mit Gattin und Curt Siodmak mit Gattin 1981 in Berlin aber unterhielt ich mich lange mit Ackermans Gattin Wendayne. Da ich Curt Siodmak auf seine Kurzgeschichte ›Die Eier vom Tanganjika-See‹ angesprochen hatte, merkte Wendayne Ackerman bald, dass ich eine umfangreiche Sammlung alter deutscher SF besitze. So vertraute sie mir an, dass sie zum ersten Mal mit SF in Berührung kam, als sie um 1925 in der Zeitschrift Der gute Kamerad eine Erzählung mit einem Titel wie etwa ›Das Geheimnis des Ichthyosauriers‹ las. Leider musste ich bei der Frage, ob ich diesen Band hätte, passen. Doch immerhin brachte mich die Diskrepanz zwischen den Ausführungen von Susanne Päch einerseits und die Frage von Wendayne Ackerman andererseits dazu, mich endlich einmal intensiver mit den Jahrbüchern zu befassen. Schnell merkte ich erst einmal, dass es weit mehr als eine Konkurrenz für Das neue Universum gegeben hat. Heute kenne ich rund 60 Jahrbuchreihen. Und andererseits merkte ich schnell, dass es nicht stimmte, dass keine utopischen Erzählungen in Der gute Kamerad veröffentlicht wurden. Denn bald fand ich ›Auf den Spuren des Ichthyosaurus‹, eine Erzählung von Friedrich Thieme, die von 1922–23 im Band 37 der Zeitschrift enthalten ist. Und ich fand heraus, dass fast alle anderen Jahrbuchreihen ähnliche Erzählungen enthalten. Unter anderem findet sich die oben erwähnte Kurzfassung des Romans Unter Marsmenschen von Oskar Hoffmann im Band 74 der Reihe Neuer deutscher Jugendfreund.

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Nach dem 2. Weltkrieg wurden viele dieser Reihen fortgesetzt und enthielten weiterhin einschlägige Erzählungen, so z.B. der 32. Band von Das neue frohe Schaffen die Erzählung ›RQ 12 startet nicht‹.

Leider ist bei derartigen Jahrbüchern der Zustand öffentlicher Sammlungen katastrophal. Einzig mit Hilfe von Privatsammlern hätte man die Möglichkeit, einmal alle Jahrbuchreihen konzentriert durchzusehen.

Auf jeden Fall befinden sich inzwischen mindestens 200 Erzählungen aus rund 50 Jahrbuchreihen in meiner Sammlung. Und es werden regelmäßig mehr. Denn ich habe bis jetzt erst etwa 50% der mir bekannten Jahrbücher sehen können. Vermutlich werden meine Bemühungen, die restlichen Bände nach und nach ebenfalls durchzusehen, mindestens noch einmal 100 einschlägige Erzählungen ergeben.

Das Gespräch mit Curt Siodmak brachte mich außerdem auf ein weiteres bis heute völlig unerschlossenes Gebiet. Utopisch-phantastische Erzählungen in Magazinen. Dabei meine ich nicht die direkt der phantastischen Literatur gewidmeten Reihen wie Der Orchideengarten oder Kokain, sondern die allgemeinen Magazine, wie Uhu, Stopp! – Das Magazin der Abenteuer, Die große Welt, Scherls Magazin oder Das Magazin. Dabei habe ich bis heute nur einen winzigen Teil derartiger Magazine in der Hand gehabt. Es hat mindestens 80 dieser Reihen vor 1945 gegeben. Inzwischen habe ich aus vielen dieser Reihen wenigstens einige Beleghefte mit einem einschlägigen Beitrag. Angesichts der geringen Zahl derartiger Magazine, die ich bis heute durchsehen konnte, muss mit einer Vielzahl von Ausgaben derartiger Magazine gerechnet werden, die weitere einschlägige Beiträge enthalten.

Damit aber nicht genug. Denn das Gebiet der Zeitschriften und Tageszeitungen ist ebenfalls völlig unerschlossen. Dabei geben die wenigen mir vorliegenden Belege klare Hinweise darauf, dass es auch dort Einschlägiges in Hülle und Fülle gegeben haben muss, und zwar in Zeitungen und Zeitschriften jeglicher politischer Couleur. Wie groß dieses Feld ist, kann man aus der Tatsache ersehen, dass allein in Berlin in den 1920er Jahren 174 Tageszeitungen und Zeitschriften erschienen. Im gesamten deutschen Sprachraum also eine schier unüberschaubare Menge von bis heute nicht gesichtetem Material.

Die Spannbreite kann man durch wenige Beispiele demonstrieren. 1926 veröffentlichte der Völkische Beobachter in Fortsetzungen den Roman Es liegt eine Krone im tiefen Rhein. Roman aus deutscher Vergangenheit und Zukunft von Karl Schworm. 1928, fast zur gleichen Zeit erschien in der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung der Roman Das Geheimnis der infra-roten Strahlen von Alexei Tolstoi. In den Westermanns Monatsheften wurde 1923 ›Der uralische Krieg‹ von Alfred Döblin gebracht, ein Vorabdruck aus seinem Buch Berge, Meere und Giganten. Weitere Romane erschienen in der Woche oder im Deutschen Hausschatz, so etwa Hans Dominik oder Otfried von Hanstein. Darüber hinaus finden sich aber auch viele kleine Erzählungen, etwa ›Die gelbe Gefahr‹ von Hellmuth Meenen oder ›Das Abenteuer der Vineta‹ von Alfred Bratt.

Und diese Fülle von Beiträgen finden sich auch in den Jahren nach 1945. So kann ich mich noch einen Fortsetzungsroman erinnern: Wer stiehlt schon Hyazinthen? der etwa 1956 in einer Illustrierten erschien, deren Namen ich leider vergessen habe. Ich erinnere mich nur noch, dass ein auf der Erde gelandeter Außerirdischer als einzige Nahrung Hyazinthen vertrug.

Ein besonderes Kapitel sind dann die Reklame- oder Kinderzeitschriften. Vor 1945 gab es sie in Hülle und Fülle. Heute sind sie höchstens noch bei einigen wenigen Privatsammlern aufzutreiben Es sind dies Zeitschriften mit Titeln wie Die Blaubandwoche, Dideldum, Rama Post, Der heitere Fridolin, Kiebitz, Der Papagei oder Der Schmetterling – zusammen mehrere tausend Hefte.

Ostern im Jahr 3000

Und in diesen Reihen erschienen immer wieder längere Romane in Fortsetzungen, so etwa Der Herr der Elemente oder Der U-Korsar, aber auch kürzere Beiträge wie etwa ›Ostern im Jahre 3000‹ aus dem Jahrgang 1928 der Blaubandwoche.

Ähnliche Fortsetzungsserien gab es dann aber auch in der Nachkriegszeit, z.B. in Schriften wie Das Zelt oder Jugend und Motor. Kurze auch diesem Gebiet harrt seiner Aufarbeitung.

Schließlich muss erwähnt werden, dass das utopisch-phantastische Genre ja nicht nur in der Literatur, sondern auch im Rundfunk, im Film, in der Malerei seinen Niederschlag fand. Besonders der Film hat viel zur Spannbreite beigetragen. Wobei Filme eben nicht nur Metropolis (D 1926) und Frau im Mond (D 1929) sind. Wer kennt heute noch den Film Wunder der Schöpfung (D 1925) der nur ein Jahr vor Metropolis entstand und nach den mir vorliegenden Unterlagen ein höchst interessanter SF-Film gewesen sein dürfte. Kein Archiv hat ihn – oder interessiert sich dafür. Auch Filme wie Die Arche, Homunculus oder Die Welt ohne Männer scheinen völlig vergessen. Höchstens noch einige wenige Fachleute erinnern sich daran. Aber Geschichte ist immer eine Abfolge von Geschlechtern, nicht nur der große, gefeierte Held! Ohne Vater, Großväter und Urgroßväter, Mutter, Großmütter und Urgroßmütter hätte es den strahlenden Helden nicht gegeben.

Leider ist die Situation unserer Bibliotheken, was Unterhaltungsliteratur und Zeitschriften angeht, als beschämend anzusehen. Das hat einerseits etwas mit den Kriegsverlusten zu tun. Aber andererseits auch mit der Einstellung der Bibliotheken zu dieser Literatur. Ich möchte hier ein typisches Beispiel zum Gebiet Film erwähnen:

Als ich mich intensiver mit den Filmprogrammen zu utopisch-phantastischen Filmen der Vorkriegszeit beschäftigte, empfahl mir ein Mitarbeiter der Landesbildstelle, mich dorthinzuwenden. Dort bestünde eine komplette Sammlung. Meine Nachforschungen ergaben dann aber leider, dass fast alle von mir gesuchten Programme nicht vorhanden waren. Auf meine Anfrage erklärte mir der zuständige Mann dann folgendes: »Uns sind die Filmprogramme schon mehrmals komplett angeboten worden. Aber was sollen wir damit? Das interessiert doch keinen. Für uns ist viel wichtiger, Unterlagen über die berühmten Filme zu haben. So z.B. das einzige noch existierende Originalplakat des Filmes Panzerkreuzer Potemkin!« Kein Wunder, das ich schon als Kind das Gefühl hatte, dass ich besser meine eigene Sammlung aller Publikationen aus dem Gebiet des utopisch-phantastischen Genres aufbauen sollte. Denn mit der oben erwähnten Einstellung wird es niemals möglich seine den beklagenswerten Zustand des Wissens über dieses Gebiet zu ändern.

Die vorangegangenen Überlegungen, die ihre Entsprechung sicher in den USA haben, beweisen eines. Die SF wurde nicht durch die Spezialisierung in den Magazinen von Hugo Gernsback und seinen Konkurrenten in das Ghetto-Dasein der Pulp-Magazine verbannt. Vielmehr war und ist dieses Gebiet dort immer beheimatet gewesen. Dieser umfangreiche Anteil der SF wurde und wird meist nur schamhaft vergessen oder verschwiegene.

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3. Nicht spezialisierte Literatur utopisch-phantastischer Art in Buchform hätte die Entwicklung literarisch anspruchsvoller Autoren in der Qualität eines Capek, Kafka, Huxley ermöglicht

Beschäftigen wir uns also konkret mit den Büchern, die von 1926 bis 1954 im deutschen Sprachraum erschienen und dem utopisch-phantastischen Genre zuzurechnen sind.

Es ist vermutlich korrekt, wenn man die in den Jahren vor 1925 geschriebenen Bücher als Vorläufer der SF ansieht – und zwar sowohl in den USA als auch in Deutschland.

Denn eine technisch-wissenschaftliche Literatur konnte sich erst richtig entwickeln, als die Werke eines Hermann Oberth oder Max Valier erschienen waren, als Max Valier, Konstantin Ziolkowski und Robert H. Goddard mit Versuchen und Vorarbeiten begannen, die erstmals auch dem Laien deutlich zeigten: »Mein Gott! Raketen können tatsächlich in den Weltraum vorstoßen!«

Erst diese Entwicklung weg von den unverbindlichen Weltraumutopien mit völlig untauglichen Mitteln – etwa dem Kanonenschuss zum Mond, dem Weltraumflug mittels Schwerkraftaufhebung oder durch Gedankenflug – hin zu Schilderungen unter Verwendung einer tatsächlich funktionierenden technischen Möglichkeit bereitete den Weg zum Aufstieg der SF.

Bis heute gibt es keine umfassende Bibliographie der utopisch-phantastischen Literatur in Deutschland. Der Begriff ›Utopie und Phantastik‹ wird von Sammlern deshalb gerne gewählt, weil der Begriff Science Fiction für die Jahre vor 1954 nur einen Teil des Sammelgebietes umfassen würde.

So fassen die Bibliographen der früheren DDR den Begriff Science Fiction sehr eng, total fixiert auf eine ausschließlich naturwissenschaftliche Ausrichtung des Textes. Formen der Phantastik, die zumeist ja religiöse oder mythische Bezüge haben, werden hierbei nicht akzeptiert.

Damit wird man aber dem Genre gerade für die Zeit vor 1954 nicht gerecht. Schon vor 1926, aber verstärkt von 1926 bis 1954, sind im deutschen Sprachraum zahlreiche Romane in Buchform erschienen, die von den damaligen Sammlern durchweg dem utopisch-phantastischen Genre zugeordnet wurden. Diese Sammler hatten es aber sehr schwere die sie interessierende Literatur zu finden, weil es an einem feststehenden Begriff wie ›Science Fiction‹ fehlte. Stattdessen mussten sie sich im wesentlichen nur nach dem Inhalt und einigen Bezeichnungen in den Untertiteln richten.

Hierzu gehören Formulierungen, wie:

  • Zukunftsroman
  • Utopischer Roman
  • Technisch-wissenschaftlicher Roman
  • Roman aus der Welt von Morgen
  • Technisch-politischer Roman
  • Prognostischer Roman
  • Phantastischer Roman
  • Vision
  • Verniaden

Dies aber reicht bei weitem nicht aus, da zahllose andere, wenig aussagekräftige Formulierungen hinzukommen, wie etwa ›Sportromane‹, ›Ein Reiseroman‹, ›Roman einer Expedition‹ und zahllose andere. Wobei sich dann etwa hinter dem ›Sportroman‹ eine Erzählung über den Bau eines ›Perpetuum mobile‹ verbergen kann, hinter dem ›Reiseroman‹ das berühmte Buch Stern der Ungeborenen von Franz Werfel und hinter ›Roman einer Expedition‹ der Doomsday-Roman Wir fanden Menschen von Hans Wörner.

So konnte man in den Bänden mit dem Stich- und Schlagwortverzeichnis des ›Deutschen Bücherverzeichnisses‹ zwar nach den obigen Formulierungen suchen, fand aber bei weitem nicht alles.

Nach 1945 setzte sich diese Art der Begriffsbestimmung fort. Selbst heute bekannte SF-Reihen und Einzelbände wurden entsprechend gekennzeichnet:

So trägt die erste und berühmteste Reihe von Science-Fiction-Romanen in Deutschland den Namen ›Rauchs Weltraumbücher‹.

Auch die langjährig erscheinende Buchreihe aus dem Gebrüder-Weiss-Verlag, Berlin, heißt ›Roman aus der Welt von Morgen‹.

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Erst ab etwa 1954 wird der Begriff ›Science Fiction‹ nach und nach durch die Heftveröffentlichungen des Erich Pabel Verlages bekanntgemacht.

Diese Vielzahl von Begriffen war einfach ein ›namenloses Chaos‹, weil den Deutschen ein einheitlicher Begriff fehlte. Das Chaos hatte auch Auswirkungen auf die Sammler, Antiquare und Bibliografen.

Obwohl man annehmen müsste, dass die Liebhaber utopisch-phantastischer Literatur der Vergangenheit über die Veröffentlichungen ihrer Gegenwart mehr und besser Bescheid wissen mussten als wir Heutigen, ist das Gegenteil der Fall.

Der bereits erwähnte baltendeutsche Friedrich Zander führt in seiner Liste von Erzählungen über interplanetare Reime ganze 18 Erzählungen aus dem In- und Ausland auf.

Willy Ley listet in seines Werk Die Fahrt ins Weltall (1929) nur 11 einschlägige Bücher auf, darunter das von ihm geplante aber nicht realisierte ›Die Starfield Company Ltd.‹.

Die erste im Utopia-Großband 22 veröffentlichte Liste utopisch-phantastischer Bücher enthält immerhin schon 80 Titel.

Die beiden Sonderdrucke des Science Fiction Club Deutschland (SFCD) Die Zukunft im Buch, aus den Jahren 1955 und 1956, verzeichnen zusammen schon rund 600 Titel.

Der Katalog der deutschsprachigen utopisch-phantastischen Literatur aus fünf Jahrhunderten – 1460–1960 von Heinz Bingenheimer bietet immerhin rund 1600 Titel. Und so geht die Entwicklung weiter. Heute sind es allein schon an Büchern mehrere Tausend Titel.

Das heißt also, dass wir bis heute ununterbrochen einschlägige Titel aufspüren. Wir, das ist die Gemeinschaft der Sammler und Antiquare. Denn nur in einer Gemeinschaftsarbeit lässt sich dies bewerkstelligen.

Wie aber steht es mit der literarischen Qualität dieser vielen Tausend Bücher. Bei vielen Tausend Büchern müssten eigentlich sehr viele literarisch bedeutungsvolle Werke in den Jahren zwischen 1924 bis 1954 verfasst worden sein?

Die Wirklichkeit ist traurig! Es gibt buchstäblich keinen einzigen deutschsprachigen SF-Autor mit Weltgeltung. Nur wenige Werke dürften allgemein anerkannt sein, etwa Berge, Meere und Giganten von Alfred Döblin, Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse, Der Stern der Ungeborenen von Franz Werfel. Dann folgen noch einige interessante Werke, die keine Breitenwirkung hatten, etwa Paul Gurks Tuzub 37. Der Mythos von der grauen Menschheit oder von der Zahl 1, Nein, die Welt der Angeklagten von Walter Jens. Und danach kommt nur noch Mittelmaß und viel, viel Schund!

Ganz im Gegensatz zu der Meinung von Brian W. Aldiss hat die fehlende Spezialisierung im deutschen Sprachraum keinen allgemeinen literarischen Höhenflug bewirkt. Die nicht erfolgte Spezialisierung konnte nicht verhindern, dass die veröffentlichten Bücher nur Mittelmaß und etliche ausgesprochener Schund waren. Hervorragende Bücher werden nach der Gauß’schen Verteilungskurve immer die Ausnahme bleiben.

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4. Die angestrebte naturwissenschaftliche Genauigkeit verminderte die literarische Qualität

Mit dieser Behauptung stellt Brian W. Aldiss die Sache buchstäblich auf den Kopf. Die von Hugo Gernsback und seinen Nachfolgern gewünschte naturwissenschaftliche Genauigkeit war unbedingte Voraussetzung für glaubwürdige Science Fiction. Sicher tummelten sich in dem aufstrebenden Genre viele Autoren, die keine Literaten waren. Dies ist aber nun einmal die Regel, unabhängig davon, ob ein feststehender Begriff existiert oder nicht.

Viel schlimmer stand es nämlich um die nicht spezialisierte SF – oder Utopie und Phantastik – im deutschen Sprachraum. Hier gab es keine Verlage und keine Lektoren, die die für SF notwendigen Qualifikationen hatten. Während sich in den USA nach und nach Leute herausbildeten, die diese Qualifikationen erwarben, wurden in Deutschland jahrzehntelang Texte bei Verlagen eingereicht, die von Naturwissenschaft keine blasse Ahnung hatten. Die Ergebnisse sieht man. Schon vor 32 Jahren hielt ich einen Vortrag ›Satire und Parodie in SF und Utopie‹. Was trug ich dabei vor? Die unfreiwilligen Stilblüten, die hier von Autoren abgeliefert und von ahnungslosen Lektoren und Verlagen auch noch gedruckt wurden.

Heinz-Jürgen Ehrig (1942–2003)

Heinz-Jürgen Ehrig (1942–2003) war ein fundierter Kenner der deutschsprachigen Science Fiction-Literatur und trug bis zu seinem Tode die wohl größte Sammlung dieses Genres in Deutschland zusammen.

Ich erinnere nur an W. W. Bröll, der eine einstufige Rakete mit anderthalb Meter dicken Wänden zum Mond schoss. Oder J. E. Wells, bei dem ein anderes Sonnensystem 30 Millionen Kilometer entfernt war und bei dem die Astronauten auf dem Flug dorthin an einer Sonne vorbeiflogen, die einen Durchmesser von anderthalb Lichtjahren hatte. An einen schweizerischen Autor Diebold, dessen Rakete einen Kuhstall enthielt, damit die Astronauten morgens immer ihre frische Milch hatten. An Flüge zum Mond mit einem Flugzeug, das 120 Stundenkilometer schnell war und daher erst nach einem Monat am Mond war. Und, und, und

Es würde den Rahmen dieser Ausführungen sprengen, wollte man die unendliche Liste grauenhafter Fehlleistungen auflisten, die im deutschen Sprachraum als utopisch-technischer Roman, Zukunftsroman etc. veröffentlicht wurden. Da sind kegelförmige Raumschiffe aus rosa Marmor, in denen man zur Schlafperiode Anti-Photonen in die Luft streut, um Dunkelheit zu erzeugen, wirklich bei weitem nicht das Schlimmste.

Wollte man einen Wettbewerb ausloben ›Welches Land hat die dümmsten SF-Bücher?‹, würde Deutschland mit Sicherheit einen der vordersten Plätze belegen.

Und die Ursache hierfür liegt gerade in der fehlenden Spezialisierung, die Brian W. Aldiss so ablehnt.

Mir scheint, Brian W. Aldiss ist wie ein Kind, er sucht die Schuld immer bei einem anderen und nicht bei sich selbst. Wahrscheinlich hält er sich für einen Autor, der eigentlich weltberühmt sein müsste, und sucht die Schuld daran, dass er dies nicht ist, bei Leuten wie Hugo Gernsback, bei Zeichnern wie Virgil Finlay, bei allen Verlegern, bei den SF-Lesern und sicher bei den SF-Fans. Nur bei einem sucht er die Schuld nicht: bei sich selbst.

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