FeuilletonLand & Leute

Ein Wiener Kaffeehaus

Über Land und Meer • 15.10.1876

Es bleibt eine bestrittene und noch nicht genau chronistisch erledigte Frage, ob die Einwohner von London oder Wien zuerst unter den zivilisierten Europäern Kaffee getrunken und solchen auch von eigenen Kaffeewirten gereicht erhielten.

Aber unbestritten bleibt es, dass kein Land und keine Großstadt das ›Kaffeehaus‹ zu solcher eigentümlichen Entwicklung gebracht hat, wie Österreich und dessen Hauptstadt Wien.

Frankreich und Paris könnten allerdings einigermaßen konkurrieren. Aber dort ist das Kaffeehaus amphibisch oder chamäleonartig, es wechselt zu Tageszeiten die Flüssigkeiten mit den festen Speisen und aus dem Kaffeehaus wird allmählich eine Art ›Restauration‹ oder umgekehrt.

In Wien allein ist das Kaffeehaus der fast ausschließliche ›Tempel des Mokka‹, und seine Sippschaft, der ›Tee‹, welcher auch gereicht wird, kommt weniger in Betracht, ebenso wenig die geringe Quantität der Liköre, welche zeitweise in schüchternen und verschämten Gläschen blinken. Deshalb heißt auch der Inhaber des Lokals ›Kaffeefieder‹ nach seiner eigentlichen und bedeutungsvollsten Beschäftigung. Die Hauptsache ist und bleibt der Kaffee!

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Wie dieser nach Wien gekommen, ist ans klar. Und wenn, solange Ungarn unter türkischer Herrschaft stand (bis fast ans Ende des siebzehnten Jahrhunderts), einzelne Kaffeetässchen auch an den Mund der Österreicher und der schönen Wienerinnen geführt worden sein mögen, so bleibt es doch eine volle Wahrheit, dass nach der Besiegung der Türken vor Wien 1684 der Kaffee in einer so erstaunlichen Menge als Lagerbeute zurückblieb und zum allgemeinen Gebrauch vorhanden war, wie nie zuvor.

Wesentlich nahm sich der Verbreitung und Popularisierung des Kaffees ein Mann Namens Kolschitzky an, welcher, aus slawischem Land an der Türkengrenze stammend, als geheimer Bote des Wiener Kommandanten durch das Türkenlager zu den anrückenden Hilfsheeren schlich und, vortrefflich vertraut mit türkischer Sprache und dem Kaffeegebrauch, der erste Kaffeesieder in Wien wurde.

Ihm zu Ehren ist ein altes Kaffeehaus nach seinem Namen benannt und trägt ein Porträt zum Straßenschild und zum Anblick für alle Welt, wenn auch für »Porträtähnlichkeit nicht gebürgt wird«.

Also fast zweihundert Jahre alt ist das Wiener Kaffeehaus und es will scheinen, dass es rasch und schon im vorigen Jahrhundert auf die volle Höhe seiner Entwicklung gelangte, wenn auch die Neuzeit bessere Räumlichkeiten, größere Entfaltung des Luxus in der allgemeinen Ausstattung hinzugetan.

Aber Zeitungslesesaal, politischer Diskursort, Spielhalle, allgemeines Kontor, Rendezvous war es, wenn man die Sittenschilderung aus Väterzeiten liest, schon damals vollständig, und damit ist eigentlich seine wesentliche Charakteristik gegeben.

Das Wiener Kaffeehaus ist entweder in seiner Wirksamkeit eine archimedische Schraube, welche endlos fortwirkt und seine Räume werden nie gesperrt, oder es schlägt seine Fensteraugen am frühesten Morgen auf und schließt dieselben gaslichtmüde in der Nacht.

Vom frühesten Morgen an weht ein eigentümlicher Hauch von Kaffeedampf in jedem Kaffeehaus, und gerade diese Atmosphäre, in die sich allmählich dünnere und dichtere Tabakwolken hineinkräuseln, ist es, welche die Kaffeehausgäste so sehr anzieht und ihnen Tabak, Kaffee nebst Zeitungen und Diskurs nirgends so behaglich werden lässt wie hier.

Am frühen Morgen kommen zumeist die Geschäftsleute welche mit den Verzehrungsgegenständen zu tun haben, sowie die Kontoristen und Beamten dieser Sorte, auch das weibliche Geschlecht derartigen Berufs, überhaupt die armen Menschen, und wären sie noch so reich, denen keine sorgliche Gattin den Kaffeetisch daheim bereitet.

Das kommt und geht eilfertig oder bleibt mit Zeitunglesen beschäftigt, bis der Vormittag da ist. Zwischen zehn und zwölf ist das Kaffeehaus am leersten, nur einzelne Besucher sitzen spärlich, das Klirren der Tassen und Löffelchen wird selten gehört, bis die Zwölfuhrglocke geläutet hat. Allmählich rücken Einzelne an, fast ohne zu fragen eilt der ›Marqueur‹ schon mit dem Schwarzen entgegen. Eine halbe Stunde später rückt fast Gast an Gast zur Tür herein, es ist ein vernehmliches Klirren der Tassen und Löffelchen, unausgesetzt ertönen die Rufe: »Schwarz«, »groß«, »klein«, »Schale«, »Glas«, »Kapuziner« (das ist ein dunkelbrauner Kaffee) zur Kredenz, welche mit der Kaffeeküche in direkter Verbindung steht, die auch meist gesehen werden kann, und nur selten und verschämt wird eine ›Melange‹, ein weißer Kaffee, verlangt, denn er gehört zur Sättigung und nicht zur Verdauung.

Die allergrößte Zahl der anrückenden Gäste kann ›Stammgäste‹ genannt werden, und der Wiener geht oft recht weit in ›sein‹ Kaffeehaus, um zu den Bekannten zu kommen.

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In das Klingen und Klirren der Geschirre und der Metalle tönt das Anschlagen der Billardbälle, denn eine ›Partie‹ nach dem Essen, nämlich Billardpartie mit ›kleinem Schwarzen‹ und der ›Gesellschaft‹, gehört zu den ›Hauptpassionen‹ des angesessenen Wieners. Wehe, wenn der Wirt das Billard um diese Zeit Anderen vergeben würde – es ist ›besetzt‹ und wartet der Stammgäste – oder diese wandern auf Nimmerwiedersehen weiter und suchen und unterhandeln so lange, bis sie richtig ein anderes ›Stammkaffeehaus‹ gefunden.

Die ›Jausenzeit‹, Vesperzeit, bringt die Melangegäste bis zur Theaterzeit.

Eigentlich sämtliche Besonderheiten eines Wiener Kaffeehauses und seiner Gäste wiederzugeben, würde nicht einen Artikel, sondern ein nicht unansehnliches Buch erfordern, denn ›Zigarren‹ und ›Pfeifen‹ müssten ein eigenes Kapitel haben. Ebenso der Zahlmarqueur und seine geheimen und offenen Berufspflichten, Schlauheiten, ›Geschaftlhubereien‹, sein Anfangen, Emporblühen und Enden, dann die Zuträger, die Kaffeeburschen, die ganz kleinen Buben, sogenannte ›Frackerl‹ usw.

Und erst die ›Kassterin‹!

Ein großes, großes Kapitel – kaum zu erschöpfen.

Sie ist hübsch, züchtig – mehr oder weniger – sie liebt, sie hat ein Steinherz – mehr oder weniger – Equipage, Mord, Zyankali, Trauung mit Spitzenschleier und großem Jungfernkranz, heimliches Entweichen, Bürgerin, Gräfin, Spital, Abzehrung – mehr oder weniger – kurz, derlei Betrachtungen und Tatsachen müssten sämtlich in dem Kapitel vorkommen.

Die Vorgänge um ›die Kasse‹ bedürften einer sehr bedächtigen Feder.

Diese ›Kasse‹ ist aber immer eine Art Thron und Reliquienschrank. Rings um sie bewegt sich die große Welt, raucht, spielt, trinkt, echauffiert sich, macht Geschäfte, liest, disputiert, schließt Bündnisse und ewige Feindschaften, liebt und stirbt und wettet und macht Schulden und geht durch, bewegt sich durch alle Skalen der Menschenschicksale auf und ab.

Jedes Wiener Kaffeehaus hat seine eigene Charakteristik, und so viele es deren gibt, so viele Spezialitäten entwickeln sich bald. Ehrsames Kaufmannspublikum, Lumpen, Spieler, Schachmatadore, Offiziere, Frauen, Geschäftsvermittler, Händlerbranchen, Künstler, kurz alle Schichten und Abstufungen der Gesellschaft haben ihre Kaffeehäuser.

Das Wiener Kaffeehaus ist einmal der Salon Aller, der Zufluchtsort für alles, was man nicht zu Hause erledigen kann oder will. Was man bezahlt, circa vier Groschen, ist für das Getränk viel, und eigentlich im Ganzen doch sehr wenig, denn man muss nur sehen, was dafür zur Disposition steht.

Berge von Zeitungen in allen Sprachen und aus aller Welt, Marmor-, Spiegelwände, Prachtservices, Lüftres, Sammetfauteuils, Bilder, Gesellschaft und vor allem vorzügliche Bedienung.

Erst mit dem letzten Wiener Haus wird das Kaffeehaus verschwinden.

• Silberstein

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