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Die Mineralquelle zu Selters

Das Pfennig-Magazin • 25.9.1841

Hat man auf der großen Landstraße, die aus Norddeutschland nach Frankfurt am Main zieht, die freundlichen Umgebungen dieser Stadt erreicht, dann treten dem entzückten Auge die reisenden, wellenförmig dahingereihten Waldhöhen des Taunusgebirges entgegen, das sich wie ein mächtiges Amphitheater um eine weite Arena umherlagert, die gegen Süden vom Main und Rhein scharf begrenzt ist. Ein herrliches fruchtbares Gefilde, das Tempe von Deutschland, die glücklichste Flur des reichgesegneten Nassau, breitet sich zwischen diesen Strömen und den Gebirgshöhen des Taunus aus, wo auf den sonnigen Hügeln die Rebe den feurigsten und köstlichsten Wein liefert, die Kastanie und der Walnussbaum in üppiger Pracht gedeihen und wo auf den freien Feldern die langen Kolbenbüschel der stolzen Maispflanze schon das Auftreten einer südlichen Vegetation verkünden. Hier hat die Natur mit freigiebiger Hand das Füllhorn ihres reichsten Segens ausgeleert, indem sie das Land zugleich mit den schönsten und lieblichsten Reizen schmückte. Tausende wallfahrten jährlich dahin aus weiter Ferne, um unter diesem heiteren Himmel, auf diesem glücklichen Boden, Freude und Lebensgenuss zu finden, oder um an den zahlreichen Heilquellen die Befreiung von schweren körperlichen Leiden zu suchen. Mit Erstaunen wird es der Fremde vernehmen, dass auf der nördlichen, wie auf der südlichen Seite der Taunushöhen weit über hundert Mineralquellen, teils kalt, teils warm, dem Gebirgsstock entsprudeln. Nur mit dem kaukasischen Zentralgebirge lässt sich in dieser Beziehung der Taunus mit seinen Höhenverzweigungen vergleichen. Dort wie hier muss der Reichtum der Mineralquellen auf einer Ausdehnung von nur wenigen Quadratmeilen die Bewunderung des denkenden Menschen erregen! Die berühmten Bilder von Wiesbaden und Ems, die von Schlangenbad und Schwalbach, von Soden und Weilbach genießen, durch die Wirksamkeit ihrer Heilkräfte, eines Rufs, der sich über Europa, zum Teil über beide Hemisphären, ausgebreitet hat. Die Mineralquellen von Geilnau, Fachingen und Selters spenden Heil und Erquickung auf beiden Seiten des atlantischen Meeres. Wenn die Merkwürdigkeiten und Naturschönheiten eines Landes nicht oft genug geschildert werden können, um wenigstens nach wiederholten Versuchen eine stets korrektere Zeichnung, ein immer treueres Bild von ihnen zu liefern, so möge es diesesmal gestattet sein, von dem· Ganzen nur einen Teil hervorheben zu dürfen, um ihn der allgemeinen Aufmerksamkeit näher zu bringen.

Der Sauerbrunnen zu Niederselters.

Auf der nördlichen Seite des Taunus, da, wo durch zahlreiche, meist tief eingeschnittene Täler die Gebirgswasser nach der Lahn hinüber rasch abfließen, die in weiten und seltsamen Krümmungen mitten durch das Herzogtum dem Rhein zueilt, entspringt unmittelbar aus dem Tonschiefergebirge die berühmte Quelle von Selters. Es ist ein freundliches, offenes Tal, das von dem lebendigen Emsbach, der es anmutig durchschlängelt, den Namen trägt. Ihm verleihen die vielen schönen und reichen Dörfer, teils auf den Abhängen, teils im Talgrund selbst, mit ihren trefflichen Obstbaumpflanzungen, einen besondern Reiz, vorzugsweise Walsdorf und das alte Städtchen Camberg mit ihren Mauern und Türmen aus den Zeiten des Mittelalters. Nähert man sich der Quelle zur Zeit der ersten warmen Frühlingstage, dann wird das muntere Treiben der langen Züge von Frachtfuhren überraschen, die aus fernen Ländern kommen, um an Ort und Stelle die braunen Krüge von Selters abzuholen. Nicht selten deuten Kolonnen von 1416 Pferden vor dem befrachteten Wagen auf die Schwere seiner Last. Zahlreiche Gebäude, unter dem dunklem Grün der Pappeln, verkünden schon in einiger Entfernung die Brunnenanstalt. Sie enthalten die Magazine, die Büros, die Arbeitssäle, die Hallen und die Wohnungen der verschiedenen Beamten. Wer sich ihr zum ersten Mal nähert, auf den wird das Ganze einen überraschenden, ja einen bleibenden Eindruck hervorbringen. Mit Sir Franzis Head, dem Verfasser der bekannten Bubbles from the brunnens of Nassau, glaubt man eine neue Welt entdeckt zu haben, die bloß von steinernen Krügen bewohnt zu sein scheint. Hier sind sie gleich dicht gedrängten Armeen aufgestellt, dort erblickt man sie in unermesslichen Lagen hoch übereinander geschichtet. Wohin sich auch der Blick wendet, überall gewahrt das Auge die braunen Krüge, wie sie unter mancherlei Verrichtungen rasch von Hand zu Hand wandern. Bald sind es lange Reihen behänder, reinlich gekleideter Mädchen, die leere krüge zur Quelle befördern, während andere die gefüllten in rascher Eile zu den verschiedenen Gruppen bringen, die im weiten Raum des Hofes aus Stühlen sitzen. Schon beim eilfertigen Vorübergehen, beim flüchtigsten Überblick muss hier die fleißige und gewandte Hand bewundert werden, die eine Kappe aus weißem Leder über den Stopfen zieht und sie dann in einem Nu mit Bindfaden umschnürt. Kaum stehen neben diesen Gruppen, die mit festem, unverwandtem Blick die einzige Aufgabe ihres Lebens verrichten, die Krugmassen aneinandergereiht mit ihren weißen Lederkappen, so nahen in beständiger Wanderschaft die Pfannen voll siedenden Pechs, und da hier alles wie nach einem beschleunigten Taktschlag geschieht, erscheinen auch schnell die weißen Kappen des Heeres in braune verwandelt. Mit dem Stempel der Anstalt versehen empfängt sie der wartende Frachter, der, froh seiner Beförderung, in fröhlicher Stimmung sein Werk in der Nähe verrichtet.

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Überall erblickt das Auge eine strenggeregelte Tätigkeit, Ordnung, Reinlichkeit und ein rasches Ineinandergreifen verschiedenartiger Kräfte und Fähigkeiten. Wenn nun schon durch das Seltsame und Eigentümliche der bisherigen Szenerien das Gemüt für ernste Betrachtungen empfänglich geworden ist, dann wird es von einem stillen Vorgefühl, von einer inneren Anregung auf das Freudigste bewegt, tritt man an die Quelle selbst heran. Gewiss gehört es zu den feierlichsten Augenblicken eines Menschenlebens, auch nur einmal neben dieser merkwürdigen und weltberühmten Quelle gestanden zu haben, den Blick fest auf die geheimnisvolle und wunderbare Bewegung gerichtet, mit der sie ihre reiche und köstliche Gabe durch unbekannte Schächte aus der tiefverborgenen Werkstätte der Natur heraufbefördern. Unter lautem Brausen strömt sie ihren Wasserreichtum in den geräumigen Brunnenschacht von vier Meter Tiefe, aus dem die zahllosen Gasblasen wie silberne Perlen in munterem Spiel emporsteigen, dass man glauben sollte, sie würden von unsichtbarer Hand hervorgezaubert. Es ist ein überaus reizender Anblick, bei dem das Auge nicht lange genug verweilen kann, und in diesem Augenblick fühlt man lebhaft die Wahrheit einer geistreichen Bemerkung, dass die Erforschung eines hervorsprudelnden Quells den menschlichen Geist von den einfachsten Gesetzen der Schwere und des Falls zu den zusammengesetztesten der Gesundheit hinübergeführt habe. Noch vor 150 Jahren war die Quelle von Selters nur in ihrer nächsten Umgebung bekannt, jetzt aber wandern die steinernen Krüge von Selters nach allen Regionen, soweit die europäische Zivilisation ihre Herrschaft ausgedehnt hat. An die Ufer des Ganges und des Indus bringen sie das köstlichste Erfrischungsmittel; unter den Kolonisten von Adelaide und Sydney sind sie keine Fremdlinge mehr und selbst auf den Eilanden von Kangaroo und Tasmanien haben sie sich seit kurzem eingebürgert. Nach Südamerika und in die nördlichen Unionsstaaten wandert jährlich ein kleines Heer von Selters-Krügen, aber in größerem und bedeutenderem Umfang verbreiten sie sich über die europäischen Länder, über die südlichen, wie über die nördlichen. Merkwürdig bleibt die durch lange und viele Erfahrungen bestätigte Eigenschaft, die sich keiner der übrigen Mineralquellen nachrühmen lässt, dass das Wasser von Selters, selbst an den entferntesten Punkten seiner Verbreitungssphäre, alle die eigentümlichen Vorzüge behält, durch die es sich an der Quelle selbst auszeichnet. Ob es über das Weltmeer oder durch weite Länder seine Wanderschaft zurücklegt, ob es dem Norden oder dem Süden der Erde zugeführt wird, ist für die gute Erhaltung des Wassers gleichgültig. Keine Entfernung, kein Wechsel des Klimas übt darauf einen nachteiligen Einfluss. Nirgend ist der geringste Verlust an flüchtigen oder festen Bestandteilen zu beklagen und vielleicht wird dieser eigentümliche Vorzug der Selters-Quelle auch teilweise durch die große und unermüdliche Sorgfalt unterstützt, die von der Verwaltung bei der Füllung und Versendung beobachtet wird, was einige Worte weiter unten näher andeuten sollen.

Mineralbrunnen in Selters.

Hell und klar, wie flüssiger Bergkristall, tritt das Wasser aus seinem natürlichen Schacht hervor, und beim Einschenken in das Glas wiederholt sich im Kleinen das muntere Perlenspiel, das hier, wie in der Quelle, durch den Reichtum des kohlensauren Gases veranlasst wird. Dass es ein Nektartrunk sei, der wie durch geheime Zauberkräfte auf den ganzen Organismus des Menschen wirke, erheiternd und belebend, im leidenden, wie im gesunden Zustand, wird von keiner Seite her in Abrede gestellt werden dürfen.

Nach dem Ursprung der Quellen im Allgemeinen ist schon von vielen aufstrebenden Geistern geforscht worden, wobei die Anstrengungen aber größer waren, als das Glück, das den geheimnisvollen Schleier hatte lüften müssen. Vermutungen haben sich einander verdrängt und bis auf den heutigen Tag ruht die alte Finsternis über der kühnen Frage. Nur aus wenigen äußeren Erscheinungen können wir einen schwachen Leitfaden gewinnen. Dass die Quelle von Selters mit den platonischen Prozessen der Erde in naher Verbindung stehe, das scheinen die geognostischen Umgebungen zu bestätigen. Wie bei den übrigen nassauischen Mineralquellen bietet sich auch hier die interessante Erscheinung dar, dass vulkanische Gebirgsbildungen in ihrer Nähe zum Durchbruch gekommen sind. Gleich den kalten und warmen Mineralquellen am Kaukasus sind auch die Heilquellen am Taunus von einem näheren oder entfernteren Kranz vulkanischer Bildungen umgeben. Dort sind es massenhafte Trachytbildungen und hier eine Reihe von Basalten, die die Quellen begleiten. In der Nähe der Therme von Wiesbaden haben die Basalte von Sonnenberg, von Rambach und Neurod die Schichten des Tonschiefers durchbrochen, unter bedeutenden Störungen der Lagerungsverhältnisse. Ebenso ist die bedeutende Basaltmasse am Forst in der Umgebung der Thermen von Ems zum Vorschein gekommen. Die Basaltkuppe von Weyer und der basaltische Hornköppel bei Niederbonchen umgeben in nur geringer Entfernung die Quelle von Selters.

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Die vielen Ärzte und Naturforscher auch nur flüchtig aufzuzählen, die seit ungefähr 120 Jahren der Reihe nach tätig gewesen sind, um die Bestandteile des Selters-Wassers und seine chemisch-physikalischen Eigenschaften näher kennenzulernen, oder seine medizinische Wirksamkeit durch lange Beobachtungen tiefer zu erforschen, dazu müsste die Grenze dieser Mitteilung weit überschritten werden. Es wird genügen, wenn nur einige genannt werden, die als Sterne erster Größe in der Geschichte der Wissenschaft glänzen. Friedrich Hoffmann, einst Leibarzt am preußischen Hof, wendete schon Anfang des vorigen 18. Jahrhunderts der Selters-Quelle seine Tätigkeit und seine Aufmerksamkeit zu, indem er vom wissenschaftlichen Standpunkt seiner Zeit aus alle seine Vorgänger weit übertraf. Ihm, sowie dem berühmten Ritter von Zimmermann, dem seine Zeitgenossen für vielfältige Wirksamkeit so Vieles zu verdanken hatten, dem großen Hufeland und dem tief forschenden Richter muss der Ruhm zuerkannt werden, im Selters-Wasser eins der wirksamsten Heilmittel entdeckt zu haben. Während ausgezeichnete Ärzte sich in dieser Richtung tätig zeigten, trugen die ersten Chemiker das Ihrige dazu bei, die vielfachen Bestandteile der Quelle offen darzulegen, indem sie, vom Eifer der Forschung gespornt, mutig in das Labyrinth der Naturgeheimnisse vordrangen. Tobern Bergmann, Westrumb, G. Bischof, Strude, Döbereiner und Caventou haben sich auf diesem Feld bleibende Verdienste erworben. Aber selbst nach diesen glänzenden Leistungen erscheinen die Akten noch nicht abgeschlossen, denn dem Geist der Forschung genügt das erreichte Ziel noch nicht, und er verlangt mit einem tieferen Schacht niederzugehen, um neue Entdeckungen heraufzufördern. Die neueste Analyse des Wassers von Prof. Kastner zu Erlangen gibt Zeugnis davon, dass die Natur ihre Geheimnisse den Fortschritten der chemischen Untersuchungskunst mehr und mehr offenbart, wenn auch der Triumph einer vollständigen Lösung des Rätsels noch weit hinausgeschoben bleibt. Wie Kastner als Naturforscher sich eine höhere Aufgabe stellte, so liefert Dr.A. Vetter zu Berlin, in ärztlicher Beziehung, durch seine Heilquellenlehre den schönen Beweis, dass den Blättern, die den Ruhm der Selters-Quelle verkünden, sich neue hinzufügen lassen, und auch von dieser Seite her lässt es sich erwarten, dass vom heutigen Standpunkt der wissenschaftlichen Forschung aus zu den alten auch neue Beobachtungen und Erfahrungen gesammelt werden können. An die reichhaltige Literatur über Selters, die schon über 200 Schriften zählt, reiht sich eine umfassende Schilderung, die ganz vor kurzem zu Paris erschienen ist.

Um das oben gegebene Versprechen zu erfüllen, sind zum Schluss noch die wenigen Worte über das Verfahren bei der Füllung der Krüge und ihrer Verkorkung beizufügen, da die kleine Skizze sonst unvollständig erscheinen könnte. Bei der ins Fabelhafte gestiegenen Konsumtion musste, da der Wasserreichtum der Quelle kein Hindernis entgegensetzte, auf ein Mittel Bedacht genommen werden, wodurch die Füllung in großen Massen möglich wurde. Dieser Zweck ist durch eine kranartige Füllmaschine vollständig erreicht, die dicht neben der Quelle errichtet ist. Haben die Brunnenmädchen die aufs Sorgfältigste gereinigten Krüge in den Füllkorb eingestellt, der ihrer 50 aufnimmt, dann senkt er sich durch die Tätigkeit eines Haspels hinab bis in die tiefsten Wasserschichten der Quelle, die noch den ganzen Reichtum an freier Kohlensäure besitzen. Nach wenigen Sekunden, wenn die Krüge gefüllt sind, hebt sie derselbe Hebel dann rasch wieder empor. Während die Mädchen den Korb von seinem Inhalt befreien, senkt sich bereite ein zweiter in die Quelle und ein dritter wird zu derselben Wanderung befrachtet. So geht es ununterbrochen fort, so dass nicht selten 24000 Krüge in einem einzigen Tage gefüllt werden. Ohne die geringste Zögerung gelangen die gefüllten Krüge auf eine nahe geräumige Tafel, wo, in dichten Reihen nebeneinander hingepflanzt, die feinsten katalonischen Stopfen mit hölzernen Hämmern tief in die Mündungen eingetrieben werden. Jeder Stopfen trägt auf der unteren Fläche als Erkennungszeichen die eingebrannte Schrift ›Nassau-Selters‹ mit Krone und Äskulapstab. So gegen die Einwirkungen der äußeren Atmosphäre gesichert wandern die Krüge sofort zu den Gruppen, an denen wir bereits vorübergekommen sind, indem wir ihrem Fleiß und ihrer Behändigkeit schon beim Eintritt die gebührende Anerkennung zollten.

Die genaue Anzahl der jährlich gefüllten Krüge zu erfahren, hat dem Verfasser nicht gelingen wollen, aber gewiss ist sie mit mehreren Millionen nicht zu hoch angeschlagen. So spendet die Selters-Quelle in riesenhaften Massen alljährlich Heil und Erquickung bis in die entferntesten Regionen der Erde!

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