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Die mit komprimiertem Fettgas erleuchtete Bake auf der Nordermole in Pillau

Zentralblatt der Bauverwaltung • 27.1.1883

Fig. 1: Situation der Nordermole in Pillau.

Fig.1: Situation der Nordermole in Pillau.

Der in der Stadt Pillau [Vorhafen von Kaliningrad, dem früheren Königsberg] am Lotsenboothafen errichtete Leuchtturm gibt den innerhalb eines Leuchtkreises von 1520 Seemeilen in See befindlichen Schiffen die Lage des Pillauer Hafens und des davor gelegenen Strandes bei klarem Wetter zwar im Allgemeinen zu erkennen. Nichts destoweniger werden die mit den örtlichen Verhältnissen nicht vertrauten Führer von Schiffen, namentlich wenn letztere tief liegen, bei Nacht in der Regel doch die hohe See halten und zur Einseglung den Morgen abwarten, weil sie dann von Lotsen besetzt werden können, welche die mit der Einfahrt in das Pillauer Seegatt und Seetief selbst schon bei geringerem Seegang bestehenden Gefahren zu vermeiden wissen. Da die in Seenot geratenden Schiffe indessen gezwungen werden können, auch bei Nacht die Einfahrt in den Hafen zu suchen, da ferner auch die Lotsenfahrzeuge oder die mit Lotsen besetzten Schiffe vor dem Seegatt häufig von Nebel, oder im Herbst von der schnell eintretenden Dunkelheit überrascht werden, und dann in Gefahr kommen zu stranden, so hat sich schon längst das Bedürfnis fühlbar gemacht, die am weitesten in die See vorspringenden Teile der Molen möglichst deutlich zu kennzeichnen.

Während des nunmehr vollendeten Baues der Molen – der Norder- und der Südermole (Fig.1) – wurden die äußersten Molenteile durch die in Betrieb befindlichen Rammen und Dampframmen-Gerüste kenntlich gemacht, an deren Stelle nach Beendigung des Baus und Abbruch der Rammen aus einfachen Böcken bestehende Baken traten. Da die Molen aber bei heftigem Seegang unzugänglich sind, und die Baken deshalb nicht allnächtlich erleuchtet werden konnten, auch der steten Gefahr ausgesetzt waren, von den Wellen abgebrochen und weggeführt zu werden, so wurden diese Notanlagen für ungenügend erachtet, und man beschloss den Nordermolenkopf mit einer Leuchtbake zu versehen.

Fig. 2–3: Kopf der Nordermole in Pillau.

Fig.23: Kopf der Nordermole in Pillau.

Bereits im Herbst 1878 war der Pfahlwerksbau dieses Molenkofes im Wesentlichen vollendet und im Jahr 1879 durch Herstellung der endgültigen Gurtungen und durch Nachfüllen der Steinschüttungen zwischen den Pfahlwänden bis zum Mittelwasser vervollständigt worden, wobei dem nachteiligen Einfluss von Auskolkungen vor dem Molenkopfe durch Herstellung von Steinkegeln aus großen Steinen begegnet war (Fig.24). Da die heftigen Stürme einer folgenden Winterperiode nicht vermocht hatten, an dem Bauwerk nachteilige Veränderungen herbeizuführen, so durfte man annehmen, dass die Steinschüttung der Pfahlwerkskonstruktion hinreichend fest gelagert sei, um anstelle der auf dieser Mole vorläufig aufgestellten Bake eine für die Dauer bestimmte tragen zu können. Demgemäß wurde im Spätsommer des Jahres 1880 auf diesem Molenkopf ein eiserner Bakenturm errichtet, welcher 10,2m über Mittelwasser (+12,00a.P.) ein rotes Seefeuer zeigt, dessen Flamme sich in einem Fresnelschen katadioptrischen Apparat V. Ordnung befindet und mit Gas gespeist wird.

Fig. 4: Kopf der Nordermole in Pillau.

Fig.4: Kopf der Nordermole in Pillau.

Als Fundament des Turms sollte ursprünglich die Molenaufmauerung dienen, deren Krone 3,14m über Mittelwasser (+5,54a.P.) liegt, und welche oberhalb der bis etwa zum Mittelwasser reichenden Schüttung großer Steine, aus geschlagenen Granitsteinen in Zementmörtel aufgemauert ist. Da diese Aufmauerung im Jahr 1880 aber nicht bis zum Fundament des Turms ausgedehnt werden konnte, so wurde ein besonderes kegelförmiges Fundament errichtet, wobei Fürsorge zu treffen war, dass bei etwa eintretender einseitiger Senkung dieses Mauerwerks der Turm wieder in die vorschriftsmäßige Stellung gebracht werden kann, was, beiläufig bemerkt, bis jetzt noch nicht notwendig geworden ist. Zu diesem Zweck wurde das Auflager, auf welchem die Bake konstruiert ist, aus Schmiedeeisen hergestellt, und zwar besteht dasselbe aus 8 Stück schmiedeeisernen, strahlenförmig angeordneten Balken in Kastenträgerform, die an einen inneren Kranz von 0,53m Radius angenietet sind.

Im Einzelnen setzt sich die ganze Anlage aus folgenden Teilen zusammen:

Fig. 5–7: Leuchtbake auf der Nordermole in Pillau.

Fig.57: Leuchtbake auf der Nordermole in Pillau.

Der schmiedeeiserne Turm (Fig.57) hat eine runde Grundrissform von etwa 10m² Flächeninhalt, und ist mit 8 Stück 4cm starken Schraubenbolzen an das Fundamentmauerwerk angeschraubt. Die Stiele und Balken sind aus Winkel- und H-Eisen in Verbindung mit Eisenblechen, die Außenhaut sowie die Zwischendecken aus Eisenblech hergestellt. In der Höhe von 5,33m über der Molenkrone (+10,87a.P.) ist auf ausgekragten eisernen Konsolen eine äußere Galerie um den Turm angelegt, deren Fußboden aus durchbrochenen Eisenplatten (Gratings) besteht, und die mit einem einfachen eisernen Geländer versehen ist. Der unter der Laterne befindliche Teil des Turms ist durch eine Zwischendecke in zwei Stockwerke geteilt, welche mit den nötigen runden Fenstern versehen sind und zur Aufbewahrung von Ausrüstungsgegenständen, Putzgeräten und Materialien, nicht aber zum dauernden Aufenthalt für den Feuerwärter dienen. Die Verbindung der Stockwerke untereinander und mit dem Laternenraum erfolgt durch eiserne Leitern.

Die Laterne bildet in ihrem unteren, über der Galerie 1,1m hohen Teil die Fortsetzung des runden Turms mit Ummantelung, und auf dieser setzt sich die achteckige eigentliche Laterne auf, deren Höhe bis zum Gesims 1m beträgt. Die fünf der See zugekehrten Seiten dieser Laterne sind mit 13mm starken Spiegelscheiben versehen, während die drei dem Land zugewendeten Seiten aus Eisenblech bestehen, von denen die eine den Ausgang zur Galerie enthält. Der Durchmesser der Laterne beträgt 2m. Das Gesims der Laterne, welches als Rahmen dient, ist, ebenso wie die äußeren Leisten und Schrauben zum Halten der Spiegelscheiben, aus Messing hergestellt.

Ein Blitzableiter aus Kupferseil mit Platinspitze ist am Turm angebracht und ein 1 cm starker Kupferdraht führt ins Wasser.

Der Fresnelsche Apparat V. Ordnung ist für Gasbeleuchtung eingerichtet, jedoch derart, dass bei Störungen im Gasbetrieb leicht eine Petroleumlampe eingeschaltet werden kann. Durch diesen Apparat wird der Horizont auf 213¾ Grad von S. über W. und N. bis NO.z.N. beleuchtet, derselbe steht auf einer eisernen gedrehten Säule. Das rote Licht wird durch rote Zylinder hergestellt, welche in Goldpurpur gefärbt sind.

Fig. 8–10: Schuppen für die Gasbehälter.

Fig.810: Schuppen für die Gasbehälter.

Behufs Speisung der Flamme mit Fettgas ist folgende Einrichtung getroffen. An der Wurzel der Nordermole (vgl. Situation Fig.1), etwa 1080m von der Leuchtbake entfernt, ist auf hochwasserfreiem Gebiet ein Fachwerkgebäude (Rezipienten-Schuppen, Fig.810), 5×6,5m im Grundriss groß, errichtet, welches die Apparate für die Beleuchtung mittels komprimiertem Fettgas nach der Methode des Patentinhabers Julius Pintsch in Berlin enthält. Diese bestehen aus vier patentgeschweißten Gasbehältern (Gasrezipienten), die auf Rollen im Gestell liegen, nebst Ventilen, der Stellvorrichtung, den Leitungen zu dieser mit dem Manometer, dem Regulator und der nach der Bake führenden Gasrohrleitung.

Mit der Rohrleitung ist immer nur ein Behälter in Verbindung. Sind zwei derselben nahezu entleert, was immer nur für jeden bis auf etwa 0,5m³ Gasinhalt geschehen kann, dann werden sie mittels Rollwagen zum Bahnhof Pillau, und von dort mit der Bahn nach der Fettgasanstalt der Königlichen Ostbahn in Ponarth bei Königsberg befördert. Hier findet die Füllung statt, ohne dass die Behälter von den Eisenbahnwagen genommen werden. Der Inhalt eines Gasbehälters beträgt 1,5m³. Das Gas wird mit 10 Atmosphären Überdruck in die Behälter gepresst, so dass jeder derselben 15m³ Gas enthält, eine Füllung, die durchschnittlich für etwa 14 Tage ausreicht.

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Die eiserne Gasrohrleitung mit den erforderlichen Bleieinsätzen zur Ausgleichung der Temperaturunterschiede liegt von dem Gasbehälter-Schuppen bis zum Strande längs der Mole binnenseitig 1m tief eingegraben, steigt hier am Molenmauerwerk zur Molenkrone, und führt dann auf dieser am Fuß der Brustmauer, mit Sand und einer Zementschicht bedeckt, zum Bakenturm. In der Bakenlaterne wird die Regulierung der Flammengröße mittels eines Hahns ein für alle Mal vorgenommen, während im Gasbehälter-Schuppen an der vor dem Regulator gelegenen Stellvorrichtung, durch einen zweiten Hahn die Flamme klein oder groß gestellt werden kann. Dies ist aus folgenden Gründen notwendig: Die Nordermole ist zwar vom Strand ab mit einer Brustmauer versehen, an der sich ein eisernes Handgeländer befindet, so dass man selbst bei gewöhnlichen Nordstürmen, wenn auch nicht ganz gefahrlos, den Bakenturm erreichen kann. Die Mole ist aber unzugänglich, wenn die Stürme aus Westen wehen, oder überhaupt sehr heftig sind. Es brennt deshalb – weil derartige Stürme häufig ganz plötzlich eintreten – die Flamme im Bakenturm dauernd, und wird durch den Hahn der Stellvorrichtung bei Beginn des Abends hoch, nach Verlauf der Nacht niedrig gestellt.

Der eiserne Turm nebst Zubehör ist von der Danziger Schiffswerft- und Kesselschmiede AG in Strohdeich bei Danzig im Wesentlichen nach eigenen Entwürfen ausgeführt und aufgestellt; den Fresnelschen Apparat mit Zubehör lieferte der Zivilingenieur Veitmeyer in Berlin; die Lieferung und Aufstellung der Gasanlage mit Gasbehältern wurde von dem Patentinhaber Julius Pintsch in Berlin bewirkt.

Wie schon oben bemerkt, liegt die Flamme der Leuchtbake 10,2m über Mittelwasser, wonach sich die Sichtweite von 10,9 Seemeilen bei einer Höhe des Auges des Beobachters von 4m über dem Wasserspiegel ergibt.

Am 1. November 1880 wurde der regelmäßige Betrieb der Leuchtbake begonnen. Trotz einzelner Störungen, die bei neuen Einrichtungen sich ja in der Regel anfangs ergeben, muss die Anlage als gelungen bezeichnet werden.

Schließlich ist noch zu erwähnen, dass die Bedienung der Leuchtbake vom Pillauer Leuchtfeuerwärter, dem noch ein Gehilfe zugeordnet ist, bewirkt wird. Damit dieser sich vom Gasbehälter-Schuppen und vom Leuchtturm aus überzeugen kann, ob die Flamme der Leuchtbake brennt, ist in der Laterne ein kleiner Planspiegel angebracht, der einen Teil des Lichts landwärts wirft, ohne die Ausstrahlung des Lichts nach der See wesentlich zu beeinträchtigen.

• Natus

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