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Die Anlage für künstliche Forellenzucht in Kloster Michaelstein am Harz

Nach einem Vortrag des Baumeisters Brinkmann aus Blankenburg im Hannoverschen Architekten- und Ingenieurverein

Zentralblatt der Bauverwaltung • 10.6.1882

Zur Hebung der Zucht edler Fischarten, der Forelle, des Saibling und des Schmerl in den für diesen Zweck ganz besonders geeigneten Harzbächen fand am 21. September 1880 in Harzburg eine Versammlung von Abgeordneten der Regierungen von Preußen, Braunschweig und Anhalt statt, auf welcher die braunschweigische Regierung auf Betreiben des Kammerpräsidenten Griepenkerl die Herstellung und den Betrieb einer Zentral-Zuchtanstalt auf ihre Kosten übernahm. Für die Erbauung wurde das Kloster Michaelstein gewählt, weil hier klare Kiesbäche (Silberborn) und in diesen alte Fischteiche der Zisterzienser-Mönche vorhanden sind, dann auch, weil hier in dem Amtsrat Dieckmann, welcher bereits seit Jahren eine Zuchtanstalt besitzt, ein sachkundiger Leiter gewonnen werden konnte; diesem ist die Anlage für 1,5 Millionen Eier gegen Verzinsung des Anlagekapitals überlassen.

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Für die Anlage der in erster Linie auf die Bachforellenzucht berechneten Anstalt sind vor allem die Gewohnheiten des Tieres von Einfluss. Die Forelle ist ein Standfisch, dem die stark verunreinigten unteren Läufe der Harzbäche also nicht gefährlich werden. Sie verlangt vollkommen klares, sauerstoffreiches Wasser, in welchem sie einen Standort in engem Revier annimmt; diesen verlässt sie nur zur Laichzeit im Oktober bis Dezember, um welche Zeit sie mit dem reichen Rogen in die oberen Quellenläufe bis zu Höhen von 2000m steigt, um dort in feinen kiesigen Untergrund mit dem Schwänze eine Mulde zu graben, in welche sie 500 bis 1000 Eier legt. Das der weiblichen Forelle folgende Männchen lässt dann die Milch über die Eier fließen, welche nach erfolgter Befruchtung vom Weibchen mit Kies bedeckt werden. Die Eier werden in etwa 70 bis 150 Tagen reif, so dass die jungen Fische zu Beginn des Frühjahrs auskommen; sie nähren sich dann aber noch 2 bis 3 Monate von der ihnen anhaftenden Dotterblase. Die jungen Tiere lieben feinen kiesigen Grund unter flachem Wasser, um sich bei nahender Gefahr verkriechen zu können; auch sind einzelne hinreichend ruhige Stellen im Bach erwünscht, um die Entwickelung des für die spätere Ernährung erforderlichen Gewürms zu befördern. Die Forelle ist kein Raubfisch, nur ganz alte Tiere fressen im Notfall junge Fische. Von den Eiern gehen etwa 90% durch Ungeziefer, Hochwasser und andere Gefahren zugrunde, während in den Brutanstalten sich nur 10% Verlust ergeben. Erst die größeren Tiere suchen sich in den weitern Bächen und Teichen ihren Standort und werden dort brutfähig, wenn sie ein Gewicht von 125 bis 250g erreicht haben.

Die Zuchtanlage besteht in den Teichen für die Laichforelle und dem Bruthause. Da eine Forelle im Durchschnitt 700 Eier mit 10% Verlust gibt, so sind für 1,5 Millionen Eier 2400 weibliche und eben soviel männliche Forellen nötig, für welche 20 Teiche für die verschiedenen Stärken mit 10ha Fläche zum Teil durch Wiederherstellung der alten Klosterteiche, zum Teil durch Neuanlage in dem für diesen Zweck sehr günstigen Terrain erbaut wurden. Die Dämme haben bei 1,5m Kronenbreite 2fache Böschung innen, 1½fache außen, bis zu 6,0m Höhe, und bestehen aus rotem Ton. Die Mönche und Grundgerinne bestehen aus Eichenholz, die Freigerinne aus Stein oder geteertem Nadel- oder Eichenholz. Da, wo die Wasserläufe in die Teiche münden, sind Fangkästen angelegt, welche zum Fangen der Laichforellen dienen. Im Beginn der Laichzeit wird der Spiegel der Teiche so gesenkt, dass im oberen Teil der Bachlauf auf dem Teichgrund frei wird, und die Fische gezwungen sind, beim Aufsteigen in den Fangkasten durch diesen engen Schlauch zu gehen. Durch Streichen unter dem Bauch gewinnt man dann Rogen und Milch von den gefangenen Fischen, welche in Gefäßen gesammelt und durch sanftes Umrühren zur Befruchtung der Eier ohne Wasserzusatz gebracht werden. Die Fische selbst bleiben dabei unverletzt.

Die befruchteten Eier kommen nun in das Bruthaus. Dieses ist nach Besichtigung der Anlagen des Herrn von Börne auf Berneuchen, der Reichsanstalt in Hüningen, des Herrn Eggemann in Bern und des Oberbürgermeister Schuster in Freiburg angelegt. Das Haus ist 19m lang, 4,4m tief und bis zur Decke 2,65m hoch; es besteht aus Fachwerk auf Sandsteinsockel, nur die massive Hinterwand liegt im Erdboden, um Druckhöhe für die Wasserverteilung zu gewinnen. Die mit sechs großen, durch äußere Läden verschließbaren Fenstern versehene Front liegt nach Süden, um Licht und Wärme zu erhalten; für den Winter ist schwache Ofenheizung vorgesehen. Das Wasser kommt durch eine 40m lange Leitung aus den obersten Teichen in sechs Klärbehälter von je 2m² Fläche und 1,5m Tiefe, welche zwecks Reinigung im Boden nach dem Abzugsgraben führende Ventile haben. Aus dem letzten Behälter fließt das Wasser in die Verteilungsrinne mit 23×33cm Querschnitt, welche an der Innenseite der hinteren Gebäudemauer in 1,5m Höhe über dem Boden angebracht ist. Diese Rinne gibt das Wasser an die Brutapparate ab, von denen aus der Abfluss in den Abzugsgraben stattfindet; letzterer ist vor dem Gebäude mit einem Fangkasten für Ungeziefer versehen.

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An Brutapparaten sind zwei Systeme verwendet. Zunächst die kalifornischen Brutkästen aus Blech. Dies sind Kästen von 30×40cm Grundfläche und 18cm Höhe, in halber Höhe durch ein horizontales Sieb geteilt und übrigens so eingerichtet, dass das Wasser von unten nach oben durch dieses Sieb strömen muss. Von diesen Kästen stehen je 14 in zwei Reihen auf Holzgestellen nach der Tiefe des Hauses (mit 70cm Zwischenraum für die Gänge) in treppenförmiger Anordnung mit dem Kopf unter der Verteilungsrinne, so dass das Wasser kaskadenartig durch sieben Kästen fällt, ehe es abfließt, und dabei die auf den Sieben liegenden Eier in steter Bewegung hält. Solcher Gestelle sind 8 vorhanden, welche 114 Kästen tragen, und da jeder Kasten bis zu 8000 Eier fassen kann, so genügen die 8 Gestelle für 896000 Eier. Vor den 3,1m langen Gestellen bleibt an der Front ein 1,3m breiter Gang. Die Abzugsrinne liegt vor den Füßen der Gestelle im Fußboden, welcher aus Sollinger Platten hergestellt ist.

Eine zweite Form der Apparate sind die Bruttröge von 3,1×0,65m Grundfläche und 40cm Höhe mit fünf Abteilungen, deren jede 3 bis 4 Siebe mit Eiern aufnehmen kann. Von diesen sind 8 auf 80cm hohen gemauerten Fundamenten aufgestellt und können noch rund 500000 Eier fassen. Die Tröge können auch für junge Fische benutzt werden. Aus den Trögen fällt das Wasser erst in Tier Fischbehälter und dann in die Abflussrinne.

Die in Brut befindlichen Eier müssen jeden Tag nachgesehen werden, damit die kranken, welche sich durch weiße Farbe von den gelblich-roten gesunden unterscheiden, rechtzeitig entfernt werden. Die jungen Eier bedürfen wegen ihrer großen Empfindlichkeit überhaupt sorgsamer Pflege, doch werden sie 3 bis 4 Wochen vor dem Auskommen, wenn man die Augen des Embryos als zwei schwarze Punkte erkennen kann, sehr dauerhaft, und können so angebrütet weit versendet werden. Die Temperatur ist so einzurichten, dass die Eier erst Anfang Mai auskommen, da sonst die jungen ausgesetzten Fische keine Nahrung finden.

Die Versendung erfolgt in Form angebrüteter Eier, in Form von Sämlingen (mit Dotterblase) oder als Satzforelle (einen Sommer alt). Die Eier werden in feuchte Watte in durchlöcherte Holzkästchen gepackt, von denen mehrere in feuchtem Moos in einer Kiste vereinigt werden, und gehen so in ferne Weltteile. Die Sämlinge und Satzforellen sind schwieriger zu versenden, sie bedürfen auf Federn ruhender Transportkannen, oben mit Sieb für Eis und einem Gummiball zum Einblasen von Luft. In der Regel müssen sie von einem Wärter begleitet und von Zeit zu Zeit mit frischem Wasser versorgt werden.

Nach Beendigung der Brutzeit im Mai wird das Bruthaus bis zum Oktober außer Betrieb gesetzt.

Die Kosten dieser Anlage, welche im letzten Winter zum ersten Mal, und zwar mit vorzüglichem Erfolg in Benutzung genommen ist, haben 14500 Mark betragen.

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