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Die älteste Chauffeuse

Allgemeine Automobil-Zeitung • 14.1.1900

Mrs.Sarah Terry aus Philadelphia hatte vor kurzem ihren 108.Geburtstag. Zur Feier dieses Tages stellte ihr die Pennsylvania Electric Vehicle Company von Philadelphia eines ihrer elektrisch betriebenen Hansoms zu einer Spazierfahrt zur Verfügung. Da waren Erstaunen und Vergnügen auf beiden Seiten, denn die Stadt interessierte sich ebenso für Mrs.Sarah Terry als diese sich für die Stadt. In der Nachbarschaft ihrer Wohnung waren Fenster und Tore mit neugierigen Köpfen besetzt, die das ungewöhnliche Schauspiel mit ansehen wollten, wie die Greisin ohne Unterstützung die Steinstufen hinabstieg und im Automobil Platz nahm.

Der Wagenlenker zeigte ein großes Interesse an seinem Passagier und fuhr bedächtig an, um ihm keine Angst zu machen. »Ganz seltsam und wunderbar«, murmelte die Matrone vor sich hin, offenbar schien sie eine Erinnerung an die gute, alte Zeit zu bewegen. Als das Automobil sich behänd um eine Ecke wandte, machte sie große Augen und drückte sich unwillkürlich etwas fester in den Wagensitz. Dabei verriet sie aber nicht die leiseste Angst. Je rascher das Fahrzeug dahinsauste, umso mehr vergnügen schien ihr die Sache zu machen.

»Ich war eine der Ersten«, sagt Mrs.Terry, »die mit einer Eisenbahn fuhren, und war damals voll des Erstaunens. Aber nie hätte ich gedacht, noch ein so merkwürdiges Vehikel zu erleben. Keine Pferde, keine vor gespannte Lokomotive, nichts, das Ding hat etwas Geisterhaftes. Ich denke, die Pferde müssten vor Eifersucht und Unwillen krank werden, wenn sie sehen, wie man sie allmählich aus ihrem angestammten Dienstbereich hinaus drängt. Als ich jung war, kannte man nur ein ohne Pferde betriebenes Gefährt: die Sänfte. Heute kommt es mir komisch vor, dass sich Leute mit Pferden abplagen, wo es auch ohne diese geht.«

Die alte Dame war in großer Besorgnis um ihr Häubchen, mit dem der Gegenwind unsanft umging. »Ich muss es doch fester umbinden, denn ich möchte doch nicht so zerzaust aussehen«, meinte sie koket. Dann ließ sie mehrmals direkt vor dem Haus ihrer Freunde anhalten, um ihnen ein paar fröhliche Grüße zuzurufen, und kam so von einem Ende der Stadt zum anderen. Schon waren mehr als zwei Stunden verflossen und sie wollte noch immer nichts von einer Heimkehr wissen.

»Ich fühle nicht den Schatten einer Ermüdung«, versicherte sie mehrmals, »was soll ich Besseres mit dem Nachmittag anfangen?«

Mit dieser Behauptung stand das etwas echauffierte Gesicht der Greisin in Widerspruch, und sie gab schließlich nach, dankte dem Wagenlenker für die umsichtige Führung und Betheuerte, es sei dies ihr schönster Geburtstag gewesen. »Und nächstes Jahr, da bin ich 109 Jahre«, sagte sie lächelnd, »nächstes Jahr machen wir wieder eine Fahrt.«

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