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Das Flachsspinnen

Das Pfennig-Magazin • 27.2.1841

Die Kunst des Spinnens, welche der Mensch ursprünglich vielleicht der Spinne abgelernt hat, ist nach den übereinstimmenden Sagen aller alten Völker von einem Frauenzimmer erfunden worden. Nach einer alten Sage hat Naema, Schwester des Jubal und Tubalkain, sie erfunden. Die Ägypter schrieben die Erfindung der Isis, die Chinesen der Gemahlin ihres ersten Kaisers, Yao, die Peruaner der Mamaoella, Gemahlin ihres ersten Inkas Manco-Capac, die Griechen der Pallas oder Minerva, die Lydier der Arachne zu. Der Letzteren Sohn, Kloster, soll die Spindel zum Wollespinnen erfunden haben, ein Werkzeug, dessen schon Homer an mehren Stellen Erwähnung tut, indem die Mutter der Nausikaa mit der Spindel purpurne Wolle gesponnen und Alkandra der Helena einen goldenen Spinnrocken geschenkt haben soll. Auch in den Sprüchen Salomons wird des Rockens und der Spindel gedacht.

Das kleine Handspinnrad, auch sächsisches Spinnrad genannt.

Das Spinnrad mit einer Spule, das gewöhnliche Spinnrad zum Flachsspinnen, soll von dem Steinmetz Jurgens zu Wolfenbüttel um das Jahr 1530 erfunden worden sein; doch wird diese Sage vielfach in Zweifel gezogen. Das Spinnrad mir der doppelten Spule, auch zweispuliges oder Doppelspinnrad genannt, aus welchem man mit beiden Händen zwei Faden zugleich spinnen kann, ist erst im vorigen Jahrhundert erfunden worden, wahrscheinlich aber nicht von dem 1767 gestorbenen Prediger Trefurt zu Riede in der hannoverischen Grafschaft Hohn, welcher gewöhnlich für den Erfinder angesehen wird, sondern schon früher, nach Einigen um 1714 oder 1724, von einem Drechsler zu Niemeck in der Mark. In neuerer Zeit hat das Spinnrad noch mancherlei Verbesserungen erhalten. Die Spindel, welche noch jetzt an manchen Orten in Gebrauch ist, soll vor dem Spinnrad den Vorzug haben, dass sie einen feineren und geschmeidigeren Faden liefert, der sich besser bleichen und färben lässt.

Die erste noch ziemlich unvollkommene Spinnmaschine wurde 1767 von dem Engländer Hargreaves erfunden; sie setzte anfangs nur Spindeln in Bewegung, welche Zahl später bis auf 80 vermehrt wurde. Vollkommener war die von Richard Arkwright (der vorher ein armer Barbier war) um 1774 in Nottingham erfundene Spinnmaschine (Spinnrahmen), welche mittels eines Mühlwerks oder durch Dampf in Bewegung gesetzt wird und eine große Menge wollener oder baumwollener Fäden auf einmal spinnt, ohne dass dabei von Menschenhand etwas Anderes zu geschehen braucht, als das Anlegen des Spinnstoffes und die Anknüpfung derjenigen Faden, welche etwa zufällig gerissen sind. Später sind diese Maschinen in England sehr wesentlich verbessert worden. In Frankreich wurde die erste Spinnmaschine 1787 vorn Minister Calonne eingeführt; in der Schweiz 1798 (zu St.Gallen). In Deutschland hat Österreich wohl die meisten Spinnereien; auch in Sachsen ist dieser Industriezweig in der neuesten Zeit in Aufnahme gekommen.

Auf den bisher erwähnten Spinnmaschinen wurden nur Wolle und Baumwolle versponnen. Die Anwendung von Maschinen zum Flachsspinnen hat lange nicht gelingen wollen, obschon Napoleon am 7. Mai 1810 auf die Erfindung einer hierzu tauglichen Maschine einen Preis von einer Million Francs setzte. Die Schwierigkeit, welche der Flachs dem Spinnen entgegensetzt, liegt hauptsächlich in dem ihm eigenen Harz. Zwar war schon im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts in England eine Flachsmaschinenspinnerei errichtet worden, und der von Napoleon ausgesetzte Preis hatte sehr bald die Erfindung mehrerer Flachsspinnmaschinen zur Folge, die jedoch hinsichtlich der bewirkten Ersparnis nicht eben zweckmäßig und vorteilhaft waren. Erst um das Jahr 1825 wurde in England eine Methode erfunden, den Flachs vor dem Spinnen so zu bereiten, dass er sich ebenso leicht wie Baumwolle und in weit einfacheren Maschinen spinnen lässt, und namentlich hat sich Marshall in Leeds in dieser Hinsicht große Verdienste erworben.

Die Längen-Angaben und andere Maße des Original-Textes wurden in das metrische System umgerechnet.

Seitdem entstanden bald eine Menge Fabriken dieser Art und in den drei vereinigten Königreichen England, Schottland und Irland bestanden schon 1834 nicht weniger als 373, nämlich 178 in England, 170 in Schottland und 25 in Irland. Die meisten finden sich in den nördlichen Grafschaften Englands, und zwar in Leeds allein nicht weniger als 113, von denen eine einzige 2100 Arbeiter beschäftigt. Der Hauptsitz der schottischen Leinenmanufaktur ist Dundee, wo jetzt alles Garn auf Maschinen gesponnen wird. 1811 waren hier erst 4, 1831 schon 31 Spinnereien mit 2470 Arbeitern im Gange, sämtlich durch Dampfkraft bewegt. In Irland, wo die Handspinnerei noch keineswegs verdrängt ist, besaß die Stadt Belfast, der Hauptsitz der irischen Leinenmanufaktur, schon 1835 13 Spinnereien mit 2100 Arbeitern. Die jährliche Produktion an Flachsmaschinen-Gespinst in Großbritannien und Irland beträgt fast mehr als 75000t. Der Gesamtwert der im Vereinigten Königreich produzierten Leinenwaren aber beträgt fast 5 Mill.₤, im Jahr 1800 aber nur etwa 2 Mill.₤. Die früher verhältnismäßig geringe englische Leinenmanufaktur verdankt ihren Aufschwung lediglich der Maschinenspinnerei. Schon jetzt führt England sein Maschinengarn nach Amerika, Frankreich, Belgien, ja selbst nach Deutschland aus und auf den überseeischen Märkten werden die deutschen Leinenwaren immer mehr und mehr von den englischen verdrängt.

In Frankreich wurde 1830 zum ersten Male leinenes Maschinengarn eingeführt, im ersten Jahr nur 2800kg, im Jahr 1831 schon 3200t, im Jahr 1838 wahrscheinlich mehr als 6000t. In Frankreich selbst waren 1839 erst vier große Spinnereien entstanden, vier neue in der Einrichtung begriffen und sechs andere vorbereitet. Noch können die Maschinen nicht in hinreichender Anzahl in Frankreich geliefert werden, und ihre Ausfuhr aus England wird durch das bestehende Ausfuhrverbot erschwert und verteuert; aber in Paris ist ein großes Etablissement zur Erbauung von Flachsspinnmaschinen angelegt worden. Übrigens erforderten bisher die französischen Maschinen eine Spinnerin zu 2836 Spindeln, während in Leeds eine Person 132 Spindeln besorgt. In Belgien hat man erst 1836 mit der Anlegung von mechanischen Flachsspinnereien den Anfang gemacht. In Russland haben Engländer unweit Petersburg, zu Alexandrowski, eine Spinnerei als Musteranstalt für das Reich angelegt, und auch in Polen besteht eine sehr bedeutende Spinnerei.

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In Deutschland ist die mechanische Flachsspinnerei noch in ihrer Kindheit, doch sind bereits an mehreren Orten Etablissements dieser Art im Gange oder in der Einrichtung begriffen, namentlich zu Waldenburg und Freiburg in Schlesien, zu Augsburg und bei Kempten in Bayern, zu Emmendingen in Baden, zu Urach in Württemberg, zu Köln und Herford usw. Die projektierte Flachsspinnerei zu Zittau in Sachsen, für die schon 1837 ein Aktienverein zusammentrat, ist noch nicht ins Leben getreten. In der neuesten Zeit hat ein Deutscher, Namens Droßbach, ein neues System der Flachsmaschinenspinnerei erfunden, das auch in England patentiert worden ist, und in Gmund eine Maschinenbauanstalt, die mit einer kleinen Flachsspinnerei verbunden ist, errichtet. Nach den bisher gemachten Erfahrungen muss als ausgemacht betrachtet werden, dass eine Spinnerei nur bei einer großen Zahl von Spindeln (500 oder mehr) mit Vorteil betrieben werden kann.

Ganz kürzlich hat ein Herr von Orth eine kleine Handflachsspinnmaschine konstruiert, bei welcher die Bewegung durch eine Kurbel hervorgebracht und durch Schnüre und Zahnräder auf die einzelnen Teile fortgepflanzt wird. Bei einem acht Spindeln enthaltenden Exemplar hat sich ergeben, dass täglich neun Stück Garn gesponnen wurden. Da nun an der Maschine zwei Arbeiterinnen beschäftigt waren, von denen die eine das Vorgespinst bereitete, die andere die Kurbel drehte und das Spinnen beaufsichtigte (wozu übrigens keine besondere Kunstfertigkeit erforderlich ist), eine gute und fleißige Handspinnerin aber an einem Tag höchstens zwei Stück liefern kann, so kommen auf eine Person bei Anwendung der gedachten Maschine 2¼ Mal so viel, als beim Spinnen auf dem Rad. Gleichwohl ist die Anwendung dieser Maschine nicht für vorteilhaft zu halten, da das Maschinengespinst teils durch die Kosten der Maschine, teils durch die höheren Kosten des Flachses sehr erheblich verteuert wird. Jene Spinnmaschine für acht Spindeln kostet nämlich nicht weniger als 150 Taler und der Flachs muss für die Maschinenspinnerei weit sorgfältiger als für die gewöhnliche Handspinnerei ausgehechelt sein, wenn das produzierte Gespinst von guter Qualität sein soll.

Abgesehen von dieser letzten unvorteilhaften Maschine gewährt die Maschinenspinnerei vor der Handspinnerei namhafte Vorteile. Sie liefert viel regelmäßigeres Garn und spinnt das Werg ebenso fein als den Flachs selbst; auch geht das Maschinenspinnen ungefähr viermal schneller als das Handspinnen vonstatten. Der Vorzug größerer Wohlfeilheit scheint bei manchen Sorten allerdings noch aus der Seite des Handgespinstes zu sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es mit dem Flachsspinnen auch in Deutschland so gehen, wie mit dem Baumwolle- und Wollespinnen. Der bedeutendste Teil der Leinenproduktion wird dem fabrikmäßigen Betrieb anheimfallen. Freilich kann hierbei die Besorgnis entstehen, dass dadurch viele Menschen ihres bisherigen Verdienstes beraubt werden. Diese wird aber durch den Umstand sehr gemindert, dass wegen der Kostspieligkeit von Maschinenspinnereien aus keinen Fall viele Etablissements dieser Art aus einmal entstehen werden, dass mithin die Handspinner nur allmählich und in geringer Ausdehnung eines Teils ihres Verdienstes beraubt werden dürften. Übrigens besitzt die Hausleinwand Vorzüge, welche durch mechanische Fabrikation schwerlich jemals erreicht werden können, und die gewöhnlichsten sowohl als die feineren Leinengarne dürften auch künftig den Handspinnern vorbehalten bleiben.

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