Feuilleton

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Das Britische Museum in London

Die Woche • 30.1.1909

Aufgangstreppe zum ersten Stockwerk. An den Wänden Skulpturen buddhistischer Kultur.

London – man mag es lieben oder hassen, man mag es verherrlichen oder verdammen, man mag unempfindlich sein für die historische Vergangenheit und für die eigenartige Atmosphäre dieses alten Verkehrs- und Kulturzentrums – nach einer Richtung hin übt es unfehlbar auf alle, die ihm nahekommen, seine Anziehungskraft aus: in den Kunstschätzen, die es beherbergt. Es wird den Fremden, die sich der Besichtigung der Stadt hingeben, nicht so leicht gemacht, die Stätten, die ihr Interesse erregen, und die Schätze, die Jahrhunderte angehäuft, etwa alle beisammen zu finden; Meilen voneinander getrennt sind die St.Pauls Kathedrale und die Westminsterabtei, die Guildhall in der City und das Parlamentsgebäude im Südwesten an der Themse, weit voneinander liegen das South Kensington Museum, die Nationalgalerie, die Wallace Collection, die Tate Gallerie, das Naturhistorische Museum im Westen und das British Museum in Bloomsbury, einst der Stadtteil der vornehmen Welt, heute das Dorado der Boarding-Houses. Aber von allen den anziehenden Stätten bildet das British Museum den eigentlichen Mittelpunkt künstlerischen Interesses in London. Und nicht nur unter den Kunstsammlungen der englischen Metropole nimmt es die erste Stelle ein, es repräsentiert auch eine der herrlichsten, eine der reichsten und kostbarsten Sammlungen der ganzen Welt.

Der heilige Wagen im indischen Raum.

Vor anderthalb Jahrhunderten wurde sie in ihrer heutigen Form, wenn auch in kleinem Umfang, begründet. Eben jetzt, am 15. Januar 1909, wurde der 150. Geburtstag des ›British Museum‹ gefeiert, nicht mit lautem Gepränge und üppigen Festlichkeiten, sondern still und würdevoll, wie es einer »streng praktischen und administrativen Körperschaft«, wie sich die Verwaltung bei dieser Gelegenheit nannte, zukommt. Immer freilich ist man nicht ganz so nüchtern gewesen. Ja, man spekulierte sogar auf den Sportsgeist des britischen Bürgers, auf die Spiellust des Volkes, um dem British Museum zum Leben zu verhelfen; denn einer Lotterie verdankt es seine Entstehung. Es war im Jahr 1753, als der englischen Regierung Gelegenheit geboten wurde, die berühmte Sloane-Sammlung von Münzen, Manuskripten, Büchern und naturhistorischen Merkwürdigkeiten zu erwerben. Mit einem Aufwand von 50000 Pfund Sterling hatte Sir Hans Sloane sie zusammengetragen, für 20000 Pfund Sterling wurde sie, seinem Testament gemäß, der Nation zum Kauf angeboten. Die Regierung konnte sich nicht entschließen, diesen verhältnismäßig kleinen Betrag zur Verfügung zu stellen, unter dem Druck der Agitation aber gab das Parlament seine Einwilligung zu einer Lotterie zum Erwerb jener Sammlung. Die drei Würdenträger, die nach dem Prinzen von Wales die ersten Staatsbürger sind: der Erzbischof von Canterbury, der Lord Chancellor (der Präsident des Hauses der Lords) und der ›Speaker‹ des Unterhauses, stellten sich an die Spitze der Lotterie. 100000 Lose zu je 3 Pfund Sterling wurden verausgabt mit Gewinnen von 10 bis zu 10000 Pfund Sterling. Dadurch gelangte die Nation in den Besitz der Mittel, um die kostbare Sloane-Stiftung zu erwerben. Ja, es verblieb noch ein beträchtlicher Überschuss, so dass gleichzeitig auch die Harlery-Collection wertvoller Manuskripte für 10000 Pfund Sterling angekauft werden konnte. Zur Unterbringung dieser Sammlungen erwarb die Regierung den Montague-Palast in Bloomsbury, das damals nach Norden hin an der Peripherie Londons lag, inmitten üppiger Felder und Gärten. Dahin wurden auch die Schätze der Cottonschen Bibliothek gebracht, die bereits Eigentum der Nation waren, die aber bisher ein so mangelhaftes Unterkommen gefunden hatten, dass ein Teil bereits der Zerstörung anheimgefallen war.

Mit der Überführung dieser drei Sammlungen nach Montague-Haus erwachte das öffentliche Interesse für die Kunstschätze der Nation. Zwar waren die Mittel zur Erweiterung der Sammlungen zunächst nur in geringem Umfang vorhanden, aber reiche und verschiedenartige Geschenke kamen der Verwaltung zu Hilfe. Eine der frühesten und wertvollsten war die Königliche Bibliothek, die ganze Jahrhunderte hindurch von den jeweiligen Inhabern des englischen Thrones angesammelt worden war.

Der große Lesesaal im Britischen Museum.

Inzwischen war die Arbeit des Sichtens, Anordnens und Katalogisierens bewältigt worden, und am 15. Januar 1759 wurden die Schätze dem Publikum zugänglich gemacht. Mit drei Abteilungen wurde das British Museum eröffnet: Druckschriften, Handschriften und naturgeschichtliche Abteilung. Für die Benutzung der Druckschriften richtete man ein Lesezimmer im Kellergeschoss ein und stattete es bescheiden mit einem Tisch und 5 Stühlen aus, die später bis zu zwanzig vermehrt wurden. heute dient diesem Zweck ein großartiger Rundbau, größer als die St.Peters-Kuppel in Rom, 43 Meter im Durchmesser und mit einer Kuppel rund 33 Meter hoch. Für mehr als 400 Personen bietet er Raum, und gegen 250000 Wissensdurstige aus allen Teilen der Welt, für deren Komfort fast verschwenderisch gesorgt ist, finden sich im Durchschnitt alljährlich dort ein, um von·der Weisheit zu schöpfen, die in den vier Millionen Bänden der Bibliothek angehäuft ist. Im Jahre 1905 beanspruchte die Aufbewahrung der Druckwerke ungefähr 68 Kilometer von Regalen; und da jährlich ein Zuwachs von rund 100 000 Büchern stattfindet – ca. 60000 Pflichtexemplare, rund 10000 als Schenkungen und ungefähr 30000 fremdländische Werke, die durch Ankauf erworben werden – so dürfte heute die Ausdehnung schon eine noch größere sein. Die Bibliothek des British Museum gilt als die größte der Welt. Ihr am nächsten kommt die Bibliothèque Nationale in Paris, die aber doch nicht von so gewaltigem Umfang ist wie ihre Nebenbuhlerin an der Themse. An kosmopolitischem Interesse steht diese unvergleichlich da; besitzt sie doch in jeder europäischen Sprache die beste Bibliothek, die außerhalb des betreffenden Landes selbst gefunden werden kann, und in manchen Fällen kann diese Einschränkung sogar fortfallen. Werke von unnennbarem Wert befinden sich unter den Bücherschätzen und auch vielerlei Kuriositäten, wie z.B. das größte Druckwerk der Welt, eine chinesische Enzyklopädie, die aus 5000 Bänden besteht. Mindestens gleichwertig mit den Bücherschätzen ist die Manuskriptabteilung. Da sind die alten historischen Chroniken Englands aufbewahrt; die Privilegurkunden (die ›Charters‹) der angelsächsischen Könige, darunter wahre Wunderwerke der Kalligraphie und Ornamentik, sind wohlerhalten vorhanden; die berühmten Serien der König-Arthur-Sagen sind in der Sammlung und viele andere Hochgenüsse für den historischen Schatzgräber.

Blick in die Bibliothek.

Eine Epoche in der Geschichte der British-Museum-Bibliothek bildete das ›große Reinemachen‹ des Lesesaals im Jahr 1907 schon deshalb, weil es – was wird die deutsche Hausfrau dazu sagen? – das einzige seiner Art war innerhalb 52 Jahren. Da war es nicht zu verwundern, dass die Arbeiten sechs Monate in Anspruch nahmen, und dass allein für die Reinigung des Kuppeldachs vom angesammelten Schmutz 10000 Mark aufgewendet werden mussten.

Die große Halle im ersten Stock mit der Büste Hadrians.

Den meisten Fremden, die das British Museum besuchen, ist von der Bibliothek des Museums weniger bekannt als von den Kunst- und Altertums-Sammlungen, und in der Tat sind diese auch, wie man weiß, unschätzbar. Durch Zuwendungen und Ankäufe wurden sie schon früh vermehrt und erweitert. Zu den wichtigsten Bereicherungen gehört die Schenkung Georgs III. im Jahr 1801, die mit den von Abercromby aus Ägypten gebrachten Schätzen – darunter die berühmte Hieroglyphentafel, ›der Stein von Rosette‹ genannt – den Grund zur Sammlung orientalischer Altertümer bildete; dann folgte im Jahr 1805 die Erwerbung der Townley Marbles, während das Jahr 1816 mit goldenen Lettern in der Geschichte des British Museum verzeichnet steht: es ist das Jahr, in dem die weltberühmten Elgin Marbles, die Überreste der Skulpturen des Phidias vom Parthenon zu Athen, das Eigentum der Nation wurden. Mit einem Aufwand von 70000 Pfund Sterling hatte sie Lord Elgin, damals britischer Gesandter in Konstantinopel, nach England gebracht, und für die Hälfte des Betrags verkaufte er die unschätzbaren Kunstwerke an die englische Regierung.

Das größte Buch der Museumsbibliothek.

Das kleinste Buch der Bibliothek.

Das Montague-Haus wurde für die Aufnahme der Elgin Marbles im Jahre 1816 zwar mit einem Anbau versehen, bald aber erwies es sich als durchaus unzureichend für die stetig sich vermehrenden Besitztümer. Man beschloss, ein eigenes Museum zu bauen, und betraute Sir Robert Smirke damit. Im Jahre 1823 konnte der östliche Flügel bezogen werden, aber erst im Jahre 1857 stand das fertige Gebäude da, wie es sich heute präsentiert, mit der 112 Meter langen Hauptfassade mit 44 ionischen Säulen und mit dem oben beschriebenen Kuppelsaal, der in dem inneren Hof des ein Viereck bildenden Baues errichtet wurde. Mit dem verhältnismäßig geringen Aufwand von drei Millionen Mark war das Gebäude ausgeführt worden, wozu später indessen noch acht Millionen kamen für das Naturgeschichtliche Museum, das in den 1880er Jahren abgezweigt und in einem besonderen Gebäude in South Kensington untergebracht wurde.

• Henriette Jastrow

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