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Das brandenburgische Dorf

Von Robert Mielke

Die Woche • 27.3.1909

Altsächsisches Haus in Mödlich (Langer Wische).

Wie aus einem langen Winterschlaf erwacht seit einigen Jahren das Interesse am deutschen Dorf. Verwundert fragen wir, warum wir so lange teilnahmslos an all den Schönheiten vorübergegangen sind, die in den verschiedenen dörflichen Siedlungen Deutschlands einen künstlerischen Ausdruck gefunden haben. Sind wir am Ende selbst anders geworden? Pocht auf der Höhe einer beispiellosen städtisch-industriellen, aber einseitigen Entwicklung, in die ein Teil unserer Zeitgenossen zu einer glänzenden Höhepunktskultur emporgerissen ist, pocht hier leise und mit logischer Naturnotwendigkeit das sehnsüchtige Verlangen nach Natur, nach schlichten Landfreuden oder gar Landeinsamkeit an der Tür des Zeitgewissens? Fast möchte man glauben, dass eine lebhafte Sehnsucht nach dem Lande die Städter ergriffen hat, dass viele aus der Unruhe städtischer und industrieller Einseitigkeit einer rustikalen Stimmung zustreben wie einstmals, da Rousseaus Schriften zu einer Wandlung führten.

Hof eines märkischen Bauernhauses.

Und heißer ist heute der Kampf zwischen Kultur und Natur als vor hundertfünfzig Jahren, denn mit jedem Sommer verschwindet in der Umgebung einer Großstadt ein Stück mehr aus dem Bestand landschaftlicher Schönheit. Gerade unsere Dörfer sind gefährdet, weil ihre malerische Schönheit zum Teil schon verloren geht, wenn ein einziges ungeeignetes Bauwerk hineingesetzt wird. Wir sehen es ja täglich, wie das ländliche Leben in den Vororten von Berlin in der steinernen Umklammerung der Großstadt erstickt, wie das märkische Dorf immer mehr verschwindet, wo sich der Radius der Millionenstadt in das Land dehnt!

Die Tenne (links der Viehstall).

Gibt es wohl einen Dorftypus, den man als einen brandenburgischen bezeichnen kann? Ja und nein! Je nachdem man die Frage formuliert. Im Allgemeinen schließt sich das märkische Dorf in seinem Grundplan dem ostdeutschen Straßendorf an; im Besonderen aber haben die Eigenart des Landes, geschichtliche Sonderentwicklungen und stammesartliche Einflüsse Abarten geschaffen, die bald stehengeblieben, bald sich zu neuen Formen ergänzt haben. Darin liegt vielleicht der große malerische Reiz der dörflichen Siedlungen um Berlin, dass sie innerhalb eines einzigen Typus eine große Mannigfaltigkeit im Einzelnen zeigen. Von gleicher Herkunft sind die Niederungsdörfer der Lenzer Wische, die Bauerndörfer der Nute-Nieplitz-Gegend, das neumärkische Guts- und das mittelmärkische Angerdorf. Und trotzdem solche Verschiedenheit, die fast an den Abstand zwischen ihnen und dem wendischen Runddorf heranreicht!

Altsächsisches, aber verändertes Haus.

Es ist das Wesentliche bei unseren märkischen Dorfbildern, dass sie nicht mit einem Mal fertig hingesetzt, sondern dass sie in aufeinanderfolgenden Jahrhundertschichtungen langsam gewachsen sind. Oft genug noch steht hinter der heutigen Siedlung ein Stück Urgeschichte, das in den abgerissenen Tönen der dörflichen Überlieferung zu uns spricht, das auch in dem Flurplan, in dem Haustypus oder einer tausendjährigen Bauweise zum Ausdruck kommt. Freilich wird diese Untergrundstimmung um so schwächer, je näher die Dörfer der Großstadt liegen. Da bröckelt von dem Altertümlichen mehr und mehr ab, bis unversehens ein neues Dorf entstanden ist.

Typischer Dorfteich in der Mittelmark.

Vielleicht ist diese Entwicklung in dem Wesen des weitlagig angeordneten Straßendorfes begründet, das sich leicht verjüngen kann, ohne die Anlage zu verändern; vielleicht ist diese, wie es die ältesten Formen mancher alten märkischen Städte anzudeuten scheinen, geradezu die Vorstufe für eine spätere Stadt. Vielleicht?

Altsächsische Bauernhäuser.

In der Entwicklung geht ja alles gesetzmäßig vor, wenn wir die Triebkräfte auch nicht immer zu übersehen vermögen. Indessen gibt es neben ihnen auch Kräfte, die den gar zu heftigen Auftrieb zu hemmen versuchen. Großer als die Einwirkung der Kultur ist die Herrschaft der Natur. Sie äußert sich in dem reichen Wechsel der Landschaftsformen, die Heide und Ackerflächen, Moor und Düne, Wasser und Wald einschließen. Was würde die Provinz Brandenburg ohne Wald – was ohne Wasser sein? Sicher ein gut angebautes, vielleicht auch ertragreicheres Landgebiet, das ein farmenhafter Landwirtschaftsbetrieb ziemlich einförmig gestaltet hätte, das aber keinesfalls die reiche Vielfarbigkeit in den Dorfformen hervorgebracht hätte.

Typisches bäuerliches Wohnhaus.

Die planmäßige Anlage, die ein Ergebnis der deutschen Kolonisation ist, ist leicht erkennbar. In zwei langen Doppellinien sind die Gehöfte zur Seite der breiten Dorfstraße oder des platzartig erweiterten Angers angeordnet. Keine oder nur vereinzelte Wege durchbrechen dieses embryonale Straßensystem, das aber in der äußeren Geschlossenheit die Bedeutung des Dorfangers sichtbar macht. Hier wurde einst gerichtet, hier gefeiert, wenn uralte Freiluftspiele die Jungmannschaft vereinte; auf ihm versammelten sich die Einwohner in Kriegs- und Brandnöten. Der Anger ist das Herz des Dorfes, im inneren Leben wie in der äußeren Gestalt, die durch mächtige Linden, Eichen oder Kastanien ausdrucksvoll betont ist.

Alter Herd, sogenannter Schwibbogen.

Das ist die Grundform des märkischen Dorfes. Wenn wir in die Elbniederungen kommen, in denen die Frühjahrsgewässer in jedem Jahr erneut gegen die Riesendeiche branden, dann haben wir das unveränderte Bild eines Marschendorfes mit seinem Grabensystem, seinen Zwischendeichen, mit seinen grünen, saftigen Viehweiden vor Augen. Selbst die altsächsischen Gehöfte mit ihren Dielen und offenen Herden, mit der Anordnung von Wohngelaß, Tenne und Stall unter dem gleichen First fehlen nicht, die wir im hannoverschen und den unteren Elbmarschen zu sehen gewohnt sind. In einer Länge von zehn Kilometern liegen hier hinter haushohen – auch landschaftlich sehr reizvollen – Elbdeichen die Höfe aneinandergereiht, von Lenzen, wo im Jahr 929 eine blutige Wendenschlacht stattfand, bis nach Dömitz, in dessen Mauern Fritz Reuter einst gefangen saß.

Dorfanger in Aurith (Kreis Sternberg).

Mehr als diese Marschendörfer tritt die Heidestimmung unserer märkischen Dörfer in den verbreiteteren Straßen- und Angerdörfern zutage. In dem grünen, baumüberwölbten Anger und dem Dorfpfuhl mit seiner munteren Tierwelt, in dem sich – falls nicht die seit etwa vierzig Jahren bei uns schmarotzende Wasserpest das Wasser verhüllt – oft genug das altersgraue Gemäuer der Dorfkirche spiegelt, hat das märkische Dorf seine charakteristische, aber auch intimste Stimmung. Wo die Kirche sich noch aus Askaniertagen aufreckt, haben die einheimischen Granitgeschiebe die Mauern gebildet; wo der Krieg diese oft genug letzte Zuflucht der Bevölkerung vernichtet hat, ist sie in dem leichteren Fachwerk gezimmert, das besonders nach dem Dreißigjährigen Krieg landesüblich wurde. Auch sein wetterfestes Gebälk hat schon die Zeit getönt, aber die leuchtenden Mörtelgefache, die immer wieder getüncht worden sind, lassen das Holzwerk erst zur plastischen Wirkung kommen, genau wie am Bauernhaus, das gleichfalls aus Fachwerk errichtet ist.

Der Dorfbackofen.

Nachdenklich betrachten wir die Gräber an der Kirche: Seit achthundert Jahren schlummern hier die Bewohner; namenlos sind sie für die meisten der heutigen Einwohner ins Grab gesunken; auch diese werden dahingehen. Und doch steht an der Kirche ein Zeugnis, dass die Überlieferung nicht stirbt, dass sie mächtiger ist als die Zeit, mächtiger als bewusstes menschliches Wollen. Ein unscheinbares Bäumchen lehrt uns dies, das· an keiner märkischen Kirche fehlt: der Holunder. Seine mythische Bedeutung geht in die älteste Vorzeit zurück; ohne dass sein Ansehen durch das Christentum geschwächt ist, hat sie die Jahrtausende überdauert. Man erkennt hier an diesem Beispiel, dass zwischen den Gräbern Schatten schweben, für die in der Kirche kein Platz ist. Freilich verflüchten sie sich, wenn eine neue Zeit ins Dorf zieht. Wer aber das Murmeln der Wellen im See oder das Geflüster der alten Dorflinde zu deuten weiß, dem künden sie mancherlei, was einstmals war. Am längsten haften diese Überlieferungen in den Walddörfern, in die der Schritt einer neuen Zeit nicht so laut dringt.

Der Ziehbrunnen.

Der Wald gibt dem märkischen Dorf Stimmung; er lugt mit seinen Ausläufern in die Siedelung hinein, oder er umgürtet mit seinen dunklen Massen ganze Siedlungen. Diese Baumstimmung dringt sogar in die Gehöfte, die nicht selten von stattlichen Laubbäumen beschattet sind. Gar freundlich blickt die Giebelwand des hohen Wohnhauses, das die eine Seite des Hofes abschließt, in die Straße. Ein kleines Gärtchen liegt oft davor, in dem eine eigenartige Bauernflora blüht. Dem Wohnhaus gegenübersteht das Stallgebäude; die Scheune, an deren Seite der mächtige Balken des Püttbrunnens (Abb.) sichtbar wird, schließt die Gefreite nach rückwärts, ein Bretter- oder Stangenzaun, in wendischen Gegenden ein mächtiges Torhaus aus Blockbalken, nach der Straße hin ab.

Alte Granitkirche.

Ein schönes Bild bietet das märkische Dorf den Augen, die künstlerisch zu sehen vermögen. Nicht in dem Sinn des süddeutschen Dorfes mit seinen malerischen Häusern, sondern im schlichten Anschluss an die Eigenart der Landschaft ist dieses Bild entstanden. Ob es noch lange bestehen wird? Was ihm die Neuzeit hinzugefügt hat, ist nicht immer zu seinem Vorteil gewesen; aber das eine ist auch dabei klar geworden: das Beste wird dem märkischen Dorf genommen, wenn es seine heimatliche Art, seine Schlichtheit, seine Bäume und seine Anpassung an die landschaftlichen Verhältnisse verliert. Man kommt allmählich wieder zur Erkenntnis, dass für jedes Haus dessen natürliche Umgebung allein maßgebend ist und bleiben muss.

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