Feuilleton

Berliner Bilder

Das Café Bauer

Illustrirte Zeitung • 13.4.1878

Seitdem zu Beginn des verflossenen Winters das vielgenannte Café Bauer dem Publikum seine gastlichen Pforten geöffnet hat, darf Berlin sich des Besitzes eines öffentlichen Etablissements rühmen, wie es, seiner ganzen Anlage und Ausführung nach das Maß des Gewöhnlichen weit überragend, in gleicher Art in keiner andern Hauptstadt gefunden wird. Samt dem Umbau des Hauses, dessen hervorragendster Teil ihm eingeräumt wurde, schon längst geplant und in Angriff genommen, in seiner Vollendung jedoch durch die mannigfachsten Hindernisse verzögert, ist es- ein letztes, nachgeborenes Kind jener Jahre hochgehender Spekulation, die so bald einer allgemeine Ernüchterung Platz gemacht haben. Je langsamer es sich aber zu der ihm zugedachten glanzvollen Gestalt entwickelte, um endlich zu einer Zeit ins Leben zu treten, in der nur wenige sich der dargebotenen, reich entfalteten Pracht ohne geheimes Bedenken erfreuen mochten, desto heiterer scheint ihm nun das Glück zu lächeln und die Stimmen der Zweifler zuschanden zu machen, die dem kühn gewagten Unternehmen ein baldiges trauriges Ende weissagten.

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Gleich einer ansehnlichen Reihe seiner bemerkenswertesten neueren Bauten verdankt Berlin auch diese jüngste, der allgemeinsten Beachtung vollauf würdige Schöpfung dem fruchtbaren künstlerischen Talent der Baumeister Ende und Böckmann. An der Ecke der Linden und der Friedrichstraße, der bekannten Kranzlerschen Konditorei gegenüber, erhebt sich an Stelle des unscheinbaren Hauses, in welchem vor Jahren der Nationalökonom Prince-Smith wohnte und wirkte, das von ihnen errichtete, zu stattlicher Höhe emporsteigende Gebäude, das, in sämtlichen Stockwerken von vergoldeten, in lustigem Rankenwerk sich auswärts schwingenden Ballongittern umsäumt, von schlanken Giebeln und einem steil aufstrebenden Eckpavillon bekrönt wird. In fröhlichem Glanz aus seiner Umgebung keck hervorleuchtend, entspricht es in dieser seiner äußeren Erscheinung vortrefflich dem Charakter und der Bestimmung des imposanten, mit vollendeter Eleganz hergerichteten Etablissements, das die gesamte erste Etage und den größten Teil des Erdgeschosses für sich in Anspruch genommen und in diesem umfangreichen Raum den leitenden Architekten und den von ihnen zur Mitwirkung herangezogenen Künstlern und Kunsthandwerkern ein ergiebiges Feld zur Betätigung ihres besten Könnens dargeboten hat.

An der den Linden zugekehrten Front des Hauses tritt man durch dessen Portal unmittelbar von der Straße her in ein kleines Vestibül, aus dem eine breite Stiege durch ein mit leuchtendem Stuckmarmor ausgekleidetes, von einem reich ornamentierten Tonnengewölbe überdecktes Treppenhaus zu den oberen Zimmern und Sälen emporführt, während sich linker Hand der Eingang in den zu ebener Erde gelegenen Hauptraum des Cafés befindet. Der letztere besteht aus einem weiten, tief in den früheren Hof des Grundstücks hineingeschobenen Saal, der sich in kolossalen, in die Tiefe versenkbaren Spiegelscheiben nach der Straße hin öffnet, an der entgegengesetzten Seite aber, an der er durch eine kleine Treppenanlage mit dem oberen Stockwerk in Verbindung steht, durch ein meisterhaft aufgebautes mit Bronzestatuetten und hohen japanischen Vasen dekoriertes Büfett seinen Abschluss findet. Zwei Reihen von je sechs Säulen, deren blanke schwarz gestreifte Messingschäfte aus fantastisch geformten, rings mit Armleuchtern besetzten bronzierten Füßen emporwachsen, die wieder auf vierseitigen, in imitierter Intarsia gearbeiteten Postamenten ruhen, teilen diesen Raum seiner Länge nach in drei Schiffe und tragen auf breit ausladenden, originell gestalteten Kapitälen die über ihn hingespannte Balkendecke, die in ihren vertieften Feldern das graziöseste auf feintönigem blauem Grund goldig schimmernde Ornament aufweist.

Über dem hinteren Teil des Saals ist in diesem Plafond ein mächtiges Rechten ausgespart, das, von einer ringsum laufenden, mit reizvollen, metallisch glänzenden Reliefs geschmückten Brüstung eingefasst und in der Deckenhöhe der ersten Etage durch ein Oberlichtfenster, an den vier Seitenwänden durch starke Spiegelscheiben geschlossen, nicht nur für beide Stockwerke eine reichliche Lichtzuführung vermittelt, sondern zugleich auch deren enge Zusammengehörigkeit eben so bestimmt zum Ausdruck bringt, wie dies anderseits die oben und unten in ihren Hauptzügen sich gleichbleibende innere Ausstattung tut. Wie in den unteren Räumen, so erscheinen auch in den oberen die Wände durchweg mit hohen Paneelen bekleidet, die auf schwarzgebeiztem Grund zierliche lichtgelbe Intarsiamuster zeigen; wie dort so wird auch hier die in einem matten Silberton schimmernde Decke von zwölf schlanken Säulen getragen, deren Sockel in ihrer Dekoration dem Holzgetäfel der Wände entsprechen und in diese prächtige architektonische Umrahmung sind endlich in sämtlichen Räumen dieselben in ununterbrochener Reihe längs der Wände fortlaufenden Diwans, deren strumpfblauer Veloursbezug von breiten, rötlich-braunen Streifen geteilt wird, dieselben tieffarbigen, durch ihren satten Ton dem Auge wohltuenden Portieren und dieselben geschmackvollen Armleuchter und Lüster eingefügt, deren irisierendes Glas das reizendste Farbenspiel entfaltet. Wie aber in allen Details in dem unteren Saal eine große Üppigkeit herrscht, so tritt in ihm auch an die Stelle der stilvoll gemusterten Tapeten der oberen Zimmer ein noch vornehmerer Wandschmuck, eine Doppelreihe von Gemälden, die sich über beide Langseiten des mächtigen Raums ausdehnen und an dem Beschauer festlich strahlende Bilder eines heiteren Lebensgenusses vorüberziehen lässt.

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In diese malerische Aufgabe haben sich A.v.Werner und Chr.Wilberg derartig geteilt, dass der erstere die vordere, der letztere die hintere Hälfte des Saals übernahm, in deren Mitte, unterhalb des großen Deckenausschnitts, eine aus farbigen Majoliken aufgebaute Fontaine ihre lichtdurchschimmerten Wasserstrahlen in ein flaches Becken niederrieseln lässt. In fantasievoll erdachten und mit dem oft bewährten dekorativen Talent ihres Urhebers ausgeführten landschaftlichen Kompositionen, die sich aus stattlichen Palästen, aus schattigen Parkanlagen, aus verschwenderisch mit Marmor- und Bronzestatuen besetzten Terrassen und aus weiten, sonnigen Fernen zusammensetzen, schildern hier je drei Darstellungen auf jeder der beiden Wandflächen die versunkene Pracht der römischen Kaiserzeit, der auch A.v.Werner die Motive seiner trotz des geringeren Umfangs doch noch weit wirkungsvolleren, in der originellen Auffassung wie in der geschlossenen malerischen Haltung in gleichem Grad interessanten Bilder entnahm. Ihm boten sich auf jeder Wand je zwei breitere, ein schmaleres Mittelfeld zwischen sich einfassende Flächen dar, für die er ebenso viele charakteristische Szenen altrömischen Lebens Komponierte, während er zwischen diesen Hauptbildern in architektonisch umrahmten Nischen die sitzenden Gestalten des Horaz und des Ovid, der gefeierten Sänger des Weins und der Liebe, einfügte. Auf der dem ersteren zugewiesenen Seite versinnlicht eine Gesellschaft schmausender Männer und eine andere, die nach beendeter Mahlzeit dem Tanz eines jugendlichen Paars zuschaut, die Freuden der Tafel; auf der andern Seite blickt man links in das Innere eines von Gästen erfüllten Männerbads, rechts auf eine Terrasse, aus der eine Gruppe römischer Frauen dem Lied des zur Leier singenden Dichters lauscht.

Schon die Namen der ebengenannten Meister beweisen, dass zur Ausschmückung des in seiner Art einzig dastehenden Etablissements die gediegensten Kräfte aufgeboten wurden, über die Berlin auf dem Gebiet der dekorativen Kunst verfügt, und der glückliche Erfolg dieses Beginnens zeigt, wie richtig man hierbei gerechnet hat. Weit entfernt, nur eine vorübergehend angestaunte Sehenswürdigkeit zu bleiben, hat sich das Café Bauer im Flug die dauernde Gunst der weitesten Kreise der Berliner Gesellschaft erobert, so dass seine Räume zu jeder Tages- und kaum minder zu jeder Nachtzeit von regem Leben erfüllt sind. Es kann kein Zweifel darüber sein, dass hierfür der vornehmste Dank der Kunst gebührt, die diese Hallen mit ihren lockendsten Gaben zierte; mit ungeteilter Anerkennung aber ist daneben auch der vortrefflichen Leitung des Unternehmens, die in den Händen der Herren Bauer und Hendner ruht, zu gedenken. Sie wissen den anspruchsvollen Bedürfnissen eines hauptstädtischen Publikums in jeder Hinsicht mit außergewöhnlicher Umsicht zu genügen und sowohl denen den Aufenthalt angenehm zu gestalten, die nur eine kurze Rast und Erfrischung suchen, wie auch diejenigen an sich zu fesseln, die an den mit den Zeitungen und Zeitschriften der gesamten zivilisierten Welt bedeckten Lesetischen der oberen Räume eine täglich erneute Befriedigung finden.

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