Bau & Architektur

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Von der Baustätte des Berliner Aquariums

Die Gartenlaube • 1868

Es war einmal ein durstig Jahr,
Da also groß die Hitze war,
Dass auf dem Kreuzberg frank und frei
Die Hühner krochen aus dem Ei.
Da rief die Menschheit angstgeschwellt:
»Das ist der Untergang der Welt!«

Doch Doktor Brehm sprach voll Vertrauen:
»Auf, lasst uns eine Arche bauen,
Darin wir sammeln jedenfalls
Die Meere all’ des Erdenballs,
Dazu die Flüsse süß und rein,
Dann wird es kühl im Kasten sein.«

Dieses erste Berliner Aquarium lag an der Straße ›Unter den Linden‹ ist nicht identisch mit dem heutigen Bau an der Budapester Straße.

Nun macht er an die Arbeit sich,
Baut eine Arche säuberlich
Aus Felsen, Kalk und Ziegelstein,
Macht Grotten kühl und Keller d’rein,
Baut helle Gläser rings herum
Und nennt das Ding – Aquarium.

Mit diesen Worten begrüßte Rudolph Löwenstein vor wenigen Wochen das ›Berliner Aquarium‹, dessen Eröffnung binnen kurzem bevorsteht. Berlin besitzt bekanntlich den ältesten Tiergarten Deutschlands, einen der ältesten Europas; derselbe ist jedoch trotz des lieblichen Parkes, in welchem er sich befindet, trotz der erheblichen Beisteuer, die er vonseiten der Regierung erhält, und trotz der volkreichen Stadt mit ihren zahlreichen Fremden, welche naturgemäß als steuerpflichtig betrachtet werden müssen, im Verlaufe der Jahre derartig in Verfall geraten, dass er zurzeit von jedem anderen deutschen zoologischen Garten in Schatten gestellt wird. Unter diesen Umständen erschien es nicht allein tunlich, sondern sogar geboten, in der Hauptstadt Norddeutschlands eine Anstalt ins Leben zu rufen, welche ihr unzweifelhaft zur Zierde gereichen und den Tiergarten wesentlich ergänzen wird.

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Der Gedanke, in Berlin ein Aquarium anzulegen, wurde gleichzeitig von verschiedenen Seiten gefasst und ins Werk zu setzen gesucht; es gelang jedoch erst der gegenwärtig bestehenden Gesellschaft, den Plan zu verwirklichen. Während des Winters von 1866 zu 1867 traten, zunächst auf Anregung des Kaufmanns E. Stahlschmidt, Justizrat Dr. Hinschius, Bankier Rauff, Geheimrat Tuchen, Kaufmann Eichborn und Hans Wachenhusen (welcher später nach seinem Austritt durch Professor Schultz-Schultzenstein ersetzt wurde) zu einem Ausschuss zusammen, beriefen F. von Stückradt und mich zu ›persönlich haftenden Gesellschaftern‹ und forderten im April des Jahres 1867 zur Teilnahme an dem allseitig mit Beifall begrüßten Unternehmen auf. Beinahe hätte die Luxemburger Frage, welche wenige Tage nach dem öffentlichen Hervortreten der Pläne des Ausschusses den politischen Himmel verdüsterte, das Unternehmen im Keim erstickt; es wandte sich jedoch demselben sofort wieder die allgemeinste Teilnahme zu, nachdem sich das drohende Unwetter verzogen hat, und schon im Juli konnte die erste Generalversammlung berufen und die Gesellschaft ›Berliner Aquarium‹ gebildet werden. Ein in günstigster Lage, dem Mittelpunkte des Verkehrs, unter den Linden gelegenes Grundstück wurde erworben, wenige Tage darauf mit dem Niederreißen verschiedener Hintergebäude begonnen, in den letzten Tagen des September vorigen Jahres der erste Stein gelegt und der Bau, ungeachtet des höchst ungünstigen Grundes und anderer Hemmnisse, so rüstig weiter geführt, dass am 27. August 1868 unter Teilnahme der Vertreter der Presse und aller beim Bau Beteiligten das Richtfest desselben gefeiert werden konnte.

Berliner Aquarium

Bei den See-Becken des Berliner Aquariums.
Originalzeichnung von A. Schaal.

Der Entwurf des gesamten Bauwerkes und aller Einzelheiten rührt von dem ebenso strebsamen als begabten W. Lüer in Hannover her, welcher sich beim Bau des dortigen Aquariums und der Gebäude des Zoologischen Gartens die nötigen Erfahrungen erworben und früher schon in dem Maurermeister Seyfarth aus Kassel einen verständigen und bereitwilligen Werkmeister herangebildet hatte. Die Maurergesellen, welche bestimmt waren, die Grottenarbeiten auszuführen, wurden vom Harz verschrieben und an Ort und Stelle noch besonders über Schichtung und Lagerung der verschiedenen Gesteinsarten unterwiesen. Auch die Letzteren mussten von fern hergeholt werden, da die Mark außer Findlingsblöcken und Kalksteinen wenig oder nichts bieten konnte. Die meisten Steine lieferte der Harz, andere der Deister, die Tropfsteine der Thüringerwald, Grünsteine und Marmor das Erzgebirge, Basalt das Siebengebirge, versteinertes Holz und Ähnliches die Kohlengruben bei Halle etc. An die Technik wurden vielfache und teilweise höchst schwierige Aufgaben gestellt, zur Lösung derselben aber in Berlin alle nötigen Kräfte gefunden.

Das Berliner Aquarium erhebt sich auf einem Raum von gut 1300m² in drei Geschossen übereinander. Als Aquarium im strengsten Sinne des Wortes ist es nicht, richtiger vielmehr als Vivarium zu bezeichnen oder, wenn man sonst will, ein Tiergarten unter Dach und Fach zu nennen, weil es, wie bereits bemerkt, allen Klassen des Tierreichs Herberge gewähren soll. Das obere Geschoss ist bestimmt, Säugetieren, Vögeln, Kriechtieren und Lurchen zur Wohnung zu dienen; das Erdgeschoss wird einzelne Wassersäuger und die Tierwelt des Meeres aufnehmen; das Kellergeschoss enthält die Lagerräume für das Seewasser, die Maschinen und Pumpen zur Bewegung desselben, die Heizungsvorkehrungen und die Kellereien.

Von den Linden aus betritt der Beschauer, nachdem er einen längeren, entsprechend verzierten Korridor durchschritten hat, eine breite Treppe, welche zu den oberen Räumen empor an der Kasse vorüberführt, und gelangt sodann in die erste Galerie, die zu beiden Seiten Käfige mit Krokodilen, Schuppenechsen der verschiedensten Art und Schlangen enthält. Wie im ganzen Aquarium ist auch hier die Einrichtung getroffen, dass man von einem dunklen Raume aus in die hell erleuchteten Käfige sieht.

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Hieraus ergibt sich ein doppelter Vorteil: Man nimmt jedes Tier in der günstigsten Beleuchtung wahr, und das Tier fühlt sich, weil es ihm schwer oder unmöglich ist, aus dem Hellen ins Dunkle zu sehen, durch die Besucher wenig oder nicht gestört. Alle Käfige sind gegen den Beschauer hin durch Spiegelscheiben abgeschlossen, stark genug, um auch etwaigen Fluchtversuchen eines Krokodils oder der kräftigsten Riesenschlange die Spitze zu bieten. Durch diese Einrichtung ist die Möglichkeit gegeben, in unmittelbarster Nähe und ohne das sonst so allgemeine Schaudern zu empfinden, selbst mit den fürchterlichsten Giftschlangen verkehren zu dürfen und sich auch mit der Schönheit dieser Tiere befreunden zu können. Die erste Galerie wird durch einen Hochkäfig begrenzt, welcher eine tiefe, anscheinend vom Wasser ausgewaschene Schlucht darstellt, deren Wandungen die hauptsächlichsten Schichten der Erdrinde zur Schau bringen, und welche in der Tiefe durch schwere, massige, aber pflanzenfressende Landschildkröten belebt werden soll, während die Höhe von dem leichten Volk der Lüfte in Besitz genommen wird. Einige Stufen führen in einen tiefen Raum hinab und gleichsam aus der tropischen Wüste in den tropischen Urwald; denn während man bisher hauptsächlich Tiere der dürren Öde vor sich sah, steht man hier vor einem prachtvollen, in fünfzehn Abteilungen zerfällten Gesellschaftskäfig von vierundvierzig Fuß Durchmesser und achtundzwanzig Fuß Höhe, welcher das bunt gefiederte Heer der Vögel aller Wendekreisländer zur Anschauung bringen wird. Einzelne Becken, Nischen, Käfige und anderweitige Behälter werden verschiedenen umsichtig ausgewählten Säugetieren, Lurchen, Fischen und anderen Süßwassertieren zur Behausung dienen. Ein größeres Becken oder, richtiger, ein kleiner Teich mit schwimmenden Blattpflanzen und grün berankten Wänden ist für die Süßwasserschildkröten hergerichtet worden. An diesen Mittelraum reiht sich ein Grottengang an, in welchem einerseits die Käfige kleiner Sumpf- und Wasservögel, andererseits die Becken für Lurche, Süßwasserfische, Süßwasserkerbtiere und dergleichen sich befinden. Von diesem Gang aus betritt man die aus dem Felsen gehauene große Verbindungstreppe, zu deren Seite Behälter angebracht sind, in denen jedermann, welcher für die hochwichtige Angelegenheit Teilnahme besitzt, die künstliche Fischzucht studieren kann. In einem größeren Teich, aus dem sich Felsen erheben, soll zunächst ein Seehund oder Fischotter, später ein Biberpaar Herberge finden.

Nunmehr gelangt man in das eigentliche Seeaquarium und, nachdem man an einigen Behältern vorübergegangen, zum Standpunkt des Malers unserer Abbildung. Auch diese Becken bringen die Tiere und Pflanzen verschiedener Meere zur Schau, und die einzelnen Meere und Meeresteile sind gekennzeichnet durch die betreffenden Tiere und Pflanzen; wie denn überhaupt so viel als nur möglich der Grundsatz zur Geltung gebracht werden wird, die Natur in Kleinbildern nachzuahmen. An die Nordsee reiht sich das Becken der Ostsee an, ungeachtet der Tierarmut dieses Gewässers das größte von allen, ein Behälter, dessen Wasserinhalt dem gesamten des Hamburger Aquarium mindestens gleichkommt. Den Mittelraum der allseitig gewaltigen, untermeerischen Grotte nimmt das Becken ein, welches dem atlantischen Meere als Gesamtheit entspricht, während andere Hoch- und Tiefbecken einzelne Gegenden und Buchten desselben Weltmeeres vertreten und unter anderem auch große Seeschildkröten zur Schau bringen sollen. Von hier aus wendet man sich dem letzten Teil zu, welcher mit Tieren des Mittelmeeres bevölkert werden wird, kommt bis zu einer getreuen Nachbildung der blauen Grotte von Capri und steht vor dem Ausgange, welcher in der Schadowstraße mündet.

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Alle Pfeiler-, Gewölbe- und Wandverkleidungen des Erdgeschosses sind aus natürlichem Gestein hergestellt und künstliche Nachbildungen desselben so viel als möglich vermieden worden, weil keine Kunst imstande, das natürliche Leben des Gesteins in Form und Farbe auch nur annähernd richtig wiederzugeben, und gerade hierdurch überrascht das Berliner Aquarium jeden, welcher es betritt, weil er sich wirklich und wahrhaftig in eine durch freundliche Hilfe des Meergottes ausgewaschene, untermeerische Grotte versetzt glaubt.

Das Berliner Aquarium ist zehnmal größer, d.h. räumlicher, als das zu Hannover, zwölfmal größer als das zu Hamburg bestehende und gegenwärtig das großartigste der Erde. Siebenhundertfünfzig Personen können gleichzeitig in erster Reihe, zwölf- bis dreizehnhundert überhaupt zu gleicher Zeit ihre Schaulust befriedigen, ohne sich gegenseitig zu behindern. Dem Gedränge ist dadurch vorgebeugt worden, dass der Beschauer immer vorwärtsgeht, niemals zurückkehrt; zudem sind alle Gänge für das Publikum in einer Breite von drei Metern angelegt worden, welche auch einem sehr starken Andrange genügt.

So viel zunächst über den Bau als solchen; die einzelnen Abteilungen und ihre Bewohner müssen späterer Schilderung vorbehalten bleiben.

• Brehm

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