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Automatischer Billetverkauf

Verkehrstechnische Woche • 8.5.1909

Ein dem Verkauf von Postwertzeichen gleich mechanischer Vorgang ist die Verausgabung von Billetts, die stets auf denselben Betrag lauten, gleichviel ob sie für Straßenbahnen, Stadtbahnen oder Einlasszwecke irgendwelcher Art verausgabt werden. Der Wunsch, auch diese mechanische Arbeit durch Maschinen verrichten zu lassen, ist ebenso alt wie die Versuche des automatischen Postwertzeichen-Verkaufs. Wenn der automatische Billettverkauf bereits weiter vorgeschritten erscheint, wie der automatische Briefmarken-Verkauf vor der Erfindung des Abelschen Postwertzeichenautomaten, so liegt dies an der Beschaffenheit des Billetts, das eine greifbarere Form aufweist wie die Briefmarke. Wenn der Stand des automatischen Billettverkaufes nur als scheinbar weiter vorgeschritten bezeichnet wird, so geschieht dies mit Bedacht, denn tatsächlich konnte man vor Erfindung des Abelschen Postwertzeichenautomaten Billetts automatisch nur verkaufen, wenn man sie aus sehr fester, 0,70,9mm starker Pappe herstellte, also aus Pappstücken, die aufeinandergeschichtet im Automaten in einem oder mehreren Schächten untergebracht sein mussten und einzeln von oben oder unten abgestrichen wurden.

Alle diese Stapel-Automaten können nur eine geringe Anzahl Karten aufnehmen, weil sonst der unter den Karten befindliche Abstreifer durch das Gewicht der Karten zu stark belastet wird. Bei einem Apparat mit aufsteigendem Stapel, der Karten von oben abstreift und verausgabt, wird der Stapel nur bei der verschieden starken Belastung ungleichmäßig stark nach oben gedrückt; die Karten werden infolgedessen entweder gar nicht oder in verletztem Zustande verausgabt. So erklärt sich das fortgesetzte Versagen aller derart oder ähnlich konstruierten Automaten, die, abgesehen von den Fehlern ihrer Konstruktion, auch noch mit elementaren Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die bei diesem Prinzip des automatischen Verkaufes kaum zu beseitigen sein werden, denn die aus starker Pappe bestehenden aufeinandergeschichteten Billetts verändern ihr Volumen bei feuchtem Wetter durch Aufnahme von Feuchtigkeit so erheblich, dass der Apparat auch hierdurch in seinen Funktionen gestört wird. Die Billetts aus starker Pappe sind auf beiden Seiten mit Papier beklebt. Infolge von Feuchtigkeits-Aufnahme trägt auch der Klebestoff zur Veränderung des Volumens der Billetts bei. Die erst warm und dann kalt gelagerten Billetts, die im letzteren Fall also der Feuchtigkeits-Annahme ausgesetzt sind, weisen bei einem Stapel von 100 Stück einen Stärkeunterschied von 2530mm auf.

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Diese Schwierigkeiten und die Beschränkung automatischer Leistung sind bei dem Billettautomaten nach dem Abel-System beseitigt: Denn das Billett wird genau wie die Briefmarke von der Rolle verkauft, es hat auch nur die Stärke einer Briefmarke. Hieraus ergibt sich, dass die Anzahl der Billetts, mit denen der Automat auf einmal gefüllt werden kann, nach oben fast unbegrenzt ist. Eine Billettrolle kann 8000 bis 10000 Billetts enthalten; der Apparat arbeitet mithin 1012 mal so lange, ohne wie die bisherigen Automaten menschliche Bedienungskräfte zu beanspruchen. Um einen der bisher gebräuchlich gewesenen Automaten mit seinem Fassungsvermögen – 600 Billetts – auszustatten, bedarf es, da die Billetts in Stapeln von je 100 Stück zusammengebunden aufbewahrt werden, eines zwölfmaligen Zugreifens des Beamten und der Lösung von 6 Schnüren. Eine Menge von 10000 Billetts bedarf also bei solchen Automaten etwa 200-maligen Zugreifens des Beamten und etwa 15-maligen Öffnens und Schließens des Automaten, während beim Abel-Billett-Automaten 10000 Billetts mit einem Male durch einfaches Aufstecken der Rolle eingelegt werden. Witterungsverhältnisse können die Funktionen des Rollen-Billett-Automaten selbstverständlich in keiner Weise beeinflussen: er verausgabt ohne Störung 25 Billetts in der Minute.

Die verschiedenen Erleichterungen und großen Ersparnisse, die der Billettverkauf von der Rolle überhaupt in sich schließt, hat Amerika längst erkannt, das heute bereits Billetts im Handbetrieb von der Rolle verkauft. Im Verkauf des Billetts von der Rolle und der Verwendung eines biegsamen, dünneren Kartons anstelle der starken Pappe liegt zunächst schon eine wesentliche Papierersparnis, die bei dem Massenverbrauche von Billetts bei allen Bahnen der Welt das Unkostenkonto erheblich entlasten würde.

Die Berliner Stadtbahn hat im Jahre 1907 etwa 139000000 Billetts ausgegeben. 1000 Stück Billetts aus starker Pappe mit Druck werden mit etwa 90 Pf bezahlt. Das Billett aus Karton kostet etwa 60 Pf für tausend Stück. Dieser Preisunterschied würde also der Berliner Stadtbahn im Jahre 1907 eine Ersparnis von etwa 41000 Mark gebracht haben, wenn sie das Billett von der Rolle am Schalter verkauft hätte. Beim Verkauf durch den Automaten, der in der Minute 25 Billetts, also mindestens so viel wie ein Beamter verkaufen kann, kommt noch die Personal-Ersparnis und die Möglichkeit, den Andrang an den Schaltern durch Errichtung zahlreicher automatischer Ausgabestellen zu vermeiden, hinzu. Wesentliche Etatentlastungen wird aber auch die Vereinfachung der Kontrolle bringen, da die Bestandsfeststellungen der nummerierten, noch an der Rolle befindlichen Billetts einfach durch Ablesen der Nummern des nächstzuverkaufenden Billetts an der Rolle erfolgen kann.

Für die Kontrolle der Billettbestände besoldet die Preußische Staatsbahn etwa 1000 Beamte, die ein Jahresgehalt von ungefähr 2500000 Mark beziehen. Mehr als die Hälfte dieser Ausgabe kann durch die Vereinfachung der Kontrolle erspart werden, die der Billettverkauf von der Rolle und durch den Abel-Automaten ermöglicht.

In Amerika hat man, wie bereits erwähnt, schon lange den in Europa noch herrschenden Brauch, einzelne Billetts aus fester Pappe zu verkaufen, aufgegeben. Obwohl man auch in Amerika bisher noch keine Maschine zur automatischen Billettausgabe von der Rolle kannte, stellt man für den Handverkauf am Schalter die Billetts in großen Rollen aus elastischem Kartonpapier her. Durch Übertragung des Schalterdienstes auf den für den Billettverkauf von der Rolle vollkommen ausgestatteten Abel-Automaten wird es möglich, das amerikanische Billett-Verkaufssystem in allen seinen Vorteilen auszunützen. Der Schalter wird außerordentlich entlastet, das Publikum schneller bedient, und die Betriebs-Spesen werden herabgesetzt.

An der Einführung des automatischen Billett-Verkaufes von der Rolle sind nicht nur sämtliche Eisenbahnen, Hoch- und Untergrundbahnen interessiert, sondern auch alle Unternehmungen, die ein gleichbleibendes Eintrittsgeld erheben, wie z.B. Kurparks, Konzertlokale, Zoologische Gärten, Sportplätze, Wasserfähren, Brückenübergänge, Museen usw., weil sie in demselben Verhältnis wie die Eisenbahnen durch diese Neuordnung ihres Billettverkaufs Ersparnisse erzielen werden. Ein Teil dieser Unternehmungen verausgabt heute schon elastische, d.h. Billetts aus Kartonpapier, allerdings meistens vom Block, da der Verkauf von der Rolle erst in dem Augenblicke zur vollen Bedeutung gelangen konnte, als es gelungen war, die Billett-Rolle in Verbindung mit einem Automaten zu bringen und damit den Schalterverkauf zum größten Teile entbehrlich zu machen.

• Ober-Postpraktikant Schikorowski

Siehe auch: Postwertzeichen-Automaten • Verkehrstechnische Woche • 3.4.1909

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