Feuilleton

Die Aufhebung der Torsperre zu Hamburg

Illustrirte Zeitung • 2.2.1861

Als gegen den Schluss des verflossenen Jahres die ›Bürgerschaft‹, d.i. der steuerbewilligende oder verweigernde Teil des gesetzgebenden Körpers, mit ganz entschiedener Majorität das Fortbestehen der Torsperre verweigerte, gab das in Hamburg eine Bewegung der Gemüter, wie sie wohl nur von denjenigen ganz verstanden wird, welche bei der Torsperr-Abnormität groß geworden sind, denen sie gewissermaßen aus dem Leib gewachsen war. Die Torsperre hätte sich beinahe in eine allgemeine Maulsperre verwandelt von des erschreckten Finanzmannes mit Kopfschütteln verbundenem, staunenden, offenen Munde an die zu den Lippen des gewöhnlichen Mannes, die sich zu einem stereotypen »Wo kann’t angah’n« auftaten.

Aber die Mehrzahl der Leser wird das Ding, von dem hier die Rede, gar nicht kennen. Ich will es ihnen aus verschiedenen Anschauungen erklären.

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Eine Sperre war ed eigentlich nicht, sondern vielmehr die Erlaubnis, gegen 2, 4 und 8 Schilling (je nach den Stunden von der Dämmerung bis 10Uhr, von da bis Mitternacht und schließlich bis zur Morgendämmerung) durch die zwischen Stadt und Vorstädten liegenden Tore zu passieren, nachdem vor Erfindung dieses Instituts die Tore nachts ganz geschlossen gewesen waren. Zugleich war es eine Finanzmaßregel, welche einen Nettogewinn von einigen Hunderttausend Talern brachte. Die nebenher oft ausgesprochene Behauptung, es sei eine gute Kontrolle gegen hereinlaufendes Gesindel, hat wohl eigentlich kein Mensch geglaubt; denn wer bettelt, bettelt sich auch 2 Schilling Sperrgeld zusammen und wer einbrechen will, steckt sich die Dietriche nicht vor den Hut, um sich von den Torwärtern arretieren zu lassen.

Ich habe einen humoristischen dicken Nachbar – notabene wir wohnen beide außerhalb – dieser Mann war von jeher ein verbissener Feind, aber – wie er behauptet – ein gründlicher Kenner der Torsperre; hören Sie, was er darüber sagt.

Die Torsperre war eine Versuchsmaßregel, wie lange es ein Mensch (und Torwächter sind doch auch Menschen) aushalten könne, in Frost, Regen und Wind auf der Straße zu stehen, ohne Krank zu werden.

Es war eine väterliche Sorge des Staates für die Ärzte, denen er eine Menge von Lungenkrankheiten in die Praxis lieferte , welche sich die Leute an den Hals liefen, um den Doppelschilling Sperrgeld zu ersparen, analog den Galopps, welche man täglich von Börsenmännern ausführen sieht, wenn die Glocke läutet, mit deren letzten Schlägen 4 Schilling Eintrittsgeld bezahlt werden müssen.

Es war eine Sittlichkeits-Anstalt, welche die durch ein Tor von ihrem Wohnhaus getrennten Leute zwang, statt etwa Nachts 12Uhr nach Hause zu gehen, das nun hübsch ordentlich bei Tage, d.h. den andern Morgen um 7Uhr zu tun.

Es war eine offizielle Maßregel, ein großes, hochgewachsenes Geschlecht heranzubilden – und in der Tat es war erstaunlich, wie viele Riesenkinder unter fünf Jahren zum Vorschein kamen, weil – nur Kinder unter sechs Jahren sperrfrei durchpassieren durften.

Es lag im Sperrzwange ein tiefer konservativer Zug für die Romantik vergangener Zeiten. Was kann man sich z.B. romantischeres denken, als wenn ›Krischan aus der Stadt‹ und ›sien’ Ann’marie van buten‹ sich den letzten Abschiedskuss durch die Eisengitter des Tores geben, oder – welch’ glücklicher Übergang in das Grundprinzip moderner Praxis! – dieses Hindernis mit landesüblichen Münzsorten beseitigen mussten.

Sie sehen, mein Gewährsmann versteht sich daraus, den Grund der Dinge zu erforschen; er wusste sogar auch einen Rat für denjenigen, der unlängst um der Sperre das Wort zu reden, öffentlich hervorhob, wie es ihm und gewiss vielen eine liebe Gewohnheit geworden sei, an den Toren ihren Doppelschilling zu opfern. Eine ›Büchse für Narren‹, meint mein Nachbar, dem ich nun übrigens einen Sperrriegel vor den Mund stecken werde, würde da schon hinreichen.

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Aber eine hat er vergessen, der gute Mann, dass nämlich die vorstädtischen Mietswohner ihre ersparten Sperrschillinge wahrscheinlich künftig doppelt für höhere Miete hergehen müssen. Und ob die Grundbesitzer in der Stadt nicht auch irgendeinen Grund besitzen, um aus dieser Neuerung höheren Zins herauszuschlagen – wer wollte so kühn sein, den Kombinationen einer Hauswirtsfantasie zu folgen.

Doch Scherz beiseite! Die Sache selbst war komisch genug. In einer Entfernung von etwa hundert Schritten zwei Buden zum Ankauf und zur Abgabe der als Kontrolle dienenden Marken; die im Wind und Wetter am Wege stehenden Torwächter; die nötige Überwachung der Wälle und Stadtgräben, oft sehr durch Eisübergang erschwert; das entsetzliche Laufen von Jung und Alt, wenn das fünf Minuten währende sperrdrohende Läuten an den Toren ertönte; und die Unruhe in den Gesellschaften um die betreffenden Stunden, und seltsam genug oft bei Leuten, die anderweit unbedenklich das Zwanzigfache ausgeben: das alles waren dem hierher kommenden Fremden gar wunderliche Erscheinungen.

Als der Abend des 31. Dezembers herankam, wurde es in der Gegend der Tore ungemein lebhaft und jeden Augenblick steigerte sich der Anlauf des Volkes, das den willkommenen Anlass wahrnahm, seinen ›Altjahresabend‹ mit allerhand derben Schnurren zu würzen. Die gefährliche Spitze hatte der Senat dem unvermeidlichen Lärm dadurch genommen, dass er schon am Morgen des genannten Tages die Sperrzahlung tatsächlich aufhören ließ. Die vielen taufend Menschen, welche am Abend heranzogen, fanden eben keinen Hafen, um ihr Mütchen zu kühlen und beschränkten sich auf Aufzüge mit kleinen Fahnen, Punschlibationen auf offener Straße, Verkleidungen in alte Weiber zu Pferde, Herumfahren von Weihnachtsbäumen und dergleichen Trödel mehr, ohne alle Konflikte mit der sehr nachsichtigen Polizei.

Inzwischen waren während der letzten Tage eine Menge Sperrmarken als Andenken aufgekauft, und wenn es wahr werden sollte, was man sich vielfach im Scherz vornahm, nämlich eine Sperrmarke als Kuriosität an die nächste Ausstellung aller Völker zu senden, so möchten wir leicht den Hamburgischen Ausruf der Verwunderung von heute in vielsprachiger Wiederholung finden: »Wo kann’t angah’n!«

• R.G.

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